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So war es beim Dunk!festival 2018.


Jedes Musikgenre, eine jede Musikkultur entwickelt seinen eignen künstlerischen Kosmos, einen eigenen Kanon und auch eigene Verhaltensweisen. Das gilt für die MusikerInnen, die KünstlerInnen genauso wie für das entsprechende Publikum. Diese können je nach Perspektive schöne, wünschenswerte oder auch unerwünschte Seiten haben. Mancher mag sich am lauten Publikumsgesang der großen Headline-Acts bei Pop & Rockfestivals stören und sich an der konzentrierten Stille des klassischen Konzertpublikums erfreuen, oder eben genau andersherum. Beim Dunk!festival im belgischen Zottegem gibt es jedenfalls (fast) keine Probleme mit ungeübtem, schief singendem Konzertpublikum. Schließlich spielen die meisten KünstlerInnen am Wochenende das was man üblicherweise als Post-Rock, oft auch als Post-Metal bezeichnen würde und viele artverwandte Subgenres der alternativen Rockmusik. Pretty In Noise-LeserInnen wissen es ohnehin, aber viel zum Mitsingen gibt es in diesen Genres meist eh nicht – sei es weil viele Gruppen ganz ohne Gesang auskommen oder auch ohne tragende, große Gesangsmelodien im Songwriting. Überhaupt gibt es sehr wenige Probleme auf dem kleinen Festival im belgischen Flandern. Das Festival ist ausgezeichnet organisiert und dennoch sehr entspannt im Charakter, was mit der beeindruckenden Leistung des weitestgehend freiwillig arbeitenden Teams hinter den Kulissen um das Vater & Sohn-Veranstalter Duo Luc & Wout Lievens zu tun hat. Kein einfacher Spagat, den die beiden da schaffen.

Dunk!festival 2018

Es liegt aber auch in der Natur der Sache, dass sich viele Bands auf kleinen, spezialisierten Szenefestivals ähneln. Ein großer Teil der Bands spielt, was im Internet gerne als Crescendo-Core verschrien wird: ausgedehnter, meist cinematischer Post-Rock mit vielen langen Crescendi und Arpeggi im Stile der überaus bekannten Kanadier Explosions In The Sky. Die drei Headliner geben einen groben Überblick darüber, was es 2018 auf dem Dunk!festival zu sehen gab: Caspian mit ihrem cinematischen, melodischen Post-Rock, die Berliner von The Ocean mit ihrer eigenen atmosphärischen Post-Metal Mischung zwischen Prog, Sludge als auch das (Instrumentalspiel) technisch orientierte zwischen Post-Rock und Post-Metal oszillierende Trio Russian Circles.

Es sind also vor allem die Bands abseits der Ansätze der Headliner, die in Erinnerung bleiben. Bands wie beispielsweise Cloakroom, die sich stilistisch zwischen Stoner, Emo, Grunge & Shoegaze bewegen und sich zu Ende ihres Sets in rauschhaft-verträumte, aber gleichzeitig auch schwere und wuchtige psychedelische Höhen spielen. Bemerkenswert, aber auch ein bisschen schade: Obwohl gerade Cloakroom durchaus analog zu den rauschenden, oftmals glasklaren Crescendi ihrer Kollegen in den vielen Post-Rock Kapellen des Festivals arbeiten, sind es gerade die vielen Bands mit dem typischen Post-Rock Sound, welche die wirklich großen Mengen vor die Bühnen des Festivals ziehen. Bei Cloakroom und Co. bleibt es dagegen leider oftmals bei überschaubaren Zuschauerzahlen.

Cloakroom

Oder man denke an Thot, welche den stimmungsvollen letzten Slot auf der Waldbühne am Donnerstag in der Dunkelheit spielen, kurz vor den Headlinern Caspian auf der Zeltbühne. Mit üppigem Federschmuck, langen Kleidern und größeren Mengen an Schminke vermutet man rein optisch eher Epigonen der frühen Florence & The Machine. Die übliche Definition von Post-Rock streifen sie mit ihrer skurrilen Mischung aus Prog, Post-Punk, elektronischen Industrial und düsteren Stimmungen à la Neurosis allenfalls, eher erinnern sie mit und in ihrer schrillen, fesselnden Performance an The Mars Volta oder eine subkulturell stilsichere Variante von Muse.

