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Spätestens seit Thom Yorke vor einigen Wochen einen Teil seiner Musik aus dem Katalog der Streaming Plattform Spotify zurücknahm und öffentlich Kritik an dem Geschäftsmodell der Firma äußerte, ist die Diskussion über das Format der digitalen „Mietmusik“ neu entbrannt. Bedeutet Musikstreaming letztendlich die totale Reduzierung von Musik auf ein paar nach Lust und Laune verfügbare Bites?

Joey Flores, bekennender Tool Fan aus San Francisco, sieht das anders: „Ich stimme zu, dass die momentane Situation nicht besonders gut ist und Musik zusehends abgewertet wird. Andererseits gibt es aber eine Menge Firmen, die Bands Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um ihre Musik zu vermarkten, den Wert ihrer Musik aufrecht zu erhalten und Konsumenten zu ihren Fans und Kunden zu machen. Allerdings wissen die Künstler dann häufig nicht, wie und wo sie diese Hilfsmittel anwenden und so Menschen erreichen können, die sich für Musik interessieren.“

Was also tun? Joey, der eigene ernüchternde Erfahrungen mit den Schwierigkeiten des Musikmarketings im Schier unendlichen Webspace gesammelt hat, beschloss das Prinzip Musikstreaming auf den Kopf zu stellen, um Independent Bands auf der Suche nach ihrem Publikum unter die Arme zu greifen. „Es war unsere Idee, eine Streaming Plattform zu schaffen, die diese Hilfsmittel zur Bandpromotion als Funktionen mit einschliesst, anstatt einfach nur möglichst viele Werbeanzeigen zu schalten. Auf diese Weise können die Künstler von ihr profitieren und Kunden und Fans aus ihrem Streaming Publikum gewinnen, sodass ein tatsächlicher Nutzen für die Musikindustrie entsteht.“

Earbits (www.earbits.com) nennt sich das Ergebnis dieser idealistischen Überlegungen, das sich selbst vor allem als Kommunikationsplattform und Presentationsfläche für Independent Künstler versteht. Diese können sich hier ein Profil erstellen, ihre Musik und Merchandiseprodukte auflisten und auf Newsletter und weiterführende Links verweisen.

earbits

Der Nutzer findet sich auf einer übersichtlichen Startseite wieder, auf der er ohne langwierige Registrierung einen der über 200 Sender aller möglichen Genres wählen und sich von einer Independent Band zur nächsten klicken kann, die allesamt sorgfältig vom sechsköpfigen Earbits Team ausgewählt wurden. Entdeckt man dabei etwas Interessantes, in das man sich on demand weiter vertiefen möchte, kostet das kein Geld, sondern sogenannte „Groovies“:

„Wir wollten keine Streaming Plattform wie Spotify schaffen, denn wenn du dir alle Alben und Songs anhören kannst, wann immer du willst, ist die Motivation, diese Musik dann noch zu kaufen, meistens nicht sonderlich groß. Wir wollten die Musik nicht einfach auf diese Art und Weise weg geben, darum haben wir uns diese Währung ausgedacht: Jedes Mal, wenn du etwas tust, das eine Band unterstützt, wie ein Fan auf Facebook zu werden, ihrer Mailinglist beizutreten oder sie mit einem Freund auf Facebook zu teilen, erhältst du dafür Groovies. Wenn du dir dann ein bestimmtes Album anhören möchtest, das zum Beispiel 10 Songs hat, würdest du 10 Groovies für jeden Song zahlen, sodass das Album dich insgesamt 100 Groovies kostet. Auf diese Weise geben wir unseren Nutzern die Möglichkeit, sich ganze Tracks und Alben anzuhören, wann immer sie wollen, wenn sie im Gegenzug dafür etwas für die Bands tun.”

Ziemlich bald wird dem Streaming geschulten Nutzer etwas anderes Ungewöhnliches auffallen: Keine Werbung weit und breit. Earbits wird zu einem Teil durch Investoren finanziert, verlässt sich aber vor allem auf seine Künstler. Die Anmeldung auf Earbits ist sowohl für diese, als auch für den Nutzer kostenlos, für Bands besteht jedoch die Möglichkeit, Geld für eine längere Sendezeit und bessere Präsentation auf ihren Profilseiten zu zahlen. „Im Wesentlichen ist unser Ziel, uns weiterhin auf das Anbieten unserer Services für die Künstler zu konzentrieren und den Wert der Sendezeit zu steigern, sodass sie dafür zahlen möchten.“

Ein gewagtes Geschäftsmodell, dessen Erfolg sich nach drei Jahren Earbits on Air vielleicht noch nicht vorhersagen lässt, aber in jedem Fall darauf aufmerksam machen dürfte, wie viel unentdecktes schöpferisches Potential das Format online Streaming gerade für unbekannte Bands bietet.

earbits 2

Joey für seien Teil zieht eine klare Trennungslinie zwischen Earbits und Streaming Services, die nach dem gewohnten Aboprinzip arbeiten: „Nehmen wir zum Beispiel Pandora (www.pandora.com, in Europa nicht nutzbar): Wenn dein Song tausend mal gespielt wird, verdienst du 1,30 Dollar an den Nutzungsgebühren. Wenn ein Song auf Earbits tausendmal gespielt wird, bringt dir das im Schnitt 24 erreichbare Fans. Du musst dich also entscheiden, was dir mehr wert ist: 1,30 Dollar Nutzungsgebühren von einem werbegestützen Modell oder 24 neue Kontakte, die du über dein Album oder deine Kickstarter Kampagne informieren kannst. Unserer Erfahrung nach ist Letzteres um einiges effektiver: Wir haben Künstler, die an jedem Fan, den sie durch uns gewinnen, ca. 1,50 Dollar verdienen, für 24 Fans macht das also 36 Dollar. Im Grunde steht hier also das Potential von 36 Dollar gegen 1,30 Dollar.“

Thom Yorke scheint Ähnliches durch den Kopf zu gehen: Gemeinsam mit Atoms for Peace unterstützt er den im Aufbau befindlichen Streaming Service Soundhalo (www.facebook.com/mysoundhalo) und hält die Diskussion um das verteufelte Musikstreaming damit weiter am laufen.

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