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Die Musik auf „Tales of us“ ist schön anzuhören, dennoch schaut öfter ein etwas eisiges Gefühl vorbei. Ein bildlicher Ausdruck könnte ein über sonnigen und freundlichen Waldwipfeln wehender Polarwind sein.

Vor knapp zwölf Jahren fand in der Berliner Volksbühne ein Abend vom Mute-Label statt. Neben Add N to (X) und Überraschungs-Gast Nick Cave trat am Anfang des Events eine neue Band namens Goldfrapp auf. Die Hauptbühne war in das Bild eines schneebedeckten Tannenwaldes getaucht. Links im Hintergrund stand ein Mann an einem Keyboard, in der Mitte eine schöne Frau in einem Kleid, welches wirkte wie eine Mischung aus kleinem Schwarzen und Fünfziger-Jahre-Stewardess-Outfit. Dargeboten wurden Songs vom noch unbekannten, da erst wenige Monate später erscheinenden Debut-Album „Felt Mountain“.

Ungefähr ein Jahr später gab es ein weiteres Konzert im leider nicht mehr existierenden Maria. Das Programm war ähnlich, jedoch wurde als Zugabe eine Cover-Version von Olivia Newton-John´s Hit „Physical“ gespielt. Die Sängerin Alison Goldfrapp trug ein komplett anderes Outfit in Pink und wirkte eher wie ein Vamp.

Damit war der Grundstein für das gelegt, was Goldfrapp bis zum heutigen Tag präsentieren: eine stetige Transformation mit Spaß an der Veränderung der Oberfläche sowie der Musik. Gleichbleibendes Trademark ist die gut erkennbare Stimme von Alison.

Schon beim zweiten Album gab es nach dem an „Felt Mountain“ erinnernden Opener „Crystalline Green“ bei der ersten Single „Train“ pumpende Beats und Tanzmusik zu hören, was beim dritten Album „Supernature“ noch verstärkt wurde: die ganze Scheibe wirkt total artifiziell und hedonistisch. Alison Goldfrapp hatte inzwischen dermassen häufig ihre Outfits, Frisuren und Kosmetika gewechselt, dass es manchmal nicht leicht war, sie wiederzuerkennen. Damit war sie eine Vorreiterin der heute angesagten wandelbaren Image-Bildung, da sie nicht nur anders aussah, sondern auch bei jeder Veränderung eine neue Person zu verkörpern schien.

Der Reigen ging weiter mit „Seventh Tree“, welches akustisch-folkig, leicht hippiesk und heiden-mäßig rüberkommt – nur um danach das Konzept der Band wieder auf den Kopf zu stellen und bei „Head First“ – dem fünften Album – mit fetten Moroder-80er-Jahre-Klängen aufzuwarten.

Nun ist mit „Tales of us“ nach drei-jähriger Schaffenspause Werk Nummer sechs erschienen, und es ist zu merken, dass eine Brücke zum Debut „Felt Mountain“ eingeschlagen wurde: etwas episch klingende Ennio-Morricone-Streicher und -Synthie-Flächen, dazu die Akustische; ruhige Songs ohne Beat (von „Thea“ mal abgesehen) und ein schwarz-weisses, leicht streng wirkendes Foto auf dem Cover, welches ein wenig nach Film Noir ausschaut. Ja, „Film“ kommt einem beim Hören von „Tales of us“ tatsächlich öfter in den Sinn, nicht nur wegen der teilweise soundtrack-artigen Musik, sondern auch wegen den Tales (Geschichten), welche Alison meist in der ersten Person Singular erzählt: der Tod ist ein nicht selten vorkommendes Thema. So wird von einem Mord-Komplott berichtet („Thea“) oder die rührende Geschichte zweier Soldaten im zweiten Weltkrieg erzählt („Clay“). Die Beiden sind ineinander verliebt. Einer von ihnen „fällt“ im Krieg, der Andere schickt ihm am Jahrestag des Todes einen Liebesbrief, so als wäre er noch am Leben. Alison berichtet über diese wahre Geschichte, dass sie zu Tränen gerührt war, als sie zum ersten Mal davon hörte.

Musikalisch ist „Clay“ einer der Höhepunkte des Albums. Die Musik auf „Tales of us“ ist schön anzuhören, dennoch schaut öfter ein etwas eisiges Gefühl vorbei. Ein bildlicher Ausdruck könnte ein über sonnigen und freundlichen Waldwipfeln wehender Polarwind sein.

Die Musik ist ein umgarnendes Fundament für die Geschichten von Alison: sie hat genügend Raum, um ihre Geschichten vortragen, eher gehaucht als gesungen (sie kann singen, sehr gut sogar) und beim Kuscheln ist Obacht geboten: wer ist der „Stranger“ im gleichnamigen Lied? Nur hier ist kein weiblicher Vorname als Songtitel gewählt worden. Was noch auffällt: das Lied erinnert stärker als alle andern ans „Felt Mountain“-Debut.

Goldfrapp haben ein schönes Album rausgebracht, welches relativ romantisch, aber durch die Tiefen und Düsterkeiten auslotenden Texte auch ein bisschen gefährlich wirkt.

01 Jo
02 Annabel
03 Drew
04 Ulla
05 Alvar
06 Thea
07 Simone
08 Stranger
09 Laurel
10 Clay

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