Waldbühne

Die Headliner Caspian dagegen überzeugen das große Publikum zwar mit einer leidenschaftlichen Show bei beeindruckendem Sound und großer Lichtproduktion und spielen in ihrem Set die Höhepunkte all ihrer vier Alben an, aber ein wenig mehr Sturm & Drang, ein paar Kanten hätten ihrem Set sicher gut getan – so bleibt das Konzert der Donnerstag-Headliner eine zu glatt geratene Angelegenheit.

Überhaupt ist es, wäre es eigene Abhandlungen wert zu untersuchen, wie KünstlerInnen unterschiedlicher Genres eigene Codes in der Publikumskommunikation entwickeln – besonders in so instrumental geprägten Genres wie Post-Rock & Metal.

Viele der Bands entscheiden sich beispielsweise dafür, gar keinen Publikumskontakt zu suchen. So wie die ganz in schwarz, in wüstentauglichen langen Gewändern vermummten Wyatt E. Sie gehören ohnehin zu den extremeren Bands des Wochenendes, können aber auch abseits ihrer Bühnenkleidung und ausgedehnter Publikumsinteraktionen für Aufsehen sorgen, ziehen sie das aufmerksame Publikum mit ihrem okkulten, psychedelisch-orientalisch anmutenden Doom bereits am frühen Nachmittag in den Bann. Und das, obwohl die Mitteleuropäische Waldkulisse dem orientalischen Wüstenflair der Musik deutlich entgegensteht.

Wyatt E.

Etwas kontaktfreudiger zeigt sich die norwegische Band Soup, die sich dagegen an einem psychedelic & (zartem) Progressive-Rock inspirierten Post-Rock Sound versuchen. Ein paar Worte wechseln sie mit dem Publikum, darüber wie glücklich man darüber ist, auf dem Dunk!festival zu spielen. Überhaupt sprechen die KünstlerInnen – wenn sie denn sprechen – gerne an, wie sehr sie sich freuen, auf dem Festival zu spielen, die Ansage zieht sich über das ganze Wochenende. Man merkt es denn Bands und KünstlerInnen auch an, dass sie gerne auf dem kleinen Festival spielen, schließlich gibt es auch über das ganze Wochenende keinen einzigen lauwarmen, unmotivierten Auftritt irgendeiner Band – wo gibt es das eigentlich noch? Zurück zu den Norwegern von Soup: Man fühlt sich bei ihnen stellenweise an Pink Floyd oder Steven Wilson erinnert – eine schöne Abwechslung auf dem Dunk!festival. Ganz der beiden Reminiszenzen entsprechend überzeugen Soup auch durch eine handwerklich beeindruckende Umsetzung ihrer Musik, mit viel Gefühl setzen sie die großen, atmosphärischen Klangbilder ihrer Musik stimmungsvoll in Szene und beanspruchen dabei einige der schönsten Crescendi des Wochenendes. Wie sie sich außerdem die letzten, tiefsten Bassfrequenzen für das allerletzte gemeinsame Forte ihres Sets aufheben ist äußerst effektiv und rundet das Set auf wundervolle Art & Weise ab – ein paar mehr BesucherInnen hätten sie dafür definitiv verdient.

Soup

Redselig zeigen sich dagegen Rosetta, welche die Freitag-Abend Headliner von The Ocean auf ihrer Tour begleitet haben. Da gibt es sogar die fast schon obligatorischen Ansagen von erfahrenen Live Bands (derer, die den Draht zum Publikum suchen), doch zumindest für die sieben Minuten eines Songs die Handys wegzulegen. Immerhin und das ist bei allem üblichen Handy-Bashing auch nicht üblich, bittet Sänger Mike Armie darum, danach doch möglichst viele Beiträge zu teilen und zu liken – schließlich lebt die Band auch von der digitalen Aufmerksamkeit.

Mindestens gleichermaßen differenziert präsentieren sie ihre Musik – der Spagat zwischen dem The Ocean ähnlichen, heavien & direkten Mix aus Sludge & Posthardcore sowie atmosphärischen Shoegaze & Drone gelingt live beeindruckt gut. Die sphärischen Momente tragen sogar deutliche indie-lastige, melancholisch-introspektive Dream-Pop Vibes – eine willkommene neue Perspektive im Post-Metal, die in ihren ungewohnten Kontrasten aus Metal & Indie-esken Stimmungen vor allem Live großartig funktioniert.

