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Es hat sich ausgekratzt. So viel schon mal vor ab für alle, denen „Out“ und „Fun“ zu kratzig, zu sperrig, zu – pardon – nervig waren.

Vö: 20.04.2018 Glitterhouse iTunes LP kaufen

Man hat sich Zeit gelassen mit „Fake“. Hat, so liest man es in Interviews, einen neuen Songwriting-Modus gefunden, da die drei Nerven jetzt in der Republik verteilt leben. Weniger Jamsession, weniger eine Woche in der einsamen Hütte einschließen und Kratzuniversen bauen, mehr konzentrierte Songarbeit. Und das funktioniert.

Die „Fake“-Reise geht los. Wir sehen uns in 12 Songs.

„Neue Wellen“ entwickelt schon von Strophe eins an einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann, geschweige denn will. Danach eröffnet eine quengelige Tarantino-Gitarre „Niemals“, das in einem „Finde niemals zu dir selbst“ Chorus explodiert, den Heisskalt nicht besser hätte machen können.

„Frei“ ist der Prototyp eines bitterbösen Ich-hatte-einen-Scheißtag-und-brauch-laute-Mucke-Auf-den-Ohren-Songs. Das Brett eine halbe Stunde auf Repeat und auch der schlimmste Chef und bescheuertste Sitznachbar in der U-Bahn ist vergessen. Kurztherapie für die Work-Life-Balance. „Lass alles los“. Aber gerne doch.

„Roter Sand“ ist ähnlich brachial, schaltet aber geschwindigkeitstechnisch drei Gänge runter. Hier fällt zum ersten Mal auch eine Grundsätzliche Produktionsentscheidung auf, die „Fake“ gegenüber „Out“ und „Fun“ abhebt: Auf diesem Album ist die Stimme meist viel mehr ins Arrangement gebettet und leiser gemischt. An den brüllenden Stellen manchmal kaum verständlich, ist viel mehr Teil der Songs, weniger lyrisch aufgesetztes Beiwerk.

Die Akkorde im Chorus von „Alles falsch“ erinnern sehr an „This Boy is Tocotronic“. Das ist aber auch die einzige Ähnlichkeit. Ansonsten galoppiert und indierockt das Stück so, wie es nur die Nerven können.

„Dunst“ ist ein Jam. Ballert los, fällt in sich zusammen, baut sich auf, hört mit dem selben Knall auf, mit dem es los gedunstet ist. Fantastische Dynamik. Und „Aufgeflogen“ kann auf die Feierabend-Hass-Playlist zu „Frei“ dazu. Immer schön auf die Fresse. Aber bevor es eintönig wird, hält der Song inne, atmet, lässt einen atmen, Luft holen. Und dann noch mal alles auf Alarm.

Bei „Der Einzige“ ist man kurz – pardon, noch mal – genervt, vom ewig gleichen Schepperanfang, aber Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn wären nicht die Musiker, die sie sind, wenn sie nicht gezielt Erwartungen aufbauen und dann wunderschön brechen werden. Es wird Disko! Und in mitten der schillernden Diskokugel fragt sich Sänger Julian ob er der Einzige ist, „der weint“. Nach diesem Album sicher nicht. Vor Freude.

„Skandinavisches Design “ prangert die zunehmende IKEA-isierung an, warnt davor dass unser Style nur noch von Amazon empfohlen wird. Und treibt und treibt und treibt. Melodisch wie der Album-Opener sehr eintönig, wird hier noch mal die alte Kratzigkeit mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen, auch mal ruhige Töne anschlagen zu können ohne rumzukitschen gemischt.

„Explosionen“ ist musikalisch gesehen eine fantastische Anti-These zum Titel. Man wartet auf musikalische Ausbrüche vergeblich. Alles vibriert hier unter der Oberfläche, die finale Chorus-Explosion aber verweigert die Band.

„Kann’s nicht gestern sein“ ist das musikalische Meisterstück des Albums. Zarte Strophenparts, sich aufbauende, sich in unbändige Soundwände und galoppierende Breaks aufbauende Parts, alles fließt hier ineinander. Man schließt die Augen und lässt sich lächelnd in den Strudel mitreißen. Und es braucht auch nicht mehr Text als die Titelzeile. Sagt ja schon alles.

Titelsong „Fake“ schließt ab. Nach all dem Getöse, gibt’s noch mal Gesellschaftskritik ohne Drumbeat. „Her mit eurem Lügen, her mit eurem Neid“ fordern die Nerven und man ergibt sich. Liebe Nerven, ihr kriegt alles, was ihr wollt.

Liebes 2018, es wird verdammt schwer, hier noch einen draufzusetzen. Musikalisch, textlich, im Songwriting, in allem, ist „Fake“ ein Album, das in den meisten Jahreslisten mindestens in den oberen zehn sein wird. Was soll denn jetzt noch kommen?

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