Das österreichische Trio Hidden by the Grapes veröffentlichte mit “Graben” bereits 2017 sein viertes Studio-Album, das hat es aber nach wie vor in sich und gehört besprochen. Eines der rundem überzeugendsten Alben im Bereich der E-Gitarren-Musik seit langem.

LP kaufen Vö: 30.06.2017 Wohnzimmer Records

Mit einem Augenmerk auf authentisch-organischem Rock-Sound bewegen sich Hidden by the Grapes irgendwo in dessen mannigfaltigen Sphären zwischen Alternative, Shoegaze und Noise.

Im Opener wird eine simple Melodie fortlaufend ausgefeilt und verstärkt durch Streicher und eine Ziehharmonika wird zu Beginn gleich einmal Gänsehaut erzeugt. Auf die schwelgerischen Melodien folgt jedoch zugleich das erste Gitarrenriff von „folder nine“ und läutet so den eigentlichen Beginn des Albums und des Sounds der Band ein. Es offenbart sich sofort ein angenehmer Aspekt, der für alle Songs gilt: Hidden by the Grapes legen viel Wert auf organischen und wohlüberlegten Sound, insbesondere in Sachen Gitarren. Hier klingt nichts so, als käme es aus der Büchse und automatisch hat man vielen gegenwärtigen Bands etwas voraus. Da mit Pete Maher aus London ein Könner seines Faches für das Mastering verantwortlich war, welcher auch schon mit Legenden wie den Rolling Stones zusammengearbeitet hat, ist es eigentlich kein Wunder. „folder nine“ spiegelt aber nicht nur im Engineering den Rest des Albums wieder, sondern auch musikalisch. Die Riffs sind nicht per se kompliziert aber hinreichend ausgetüftelt und legen umso mehr Augenmerk auf ansprechende Akkordfolgen. Die nötige rhythmische Brisanz steuern Schlagzeug- und Bass-Arrangements bei, wobei auch hier gilt: Clever genug, um das Interesse aufrecht zu erhalten, aber nicht übertrieben vertrackt.

Eine weitere Trademark von Hidden by the Grapes findet sich gleich darauf in „out of my hands“, das vermehrt Shoegaze-Assoziationen weckt. Dieses Genre ist an und für sich eine schwierige Disziplin, denn durch die ständige Wiederholung von einzelnen Bausteinen und den dadurch ausufernden Teilen läuft man Gefahr langweilig zu werden. Außer, wenn die einzelnen Bausteine überzeugend genug sind, um durch die Repetition und Monotonie Intensität zu erzeugen. Hidden by the Grapes sind darin wahre Meister. Ähnlich verhält es sich mit den Lyrics. Während typische Pop-Bands etwa oft Gefahr laufen durch simple Texte zu Aushängeschildern für Plattitüden zu mutieren, werden diese Textzeilen hier durch eine Wiederholung, beinahe wie im Mantra, nur umso eindringlicher. Geschuldet ist es mitunter den sehr stimmungsvollen Ausführungen und Melodien der drei Musiker, die wahrlich immer den richtigen Ton zu treffen scheinen. Den Vergleich mit legendären Acts sollte man ja, wann immer es möglich ist, scheuen…aber Sonic Youth klopfen an. Und zwar laut.

Man könnte noch viel über „Graben“ schreiben. Deshalb seien als weitere Höhepunkte des Albums lediglich die einprägsamen Melodien der Single „blossom tree“, der wunderbare Jam-Charakter von „new found neurons“ (inklusive destruktivem Gipfeln in klugen disharmonischen Akkorden) und das sehr treffgenaue Abbilden von Melancholie in „deviated light“ erwähnt, welche sich wiederum ohnehin wie ein roter Faden durch dieses wunderbare Gesamtwerk zieht. Je öfter man sich „Graben“ zu Gemüte führt, desto klarer wird auch das lyrisch eine familiäre Situation aufgearbeitet und aus mehreren Perspektiven beleuchtet wird. Eine zwiespältige aber intensive Beziehung zu Elternteilen? Kennen wohl die meisten, es sind also auch Wiedererkennungswerte gegeben. „I don’t need to make my mother proud“, lamentiert Sänger Christian Steiner an einer Stelle, nur um im nächsten Moment lapidar anzufügen: “She’s nice.”

Dieses Album ist auch nice, aber bei dieser Lappalie kann man es nicht belassen. Es ist ein Lichtblick in einer in den letzten Jahren oftmals uninspirierten Rock- und Gitarrenmusiklandschaft. Anhören!

Dieser Artikel ist in abgewandelter Form ursprünglich im österreichischen Magazin ‚mica – music austria’ erschienen.

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  • 10/10
    Autor Sebastian Götzendorfer - 10.0/10
10/10

Kurzfassung

„I don’t need to make my mother proud“, lamentiert Sänger Christian Steiner an einer Stelle, nur um im nächsten Moment lapidar anzufügen: “She’s nice.” Dieses Album ist auch nice, aber bei dieser Lappalie kann man es nicht belassen. Es ist ein Lichtblick in einer in den letzten Jahren oftmals uninspirierten Rock- und Gitarrenmusiklandschaft. Anhören!

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