Telepathy spielen sich vor den Headlinern auf dem stimmungsvollen Nacht-Slot der Waldbühne zwar durch ein gelungenes Set, bleiben aber kurioserweise vor allem durch ihren Dank für das tolle Publikum beim Desertfest in Erinnerung. Das trockene Wetter haben sie (und Wyatt.E am Nachmittag) aber immerhin mitgebracht (Hier ist auch endlich Schluss mit flachen Witzen über Szenefestivals und ihre geographischen Assoziationen!).

Telepathy

Ob die Headliner von The Ocean es auch schaffen würden, ihr zehn Jahre altes, nicht für Live-Konzerte geschriebenes und produziertes Album Precambrian-Proterozoic gelungen auf die Bühne des Festivals zu bringen? Klar, die Frage ist rhetorisch, nicht zuletzt hatten sie sogar eine ganze Tourwoche Zeit, sich für den Tourabschluss beim Dunk! einzuspielen. Allenfalls Sänger Loic Rosetti schwächelt zum Schluss des Sets ein wenig, was ihm angesichts seiner gewohnt beeindruckenden Bühnenpräsenz und der Leistung sich die Gesangslinien mehrerer verschiedener Gastsänger des Albums zu eigen zu machen, leicht zu verzeihen ist. Die Essenz der vielschichtigen, klanglich facettenreichen Platte mit vielen Gastmusikern und -sängern (ergo unheimlich vielen Tonspuren) haben The Ocean beeindruckend einkochen und sich in ihrer aktuellen Besetzung zu eigen machen können. Live-Cellistin Dalai stellt nicht nur einen gelungenen, lebendigen klanglichen Kontrapunkt zu den kühl wirkenden orchestralen Samples des Auftritts dar, sondern spielt sich mit ihrem Cello auch in die Essenz des Albums hinein und übernimmt viele weitere musikalische Gedanken und passt sich mit ihrem Instrument passend in das Bandgefüge ein, deutlich mehr als das Cello auf dem Album selbst. Dass das Album eigentlich nie für Konzerte geschrieben wurde, fällt in der Live-Umsetzung nicht auf – so haben Anniversary-Touren zu vergangenen Alben zu klingen. Dass sie in der Moshpit vor der Bühne die anstrengendsten, rücksichtslosesten BesucherInnen des Festivals anziehen sei ihnen aber nicht anzulasten.

The Ocean

Der Start in den Samstag gestaltet sich nicht nur, weil es der letzte Festival Tag ist, schwieriger als sonst – die zweite DJ-Fries Party der kultigen Frittenbuden-Besitzer liegt schwerer in den Knochen als manch andere Festival-Aftershow-Party. Interessanterweise ist der Spagat vom speziellen Post-Rock zu den trivialen Feten-Hits (es handelt sich nicht um Großraum-Club Top40 Kracher!) für den anspruchsvollen Festivalbesucher hier leichter zu ertragen und zu feiern als anderswo. Der Kontrast könnte schwer größer sein, aber er funktioniert – ungewöhnlich ausgelassen feiert hier die Festivalgemeinde.

Dunk!fries

Bereits am Nachmittag spielen die Würzburger von Cranial, einem persönlichen Tipp des Festivalveranstalters und Bookers Wout. Die grundsätzlich gelungene Mischung aus Sludge, Doom & atmosphärischen Post-Metal wird durch mehrere, vereinzelte unsaubere Spielfehler getrübt. Schade – der Ansatz stimmt jedoch. Die Appalaches dagegen präsentieren wieder typischen melodischen Post-Rock, wie viele andere Bands des Festivals. Aber derart gelungen, dass der Autor dieser Zeilen dafür sogar die Nahrungspause auf dem Zeltplatz zugunsten der Musik aus der entfernten Zeltbühne für das Konzert gerne unterbricht. Es ist das schöne Beispiel einer Band, die man gefühlt schon unzählige Male gehört hat, aber umso mehr durch die Qualität ihrer Songs und ihres Auftritts als durch ihre Originalität überzeugt. Mehr braucht man eigentlich nicht sagen – schönere und eindringlichere Melancholie sucht man das Festival über vergeblich.

