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Gespenstischer Minimalismus – Musik in schwarz/weiß

Vö: 09.11.2018 Hummus Records iTunes LP kaufen

Ich bin kein Synästhetiker, ich kann leider keine Farben hören, aber wäre ich einer, dann wäre „The Very Start“ von Emilie Zoé sicherlich ein Ohrenschmaus an Grautönen. Noch bevor überhaupt der erste Ton erklingt, fällt schon die die Gestaltung des überaus wertigen Schallplattencovers auf. Bis auf ein Foto auf dem Insert, alles in grau gehalten. Die LP weiß wie Schnee. Mit einem einheitlichen Artwork bekommt man mich allerdings auch schnell und ich spüre erste Wellen der Begeisterung anrollen.

Emilie Zoé kommt auf ihrem zweiten Album mit ganz wenigen Instrumenten aus und verzichtet auf unnötige Schnörkel wie Effekte oder ausladende Arrangements.

Hier zählt vor allem die Stimmung und die ist nicht selten beklemmend, verzweifelt, regelrecht düster, aber gleichermaßen faszinierend und fesselnd. Also Freunde von oberflächlichem, Happy-Pop oder schnöseligem Durchschnitts-Indie dürfen hier jetzt gerne aufhören zu lesen und sich wieder mit ihrer Lieblingsband aus der Hauptstadt beschäftigen. Für alle Neugierigen, die erleben möchten, wie ein kalter Hauch aus einem Paar Lautsprechern kommt, bitte hier entlang!

„6 o’clock“ zeigt bereits ein erstes der auf „The Very Start“ verbauten Attribute, es beginnt knochentrocken. Ein schweres, ja fast schon doomiges Akustikriff und ein gedämpftes Schlagzeug bestimmen den Takt. Die Stimme, die während der gesamten Performance berechtigterweise im Vordergrund steht wirkt unaufgeregt und abgeklärt, aber dadurch auf ihre eigene Weise intensiv. Die Musik wird zunehmend dichter, wozu der Einsatz von Keyboards/Synths beiträgt, die Stimme zwar kräftiger auch brüchiger.

Die verträumten Gitarrennoten von „A Fish In A Net“ könnten genau so das Intro eines grimmigen Death Metal Songs formen, aber selbstverständlich erklingt auch hier wieder die hypnotische Stimme der Künstlerin Emilie Zoé.

Die klanglich völlig unbehandelten Chöre im Hintergrund (ich nehme, dass einfach jeder der in Reichweite des Studios greifbar war, kurzerhand verpflichtet wurde) und ein paar zähe Drumschläge verleihen dem Ganzen eine gespenstische Atmo, die auch gut zu einem „Haunted House“ Soundtrack Song gepasst hätte.

Ein bisschen aufgeregter kommt der „Tiger Song“ rüber, der mit einer latent anschwellenden Aggression spielt, die Stimme drückt deutliche Emotionen aus, wird gelegentlich gedoppelt und von Verdammung ausdrückenden Galeerensträflingsbeats unterstützt. Die dreckige Gitarre lässt erste Verwandtschaft zum längst verstorbenen Grunge-Genre erkennen.

Das schöne, aber etwas entrückte „Blackberries“, so einfach und natürlich, hat auch wieder sehr geisterhafte Züge, wozu natürlich wieder vor allem die Stimme beiträgt.

Ein angezerrtes, simpel gepicktes Gitarrenriff zieht den Hörer spielend in seinen Bann. „Loner“ erfüllt mir einen seit dem Opener gehegten Wunsch und bringt Pianotöne mit ins Spiel, allerdings auch zum ersten Mal richtige Negativität und Trauer. Die Stimme kommt durch ein Megaphon oder einen alten Lautsprecher, eine Orgel wabert trübe dazu.

Doch bevor es zu tief nach unten geht, paukt uns „Nothing Stands“ im wahrsten Sinne des Wortes wieder nach oben. Hier wird nichts beschönigt oder begradigt, Gitarrenstakkatos stampfen voran, der Gesang ist direkter denn je. Das Klavier durfte dankenswerterweise bleiben und beschenkt uns mit ganz wunderbaren Melodien. Bisher der größte Song des Albums.

Das mystische „Dead Birds Fly“ würde sich durch seine unbehagliche Stimmung auch wieder gut als Soundtrack für einen finsteren Film eignen. Die Stimme Emilie Zoé bricht wieder leicht, drückt trotzige Verzweiflung aus und lässt mich erneut schaudern.

In „The Barren Land“ wird zum ersten Mal und keinen Moment zu spät Hall verwendet. Alles vor einer schamanisch wirkenden Soundkulisse, die sich tatsächlich noch zu ein paar positiven, melodischen Tönen hinreißen lässt. Allerdings brettert hier irgendwann weißes Rauschen durch das Bild und es schmerzt regelrecht in den Ohren. Das ist ein krasser, avantgardistischer Move, aber auch gewissermaßen ein Highlight.

Das kurze, bedrohliche und erneut etwas gruselige „Would You Still Be Here“ lebt von geschwollenen Synthesizern und fungiert als Intro für das abschließende „Sailor“. Ein langes, sich stets steigerndes Stück, dass sich nochmal allen bereits verwendeten Stilmitteln bedient und am Ende in einem Ozean aus fuzziger Zerre untergeht. Ganz schön krass, ganz schön gut.

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