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Spaß beiseite!

Der Klaas (ihr wisst schon, der von Joko & Klaas!) hat jetzt eine eigene Band! Immer diese Fernsehfritzen, die meinen, deutschsprachige, hippe Musik machen zu müssen. Unlängst konnte Deutschland einer Band namens Prag beim Scheitern zusehen. Inzwischen habe ich schon wieder vergessen, welche Funktion Nora Tschirner in dieser Gruppe, die irgendwas mit Schlager zu machen schien, übernahm. Nun also der nächste Rundfunkunterhalter, der sein Jahreseinkommen durch Mittelmaß auf CD aufbessern will. Als nächstes also Designerkollektion oder Pralinen im REWE-Regal?1

So viel zur Theorie, praktisch sieht’s anders aus. Und das ist auch sehr gut so. Denn wie Mozart in einem Brief vom 23. Dezember 1778 an seine Cousine neben vielen Kotanspielungen vermerkte: Spass á part!2 Ein gutes Motto für diesen Silberling: Spaß beiseite. Gloria blödeln/rangeln nicht rum. Seit 2008 machen die beiden Herren Tavassol und Heufer-Umlauf zusammen Musik, beide kennt man aus unterschiedlichen Ecken der deutschen Popkultur, der eine macht Musik mit Wir Sind Helden und schreibt für unter anderem Pohlmann oder Olli Schulz, der andere unterhält Deutschland nun schon was länger abendfüllend und war einst sogar für Wetten Dass..? im Gespräch.3 Nun gibt’s also das Erstlingswerk, genannt Gloria, dieses Zweiergespanns, genannt Gloria.

Anstelle von leichtem Entertainment gibt’s wider erwarten gut gemachten Pop, der nicht erkennen lässt, wer da überhaupt singt. Und was Herr Heufer-Umlauf, der übrigens auch gut als Realfilmdouble von Mad-Magazin-Maskottchen Alfred E. Neumann durchgehen könnte, hier aber stimmlich abliefert, ist durchaus nicht zu verachten. Zwar wirkt der Gesangsstil nach dem fünften Albumdurchhören ein wenig eintönig, zeigt aber durchaus gesangliches Talent. Unerwartet. Dabei zeigt sich, dass Klaas die leiseren Stücke besser liegen als die schnelleren, bei denen er aber keinesfalls fehl am Platze wirkt. Vor allem ist diese Stimme aber eins – angenehm. Nicht so angestrengt zerbrechlich (also eklig weinerlich) wie dieser Philipp Poisel, stattdessen sogar authentischwirkend (was auch immer das heißen mag) und gut anhörbar.

Textlich herrscht Melancholie vor, die zwar nicht frei von Klischees und Berlin-Anspielungen ist, aber sich zum Glück auch nicht an aktuell so modischen krampfhaften Casper-Wortassoziationsketten versucht. Hier wird das Rad nicht neu erfunden, Stimme und Text ergeben aber ein sehr harmonisches ganzes. Und Casper imitieren geht eh nicht (I’m looking at you, Philipp-Poisel-Max-Herre-Single), nicht mal Casper kriegt das aktuell gut hin.

Auch die andere, instrumentale Hälfte des Duos, repräsentiert durch Mark Tavassol, seines Zeichens Basssist bei Wir Sind Helden, leistet gute Arbeit: Musikalisch schwebt das Album zwischen leisen, melancholischen Stücken und beschwingteren Popsongs, bei denen aber Klaas immer im Fokus des Songwritings steht. Bei einigen Stücken ist man da fast sauer, dass man der Struktur folgend weiter bei Pop bleibt und nicht in tatsächlich bluesigere oder progressivere Passagen abdriftet.

Insgesamt ist Glorias Erstling ein sehr rundes Album, mit keinen überwältigenden Höhen, aber dafür sehr viel Talent, Potenzial und keinen Rohrkrepierern. Irgendwie hat man es stattdessen geschafft, zehn eingängige Songs auf Platte zu versammeln, die alle ihre eigenen Reize haben – durchaus professionell, ohne aber flach und glattpoliert zu wirken. Ein Ohrwurm wie „Warten“ wurde so vermutlich nicht von ungefähr erste Single und erstes Stück auf Platte. Aber auch andere Stücke, beispielsweise Track 6, „Regen“, und Track 2, „Gute Nacht, Bis Morgen“, sind mehr als ein Anhören wert. Es mag persönlicher Geschmack sein, aber diese langsameren, leisen Songs funktionieren unterm Strich alle sehr gut, der Rest ist immerhin auch gehobene Mittelklasse.

Schwer, dieses Album selbst mit gutem bösen Willen schlecht zu finden. Ich kann nicht umhin, es zu mögen. Dabei kommt man (abgesehen von diversen Medienberichten) in der spärlichen Werbung und im Musikvideo zur ersten Single „Warten“ scheinbar ohne allzuviel Name- oder Facedropping oder sonstiges „HEY DIE NEUE BAND VON KLAAS VON JOKO UND KLAAS VON CIRCUS HALLIGALLI UND MTV HOME UND ALLEM UND JEMAND ANDERS IST AUCH DABEI UND ES IST NICHT JOKO OMG OMG OMG“-Geschrei aus. Sehr sympathisch. Wie so viel an diesem Album. Vielleicht liegt’s auch daran, dass beide Teile von Gloria eh nicht drauf angewiesen sind, finanziell erfolgreiche Musik zu machen und irgendeiner Zielgruppe gefallen zu müssen. Um Wir Sind Helden wurde es zwar ein wenig still (gibt’s die noch?), aber erfolglos waren die zuletzt auch nicht wirklich. Und Klaas… nunja. Keine Ahnung, wie viel man verdient, wenn sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Sender eine Portion vom Kuchen in Form von Joko und Klaas abhaben wollen. Aber ich vermute, dass hier zwei Leute Musik machen, die da Bock drauf haben. Gut so, mehr davon.

1.) Ich klaue nun also auch schon Witze bei meiner Freundin. Bin ich ja mit Mario Barth in guter Gesellschaft.
2.) http://www.zeno.org/Musik/M/Schiedermair,+Ludwig/Die+Briefe+W.A.+Mozarts+und+seiner+Familie/Erster+Band/F%C3%BCnfte+Reihe/140.+an+das+%C2%BBB%C3%A4sle%C2%AB+in+Augsburg,+Kaisersheim,+23.+Dezember+1778
3.) Liebes ZDF, das hätte fast was werden können. Aber neiiiiin. Jetzt habt ihr den Lanz und … dieses pinke, unerträgliche Etwas und irgendwie wird das mit den Quoten nix. Aber wen interessiert da auch schon, was irgendwer wirkliche sehen will?

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