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Die Berliner Punk-Band GRIZOU hat den Weg von allem Irdischen genommen: es gibt sie nicht mehr. Einfach verschwunden. Futschikato. So wie „Six feet under“, The Clash, Minidisc-Player und der Knaack-Club. Die D-Mark möchte ich hier nicht ergänzen, da es sich um dünnes Eis beziehungsweise heikles Gebiet handelt. Und „Yps“ sowie „Brauner Bär“-Eis kann ich nicht sagen, da es beides wieder gibt. Ob letzteres einst auf GRIZOU zutreffen wird?

Beim Hören des zweiten und leider letzten Albums „Kueste“ wünsche ich mir das nämlich. Kaum zu glauben, was die Band für einen Quantensprung nach dem selbstbetitelten Debut hingelegt hat: formell hat sich nicht unbedingt viel geändert: eher gradliniger, aber nicht glatter Deutschpunk mit persönlichen und teilweise emotionalen Texten, die das Weltgeschehen eher aus der Ich-Perspektive anstatt mit Polit-Parolen aufs Korn nehmen, wobei das Ganze durchaus politisch oder gesellschaftskritisch gesehen werden kann. Als Beispiel möge die Eröffnung des ersten Liedes dienen: „Herzlich willkommen im alltäglichen Überfluss, wo es nur funktioniert, weil es entsprechend Verlierer gibt“.

Als Referenzen fallen mir Bands ein, mit denen GRIZOU entweder freundschaftlich verbunden sind oder auf Tour waren – häufig beides, wie zum Beispiel die Maulichs, die Litschitzkis, die Boxis oder auch duesenjaeger.

Die Produktion klingt schön und mehr als ordentlich, die Lieder sind entspannter als in früheren Tagen und dennoch Punk: es wird nicht mehr übers Spielfeld gerast, sondern eher geschlendert (wobei es natürlich Ausnahmen wie „Shopping“ gibt). Auch der Gesang von Andre wirkt in diese Richtung: die Texte sind viel besser zu verstehen als auf dem Debut. Gleichzeitig ist die Platte energetisch und dynamisch. Das ist toll und ein interessanter Spagat. An manchen Stellen klingen die Gitarren nach den gottgleichen und im Gegensatz zu GRIZOU nach wie vor existierenden The Wedding Present – da sind die Goosepimples (Gänsehaut) geschwind da.

Beim letzten Lied wird´s dann ziemlich traurig, denn am Schluss heisst es: „Zeit zu gehen“.

Das wie auch einige andere Lieder wie zum Beispiel „Parole Klarkommen“ waren schon vor dem Erscheinen von „Kueste“ durch diverse Live-Auftritte bekannt.

Das Artwork lässt einen erst mal etwas stutzig zurück: das schöne aufklappbare Pappcover der CD wirkt sehr ruhig und zeigt einen Baum an einem Felsabhang. Innendrin in ähnlicher und ebenso schwarzweisser Aufmachung die Silhouetten von fünf Leuten am Strand, auf der Rückseite ein Bandfoto. Das aufklappbare kleine Booklet ist hingegen eine knallbunte Collage von Band-Bildern, darunter auch das Plakat vom ganz tollen Konzert mit duesenjaeger im Kastanienkeller, welches meine Küchenwand ziert.

Auf der Rückseite des Ganzen befinden sich die Texte in orange auf einem lila Gruppenbild: die sich seltsam anhörende Farbkombi sieht gut aus. Das Booklet stellt also einen deutlichen Kontrast zum Plattencover dar.

Das tut der Freude an der tollen Platte aber keinen Abbruch.

Wenn es das wirklich war mit GRIZOU, dann sag ich beim Abschied zwar traurig, aber trotzdem eher laut als leise „servus“ und danke für die beiden Alben, die Split-Vinyls und vor allem die Konzerte an allen möglichen und unmöglichen Orten – es war immer schön mit GRIZOU.

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