Ob nun augenzwinkender Dreher oder sympathische Verwechslung: Der Name Gregor McEwan mag filmaffine Wortspiele assoziieren. Vor allem aber beweist der Musiker hinter dem Pseudonym, dass sich Singer/Songwritertum nicht in kitschig kommerzialisierte Tagebuchpoesie erschöpfen muss, um sein Publikum zu erreichen.

LP kaufen Vö: 12.01.2018 Midsummer Records

Das dritte Studio-Album des Wahl-Berliners, „From A To Beginning“, trifft den Nerv, weil es sich mit der Zeit fein beobachtet auseinandersetzt statt ihr bloß nachzurennen – und dabei eine bemerkenswerte Vielseitigkeit, anspruchsvolle Soundqualität und nachhaltige Substanz offenbart.

Von Veränderung, Beziehungen, Vergänglichkeit; vom Enden, vom Anfangen und den bunten Grautönen der Zeit dazwischen. Davon erzählt Hagen Siems, wie McEwan ursprünglich heißt, in wunderbar detailreich arrangierten Stücken, die sich selbstsicher inmitten der Genregrenzen von Indierock, Folk, Country, klassischen Filmmusikelementen sowie Elektronika bewegen und gnadenlos mitziehen.

Die Songs des ehemaligen HELTER SKELTER-Mitbegründers sind mühelos überall Zuhause. Eine leichte Fingerübung wie die 2017 spontan aus dem Künstlerärmel geschüttelten B-Sides „Torn“ (Natalie Imbruglia-Cover) und „Home For Christmas“ (plus aufwendigem Weihnachtsvideo) war der Entstehungsprozess des neuen Albums allerdings nicht. Tatsächlich musste der 35-jährige Songwriter gewissermaßen erst einmal die Rückspultaste drücken, besinnte sich letztlich auf die inhaltlichen Anfänge seines Debüts, um von hier aus den notwendigen (Rück-)Weg zur Weiterentwicklung nehmen zu können, wie sie jetzt in aller Deutlichkeit im Ergebnis zu hören ist. Waren auf dem Erstling „Houses and Homes“ die Themen des Zuhausefühlens, des Ankommens und des ‚Hinaus in die weite Welt ziehens‘ zu finden und das Ensemble an Ideen und Sounds zwar bereits genreübergreifend, aber noch eher skizzenhaft, darf auf dem aktuellen Longplayer alles ausgereifter, runder und betörender klingen.

Nach dem vermeintlich kürzesten Folk-Opener der Welt „(Hope You Stay) Here For Tonight“, präsentiert die erste Single „Rewind, Retrack, Rename, Restore“ im Kleinen bereits, was die Platte im Gesamten prägt, wenn sie so mitreißend ernergisch im Refrain die Anfänge einer Liebe in einer unverschämt britpoppig melodiösen Ohrwurmigkeit hinaus grölt. Auch das Star Wars-referentielle „Alderaan“ kann da in Eingängigkeit und Tempo mithalten, bevor das wunderschön intensive „Green Mile“ mit rauer Stimme getragen die Mundharmonika melancholisch schmunzeln lässt. Und wenn man denkt, dass das nicht aufhören soll, packt „On Her Radar“ außer der Akkustikgitarre ein unendlichkeitsbeschwörendes Streicherarrangement aus.

Neben soundtrackartigem Interlude („Untitled)“, fingerschnippendem Lieblingssong samt Pauken & Trompeten („Blankets Of Snow“) und Tom Waits-Road-Sehnsucht („Home“) hat dieses Werk in seiner breiten Instrumentierung und Stimmungspalette ziemlich alles zu bieten, was man sich von Folkrock mit Americana-Antlitz wünschen kann. Spätestens, wenn im Schluss- und Titelsong „From A To Beginning“, sich eine voranschreitende Bläsersektion mit einem inbrünstig chantenden Chor mischt, dieser fast verstummt und wieder ausholt, ist das ironischerweise der tollste Moment, in dem die Sogkraft ihren Höhepunkt entwickelt.

Dieses Zwingende an McEwans neustem musikalischen Output liegt dann zum einen in der differenzierten Produktion des Albums begründet. Jeder Song hat hier Platz zur Entfaltung seiner Eigenheiten, jeder Charakterzug wurde durch ein stilistisch entsprechendes Soundgewand herausgearbeitet. Zum anderen traut sich das Ein-Mann-Projekt mutiger und konsequenter als je zu vor, seine Stärken hervorzuheben, die sich beide am Ende zweier Pole befinden: den ruhigen, romantisch wärmenden Kleinoden und den rotzig-kratzigen Ausbrechern. Auf „From A To Beginning“ kommt beides formvollendet zusammen.

Man würde McEwans Musik jedoch Unrecht tun, würde man sie auf formschöne Laut/Leise-Schemata reduzieren. In eine öde Belanglosigkeit, in der sich Rocknummer mit Weltschmerzschmacht beliebig abwechseln, rutscht diese trotz der beachtlichen Albumlänge von 14 Songs tatsächlich nie ab. Da überrascht das Balladeske mit einer euphorischen Abschiedsumarmung aus Bläserarrangements, da darf die brachial kehlende Stimme in eine Pianopassage fallen. Mit all diesen Facetten – auch und besonders in den Lyrics – wird das Ende nie zu einem nur hoffnungslosen Ort karikiert, Beginn nicht einfach glorifiziert. Das macht’s nicht nur nicht eintönig, sondern wohltuend nachvollziehbar. Und das ist’s letztendlich, warum „From A To Beginning“ diese merkwürdig schmeichelnde Substanz innehat, wegen der man allzu gerne auf Repeat drückt, während die Zeit einen bisweilen hadernd zurücklässt.

Ja, da haben wir es wohl: das frühlingsweckende Stück Musik für 2018, das uns aus der Winterdepression herausrafft und den Neujahrsaufbruch mit all seinen trotzigen Tücken begeht – ohne zu vergessen, uns mit den Wurzeln und der Prise Humor auszustatten, die wir für den Neuanfang brauchen.

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