Die schlechte Nachricht zuerst: auch mit diesem Album wird Family 5 wohl das Label als die ewige „Das ist doch das Nebenprojekt von dem Fehlfarben Sänger“-Band angehaftet bleiben.

Vö: 24.08.2018 Tapete Records iTunes LP kaufen

Die gute Nachricht folgt dann aber zugleich darauf, denn an der Qualität der Musik von Family 5 ändert dies gewohntermaßen überhaupt nichts.

Der immer wieder genannte Bezug zu den Fehlfarben hängt der Band um Gitarrist und Bandgründer Xao Seffcheque dabei wie ein Klotz an den Beinen.

Absurderweise war Peter Hein in den 80er Jahren lediglich für knapp zwei Jahre Teil der Fehlfarben, woraufhin 10 Jahre mit Family 5 folgen sollten, bis die Band sich Anfang der 90er Jahre vorerst auflöste. Man könnte denken, dass die Fehlfarben folgerichtig als die Band von dem Family 5 Sänger gelten. Tun sie aber nicht. „Monarchie & Alltag“, das erste Fehlfarben-Alben, mutierte bereits in den 80er Jahren zum Klassiker und erhielt Anfang der Jahrtausendwende schließlich eine Goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte Exemplare. Auch Family 5 veröffentlichten im Jahr 1985 jenes Album, das mit der Zeit zum Klassiker avancierte, und auf das heute gerne Bezug genommen wird, wenn die musikgeschichtliche Bedeutung der fünf mittlerweile zumindest für Punk-Verhältnisse betagteren Herren mal wieder unterstrichen werden soll. „Resistance“ heißt jenes Album, das von manchen als das bessere „Monarchie & Alltag“ bezeichnet wird. Doch für eine Goldene Schallplatte, gar Platinstatus reichte es für die Band dann doch nicht, der Legende nach gingen damals gerade mal 5000 Exemplare über die Ladentische. Im Nachhinein betrachtet waren diese Exemplare dennoch von höchster Bedeutung für die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik jenseits von Nena, Peter Maffay und Xavier Naidoo: Bands wie Superpunk oder Die Sterne, die ab den 90er Jahren unter dem Hamburger-Schule-Label firmierten, wären ohne die Soul-Punk-Verquickung von Family 5 nur
schwer vorstellbar.

So, wie man Peter Hein kennt, hat er es natürlich auch ganz auf den quantitativ bescheidenen Ruhm ankommen lassen und es nie anders gewollt.

„Lass mich doch in Ruh“, krächzt er gleich auf dem ersten Stück der neuen Platte, um gleich hinterher zu schieben: „Guck mich nicht so pornomäßig an/ Ich bin Prokrastinator, der alles verschieben kann.“ Hein, der mit Charley’s Girl, Mittagspause und dann den Fehlfarben entscheidend das mitprägte, was man später unter Deutschpunk verstand, gruselte es immer vor der Vorstellung, mit Punk eine Bewegung, ein Lifestyle-Monster erschaffen zu haben. In einer Zeit, in der zerfetzte Jeans, Anarcho-Emblem und schwere Lederjacke zur PunkUniform wurden, und Teens wie Campino den Twens wie Hein in der Düsseldorfer Subkultur nacheiferten, stieg er schließlich kurzerhand im Anzug auf die Bühne und erntete den Hass derer, die vorgaben, der Andersartigkeit zu frönen. Heute singt er: „Stirb jung – der Zug ist längst abgefahren/ Leb schnell – doch die Gelenke müssen Schonung haben“, und man kann sich geradezu bildlich vorstellen, wie er sich dabei ins Fäustchen lacht, den Anforderungen an Punk ein ums andere mal wieder nicht gerecht geworden zu sein. Und damit irgendwie auch schon.

Ob Punk oder nicht – sei es drum. Denn Tatsache ist: Family 5 werden gebraucht – auch im Jahr 2018 und auch auf die Gefahr hin, dass das Publikum am Ende ein sehr ausgewähltes sein wird.

Seit „Was zählt“ aus dem Jahr 2016 ist „Ein richtiges Leben in Flaschen“ das zweite Album, das bei dem Hamburger Label „Tapete Records“ erschienen ist. Und bereits das Cover verspricht Größenwahn in Reinform, wird hier doch in Anlehnung an das „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album der Beatles ein Sammelsurium an obskuren Persönlichkeiten aus Lifestyle, Politik und Musik abgebildet, inkl. der Fab 4 und natürlich Family 5 selbst. Dazu ein Titel, der Adornos Negierung eines richtigen Lebens im Falschen kurzerhand Alkohol-getränkt umdeutet – hier ist also nach wie vor jedes Wort, jeder Baustein an seiner richtigen Stelle. Hein keift, poltert und schimpft, dass es mal wieder ein Fest ist, und hat dabei eine Band an seiner Seite, die seinen Tiraden die passenden Songs auf den Leib schneidert. Die meisten davon befinden sich im mittleren Tempo. Neben der gewohnten und mal wieder groß aufspielenden Bläserfraktion um Markus Türk und Martin Graeber kommen dieses Mal auch eine Bassklarinette, Querflöte, Sitar, und sogar ein Streich-Quintett zum Einsatz.

So ist mal wieder alles beim Alten und irgendwie auch wieder nicht. Im letzten Song „D-Day“, Heins persönlichem Lieblingstrack auf dem neuen Album, heißt es in Anlehnung an hiesige Social Media-Giganten: „Wir lullen euch jetzt erst mal ein/ Wir werden eure Wattepolster sein“. Und tatsächlich, ob man es glaubt oder nicht, stellen die 14 Songs eine Wohlfühloase dar. Man hat das Gefühl, ausnahmsweise mal verstanden zu werden und nicht alleine zu sein. Nein, man hat für eine dreiviertel Stunde eine Familie. Sie heißt Family 5.

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  • 8/10
    Autor Luca Glenzer - 8/10
8/10

Kurzfassung

Ein Album, dem man das Alter seiner Verfasser im besten Sinne anhört. Auf peinliche Forever-Young-Bezüge wird verzichtet, Peter Hein schwingt sich zum sympathischschimpfenden Nachbarn von nebenan auf, der aus dem Fenster gelehnt auf das Zeitgeschehen schimpft und es dennoch nicht übers Herz bringt, sich abzuwenden.

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