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22 Jahre alt. Aus Herxheim in der Pfalz. Ein Außenseiter in der Schule. Ein nostalgischer, doch fest entschlossener Blick. Britischer Look. Ein Smalltown Boy, wie der 1984 von Bronsky Beats besungen.

Max Gruber war sicherlich „the one that they’d talk about around town“. Und über ihn spricht man in diesen Tagen mehr als denn je. Als Drangsal. Sein Debütalbum „Harieschaim“ holt den Klang einer vergangenen Welt zurück.

Brachialpop. Eingängig und brutal fesselnd. Frech, leicht kitschig und angenehm weich wie plüschige Handschellen. „Harieschaim“ ist moderne 80er-Musik, die einen nicht loslässt. Die zum Tanzen zwingt. Die Unbeschwertheit des 80er-Wave-Pops, aber auch seine unterschwellige Melancholie erklingen in den zehn Tracks des Debüts. Zwischen Hand-Claps, „Hey“-Rufen und eingängigen Melodien vergisst man, aus welchem Jahr das Album ist.

Max Gruber mischt glitzernde, pinke Akzente der 80er mit einer gewissen Rotzigkeit a la Fehlfarben, fette Synths mit nervösen Bass-Lines und wavigen Gitarren-Riffs. Er singt auf English und dann auf Deutsch. Er spielt auf dem WGT sowie auf dem Melt!, er ist in der Tagesschau sowie in der Spex. Eingängig, aber nicht zu pop. Nostalgisch, aber nicht zu goth. Elektronisch, aber nicht zu kalt. Irgendwie ist Drangsal für alle da.

„Harieschaim“ ist eine dichte, atemlose Reihenfolge von möglichen Tanzfläche-Hits. Obwohl Max Gruber selbst in mehreren Interviews gesagt hat, er hasse Clubs. Man kann aber auch ganz privat und wild in seinem Wohnzimmer tanzen. Und so ist Drangsal: Mit scharfen, provokanten Sätzen sowie mit Beats haut er um und provoziert. Gleichzeitig aber gibt es private Seiten in den Lyrics und eine sehr direkte Energie.

Einige Tracks wie „Hinterkaifeck“ oder „Love Me Or Leave Me Alone“ sind wie aus dem Film „Pretty in Pink“ herausgesprungen, andere haben eine eher punkige, angepisste Attitüde. Diese Mischung lässt das Album modern und neu klingen, trotz aller Referenzen aus den 80ern. Mit dem eindringlichen Bass von der ersten Single „Allan Align“ öffnet sich das Album. Der Song kann nichts anderes als einer Hit sein, sehr schön dröhnen die Drums und die Gitarre glitzert wie eine Disko-Kugel in alle Richtungen. Wenn man ihn nicht immer mit The Cure oder New Order vergleichen wird, dann kommen Lust For Youth, Corners und die neuesten Moving Units in den Sinn. Drangsal verwebt ein omnipräsentes Bass-Skelett mit hunderten Synth-Klängen und lasziven Gitarren-Riffs, die sehr schön miteinander harmonieren. „Der Ingrimm“ ist mit seinem explodierenden Ende Beispiel dafür.

Raue Neue Deutsche Welle erklingt in „Will ich nur Dich“ mit seiner direkten Ansprache und dem Chor, alles aber abgerundet von Saxofon und Glöckchen. Wieder rennt die Bassline wie ein Zug durch den Song und schleppt alles mit sich weiter. „Hinterkaifeck“ hat eine wunderschöne, in den Raum hallende und breite Gesangslinie, die an Tears For Fears erinnert und ist zweifelsohne einer der schönsten Tracks. Genauso wie „Do The Dominance“. Hier bleibt man hängen. Hier dominiert Drangsal mit seinem fesselnden Sound. Die Synths und Drums-Effekte klingen sehr nach Depeche Mode, genauso wie der Inhalt a la „Master and Servants“. Der Refrain prägt sich sofort ein, und man erwischt sich dabei, über BDSM mitzusingen. Weiter in Richtung 80er-Synthpop geht es mit „Moritzzwinger“ und der Single „Love Me Or Leave Me Alone“. „Shutter“ ist ein aufgeregtes fast nervöses Indie-Stück mit einer wellenartigen Melodie und einer schön punktierenden Gitarre.

Etwas deplatziert und überraschend wirkt „Slice Bread #2“, fast wie ein dissonantes Vorspiel – eher brachial als pop – des letzten Songs „Wolbertinger“. Dancepunk vom feinsten mit schlängelnder Gitarre und eisernen Synths.

Süß oder arrogant, sicherlich manchmal kontrovers, Hype oder nicht: „Harieschaim“ von Drangsal klingt einfach sehr gut, die Songs sind rund und mitreißend, das Album ist gut produziert. Ein smalltown boy, der seine Antworten gefunden hat und in Sound übersetzt hat.

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