Vor den Headlinern bleiben vor allem Zhaozee und worriedaboutsatan in Erinnerung: Erstere Band kommt sogar aus China und baut ihren instrumentalen Post-Rock auf einer elektrischen Guqin auf, einem traditionellen chinesischem Saiteninstrument auf. Das Endergebnis unterscheidet sich zwar nicht fundamental von dem was man unter Post-Rock erwartet, aber mit der Instrumentierung (Guqin zur bekannten Rock-Band Besetzung) und den entsprechend chinesisch anmutenden Melodien können sie einige interessante, neue Akzente setzen. Man hat es leider schon erwarten können – ihr Set ist unterdurchschnittlich besucht. worriedaboutsatan stechen noch deutlicher hervor – hier hat sich das Dunk! ein Post-Rock orientiertes elektronisches Duo zum letzten Slot auf der Waldbühne geladen. Tanzbare Beats mit elektronischen Texturen zur atmosphärischen E-Gitarre sorgen für einen stimmungsvollen Abschluss im dunklen der Waldbühne, zu dem die ersten vereinzelten Regentropfen des Festivals noch mehr passen als dass sie stören würden. Klanglich orientiert sich das Duo eher in Richtung Forest Swords als tanzbaren Techno und ließen sich sich nicht ganz so viel Zeit im Aufbauen und Vorbereiten ihres Grooves wäre der Überraschungserfolg des Festivals garantiert geworden.

worriedaboutsatan

Ginge man rein nach der Menge der Bandshirts, wären die (zurecht) gehypten Belgier von Amenra die Festivalheadliner. Mit der Shirtanzahl können Russian Circles zwar nicht mithalten, aber während ihres Auftritts wird schnell klar, dass das Trio die großen Festivalheadliner stellen: Es wird viel mitgeklatscht, bereits während der Songs wird laut gejubelt und applaudiert, auch vom hinteren Teil des Zelts sind vorne größere Moshpits zu beobachten und es wird kollektiv geheadbanged – für das Dunk!festival sind das in diesem Ausmaß ungewohnte Szenen. Das Trio spielt aber leider einen der schwächeren Auftritte des Wochenendes, während dem sie öfters mit technischen Problemen zu kämpfen haben. Mehrere der Loops des Gitarristen Mike Sullivan sind sogar rhythmisch unsauber eingespielt, worauf die eigentlich so gut geölte, präzise Maschine der Russian Circles natürlich stellenweise zu stottern beginnt. Manche der ruhigen Momente werden sogar von ganz fremden Samples durchbrochen – wer die Russian Circles kennt und gesehen hat, weiß sicher Bescheid, wie beeindruckend präzise diese Band auch live spielt. Ungünstige technische Bedingungen? Auf dem Dunk!festival, mit sonst so überaus gelungenen Sound, mag man diese Erklärung auch nicht akzeptieren. Im Endergebnis bleibt es natürlich ein weitestgehend gutes Konzert der Gruppe, wobei allerdings aufgrund dieser Probleme keine richtige Stimmung aufkommen mag.

Dem Festival-Feeling schadet der leicht misslungene Höhepunkt zum Glück nicht. Zu harmonisch, zu stimmig ist das Gesamtbild des Festivals, das Wout & Luc Lievens da planen und verantworten. Eigentlich ist das Dunk! eh das Paradebeispiel eines kleinen, gelungenen Szenefestivals in der alternativen Popmusik: Ein Non-Profit Familienprojekt, ohne kommerzielle Wachstumsambitionen (das Festival soll in Zukunft auch in der selben Größe stattfinden), welches stattdessen viel Wert auf ein gute Festivalbedingungen für FestivalbesucherInnen und KünstlerInnen legt.

Wout Lievens

Vor allem die überragende, fast immer beeindruckende Licht & Tonproduktion sei zu erwähnen. Es gab fast keinen Auftritt zu sehen, der an schlechtem Sound gelitten hätte, ganz im Gegenteil. Auf der Waldbühne ist tagsüber Lichttechnisch natürlich nicht so viel möglich wie im Zelt, wo wirklich jeder Auftritt durch die Technik im besten Licht erstrahlt. Auf dem Dunk! stimmen nahezu alle Details – neben dem Frühstück für die Besucher verteilt die Crew am Samstag Nachmittag sogar Cookies und Brownies. Es handelt sich dabei aber ausdrücklich um keinen Bestechungsversuch für Journalisten.

Dunk!festival

Wir sehen uns @ #dnk19: 30.05.2019 – 01.06.2019

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