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„A B C“, prangt es in großen Lettern auf dem Debütroman von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow.

Buch kaufen Vö: 14.02.2019 Kiepenheuer & Witsch

Das Buch selbst nennt sich „Aus dem Dachsbau“, doch die Betonung der drei symbolischen Anfangsbuchstaben des Alphabets ist natürlich nicht ganz zufällig gewählt:

„A B C“ heißt etwa eine von von Lowtzow sehr geschätzte Popband, die im Jahr 1982 mit ihrem Album „The Lexicon of Love“ einen Genreklassiker veröffentlichte.

Eine „Enzyklopädie der Liebe“, wie von Lowtzow vor einigen Jahren schwärmerisch erzählte, und damit zugleich das Referenzwerk, an dem man sich bei den Aufnahmen von Tocotronics „Rotem Album“ im Jahr 2015 selbst orientierte – ein Album, das einen tiefen Einschnitt in der Karriere der vier Musiker darstellte. Tocotronic öffneten sich und ihre Herzen (nicht zuletzt in dem Song „Ich öffne mich“), sie fanden eine klare, mit wenigen Wörtern auskommende Sprache, mittels der sie ihre Botschaften nun verkündeten. Der eingeschlagene Weg wurde auf ihrem im letzten Jahr veröffentlichten Werk „Die Unendlichkeit“ konsequent weiter verfolgt. Darauf werden in 12 Songs abschnittsweise verschiedene Stationen in Dirks Leben beleuchtet. Am vorläufigen Ende dieses Weges steht nun das hier vorliegende Buch des Texters und Komponisten von Lowtzow, das ebenfalls stark autobiographisch geprägt ist.

In einem Interview wurde er neulich gefragt, ob Tocotronic oder Dirk von Lowtzow (also der Autor) wichtiger seien. Nach einer längeren Pause des Überlegens ließ er verlauten, dass dies unmöglich zu beantworten sei, da das eine ohne das andere nicht zu denken sei.

Nachdem man das Werk gelesen hat, weiß man, wie er dies gemeint haben könnte. Denn ist man mit dem Schaffen von Tocotronic rudimentär vertraut, so lassen sich zahlreiche Parallelen ziehen zwischen verschiedenen Abschnitten aus „Aus dem Dachsbau“ und diversen Toco-Songs. Gegliedert ist das Buch – natürlich – alphabetisch, von A-Z. Als kleine Unterkapitel lassen sich kurze Abschnitte zu verschiedenen Themen finden: das erste Kapitel etwa widmet sich „ABBA“ und Dirks Erinnerung aus seiner frühen Kindheit, als die „Harmoniegesänge und Discobeats“ der schwedischen Popband versprachen, „Einsamkeit und Isolation abstreifen zu können, aufgehoben zu sein in Musik und buntem Licht und mich im Tanz als glücklich zu erleben“. Dies wird in Kontrast gestellt zu der Erfahrung, wieder ein mal ausgeschlossen worden zu sein, als die Nachbarskinder Fußball gespielt haben. Das ist eines der Grundmotive des Buches: Ausgrenzungserfahrungen. Das Gefühl, anders, irgendwie nicht richtig zu sein. Ebenfalls lässt sich an verschiedenen Stellen des Buches herauslesen, dass Musik einen entscheidenden Einfluss dabei hatte, sich mit diesem Zustand zu arrangieren. Mit 8 Jahren war es ABBA, mit 14 Hüsker Dü.

Von Lowtzow wird nie allzu detailliert in seinen Ausführungen, was vielleicht auch gut so ist. Stets bleibt er diskret, schmückt seine Anekdoten mit schlauen Gedanken und Metaphern. Dennoch lassen sich viele Einblicke gewinnen in sein bisher doch recht rigoros abgeschirmtes Privatleben.

Vor vier Jahren ließ er auf Nachfrage der ZEIT noch verlautbaren, er halte es für „unappetitlich“, seine Zuhörerschaft mit seinem Privatleben zu „belästigen“. Nun scheint er eine Rolle rückwärts gemacht zu haben, einerseits. Denn andererseits kann das Buch beim besten Willen nicht als belästigend empfunden werden. Dafür ist es zu geschwungen, zu schön. Denn auch in der Öffnung seiner selbst ist von Lowtzow immer noch ein Ästhet. Von den auch hier noch – in bester Dirk-Manier – vorzufindenden kryptischen Abschnitten ohnehin ein mal abgesehen, denn auch in „Aus dem Dachsbau“ ist nicht alles „Eins zu eins“ zu verstehen; damit bleibt er seiner programmatischen Aussage aus dem Jahr 2002 zumindest teilweise treu.

Die Themen der Unterkapitel, die die Leser_innen hier vorfinden können, sind denkbar breit gestreut.

Mal geht es um traumatische Erlebnisse einer Jugendfahrt mit der „Jungen Union“, mal um Erfahrungen beim Idiotentest, ein anderes Mal um seinen bereits mit 26 Jahren verstorbenen Jugendfreund Alexander. Mal findet man eine Liebeserklärung an „Coca Cola“ (und eine überfällige Erklärung dafür, warum die teutonische Brause „Fritz Cola“ zu verteufeln ist), mal die Erläuterung der Idee einer Oper für Yves Saint Laurent, und immer wieder Ausführungen zu geistigen Fluchtbewegungen seiner Kinder- und Jugendzeit (insbesondere mit Comic- und Musikbezügen). Aus dutzenden Einzelabschnitten entsteht am Ende so etwas wie ein Mosaikgebäude, in schillernden Farben glänzend, divers gemustert und sich doch ganz und gar nicht beißend, im Gegenteil: Die unterschiedlichen Erzählstränge überlappen sich, werden im Laufe des Buches wieder aufgenommen, , manchmal im Verlauf miteinander verknüpft, manche nur rudimentär ausgeführt. Das Buch hat eine kurzweilige und unterhaltende Wirkung, die Sprache ist über weite Strecken angenehm unangestrengt. Ein facettenreiches Buch, weitaus mehr also als nur eine Überbrückung der Wartezeit für das nächste Tocotronic-Album.

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  • 9/10
    Autor Luca Glenzer - 9/10
9/10

Kurzfassung

Christiane Rösinger hatte bereits vor Jahren vorgelegt, Jochen Distelmeyer, Frank Spilker, Jens Friebe, Thomas Meinecke, Peter Hein, sie alle waren nachgezogen (von Thees Uhlmann, Nagel, Bela B. und Konsorten ganz zu schweigen); nun also auch Dirk von Lowtzow. „Aus dem Dachsbau“ ist ein autobiographisches Buch geworden, wenn auch keine Autobiographie im klassischen Sinne. Dafür würden dann vielleicht auch die essenziellen Grundzutaten fehlen: Sentimentalität, Rechtefertigungsdrang, überbordender Narzissmus. Vor all dem werden wir hier bewahrt. Stattdessen werden autobiographische Anekdoten gepaart mit Überlegungen, humoristischen Einsprengseln und nicht zuletzt Abschweifungen in die skurrile Fantasiewelt des Dirk von Lowtzow.

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