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Verträumter Düsterrock voller Mystik und Melodien.

Vö: 10.04.2020 Prophecy Productions 2LP kaufen

Als die Niederländer 2017 mit Here Now, There Then ihr Debüt vorlegten, war man sich in Kritikerkreisen eigentlich schon einig, dass es sich hier wohl um keine Eintagsfliegen handeln würde.

Sängerin Ryanne von Dorst und Reste der kurz zuvor aufgelösten Okkult-Rocker von The Devil‘s Blood formten hier eine mehr oder weniger klassische Rockband, die sich nicht ohne weiteres einem bestimmten Genre zuordnen ließ und deren erstes Album fast ausschließlich auf Begeisterung stieß.

Jetzt, drei Jahre später erscheint tatsächlich mit Summerland der Nachfolger, natürlich wieder auf Prophecy Records, aus deren Stall eigentlich noch nie etwas schlechtes in die Welt geritten ist. Scheint auch zukünftig nicht zu passieren, Dools Zweitling ist nämlich ganz schön geil und versüßt dem arg genervten Rezensenten seine Zeit der gesetzlich vorgeschriebenen Ausgangsbeschränkung (wer das später lesen sollte, wir befinden uns mitten in Zeiten der Corona-Krise, hier in Bayern steht alles still).

Bereits die ersten Takte des Openers Sulphur & Starlight lassen Spannung aufkeimen, die angezerrten Gitarrentöne werden bald durch erweckende Trommeln und letztlich durch die angenehm abgeklärte Stimme der Sängerin angereichert. Treibende Post-Punk-Anleihen, die allerdings durch die einnehmenden Melodien eher poppig denn bedrückend wirken und nicht zum letzten Mal auf dem Longplayer nach den Sisters Of Mercy, Fields Of The Nephilim und deren Umfeld klingen, werden bis zum Chorus stetig ausgebaut. Der wiederum geht derart gut in Gehör, Mark und Bein, dass man fast schon geneigt ist, die Repeatfunktion zu aktivieren. Einen gewissen Hang zur Psychedelica lässt sich hier auch kaum verleugnen, der seinen Ausbruch in einem entsprechenden Interlude findet. 

Die Single Wolf Moon würde ich jetzt fast schon als proggig bezeichnen und bin mir sicher, dass Freunde von späten Opeth hier kaum dran vorbei kommen werden.

Per Wiberg, der Tastenmann der Schweden gibt sich auf dem Album stellenweise die Ehre, mein erster Eindruck passt also zum Promotext, prima. Leadgesang und Gitarren werden im Laufe des Stücks immer dichter, die entsprechenden Sololicks tragen ihren Teil dazu bei, dass wir es hier bald mit fettem, breitbeinigen Classic-Rock zu tun haben. Kinder, das macht grad richtig Spaß! Das folgende God Particle beginnt mit orientalischen Klängen, die immer weiter getrieben und beschleunigt werden, bis das Stück in einer drogenschwangeren Spacerock-Eskapade ankommt. Die hypnotische, beschwörende Stimme Van Dorsts befindet sich absolut auf ihrem Zenit.

Der Titeltrack hat postrockige Züge und bedient sich, wie in diesem Genre Usus, dem Element des Aufbaus. Geht es anfangs noch eher sachte zu, verträumt, bewusst dissonant, kommt im weiteren Verlauf ein schleppendes Doom-Feeling auf. Die Gitarren kommunizieren in einer Art kontermelodischem Zwiegespräch und vereinen sich später zu doppelstimmigen Licks, während die Stimme klarer und sanfter wirkt als bei den meisten Stücken. Zum Ende hin werden Klangelemente fetter und direkter und das Ganze dynamischer. Eigentlich einer der besten Songs auf dem Album, weil er nicht wie die ersten beiden Stücke ungebremst ins Ohr geht, sondern seine Eingängigkeit erst erarbeitet werden muss. A Glass Forest setzt in puncto Druck und Dynamik sogar noch härtere Akzente, klingt wieder sehr nach schwedischem Prog-Metal und weiß allein dadurch zu gefallen. So ein bisschen mehr Aggressivität hätte dem Album auch gar nicht schlecht gestanden. Zum ersten Mal fühle ich mich an ein paar andere Schweden erinnert, nämlich an den Herrn Forge und seine Ghouls von Ghost. Ich gebe zu, die mag ich seit jeher sehr, weshalb ich mich hier auch voll in meinem Element wähne. 

Beim sinistren The Well‘s Run Dry bekommt Okoi Jones von Bölzer eine Sprechrolle und einmal mehr fühle ich mich an den britischen Goth-Rock der 80er erinnert, allerdings klingt es erneut nicht wirklich nach einem Plagiat und weiß zu gefallen. Hier stimmt wieder alles, perfekte Stimmung, wunderbare Melodien und die nötige Portion Druck, die vor allem durch das geile, versierte Gitarrensolo noch deutlich unterstrichen wird. Die Band macht keinen Hehl daraus, dass sie sich durch Alternative Rock und Grund der 90er inspirieren ließ, was mir bisher bei keinem der Outputs groß aufgefallen ist. Bei Ode To The Future strotzt schon das Eingangsriff vor Reminiszenzen an die Zeit und klingt nach Breeders, Cranberries oder ähnlichem. Eigentlich ein sehr positiver, ja wieder recht poppiger Song, der die Stimme der Sängerin wieder in neue Gefilde treibt. Bevor man allerdings zu lächeln beginnt, walzt wieder ein doomiger Part heren, den man mit düsteren, spacigen Akzenten gespickt hat. 

Be Your Sins ist (sorry) Ghost pur und hätte problemlos Platz auf deren letztem Album finden können. Aber, das muss man sagen, muss das ja absolut nichts schlechtes sein! Ist es auch nicht, ganz und gar nicht. Der Chorus fetzt, die Licks sind schlicht der Hammer und das fette Orgelsolo schmeißt zum Ende hin alles um. Das lange Dust & Shadow vereint noch einmal alle vorher gebrauchten Elemente und Stilmittel und krönt das Werk. 

Inhaltlich geht es übrigens laut Songschreiberin Ryanne „um die Suche nach einem Platz für sich selbst auf dieser Welt und einem irgendwie vollkommenen Geisteszustand, ekstatisches Lustempfinden und Wiedergeburt“ und das unterschreibt man sofort, wenn man sich etwas mit ihren Texten beschäftigt.

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Zusammenfassung
Überaus kurzweiliges und eingängiges Rockalbum, das Dool den Status aus Ausnahmeerscheinung erhalten wird. Man verliert sich leicht in den wunderbaren Melodien, wünscht sich vielleicht an manchen Stellen noch etwas mehr Heavy Metal, aber vielleicht wird da ja beim dritten Album mehr Wert drauf gelegt. Alles in allem richtig geil, in sich auch etwas schlüssiger als das Debüt.
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Leser Bewertung 5 ( 1 Bewertungen)
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