CD & LP Börse auf Pretty in Noise

Wer pünktlich um acht Uhr in die Muffathalle spaziert und zuvor den wunderschönen Aprilabend im hauseigenen Biergarten an der benachbarten Isar genießt, verpasst die ersten Songs der Flatliners.


Deren treibender Punkrock passt bestens ins Vorprogramm des Headliners und stößt auf viel Liebe beim Publikum. Warum die Kanadier vor dem vermeintlich unbekannteren Tim Barry an der Reihe sind, wird beim Auftritt von Hot Water Music klar: Weil Gründungsmitglied und zweiter Frontmann Chris Wollard gesundheitsbedingt fehlt, hilft Flatliners-Sänger Chris Cresswell aus. Nach dem eigenen schweißtreibenden Auftritt darf er sich zum Lagerfeuer-Folk Barrys hinter der Bühne eine Verschnaufpause genehmigen. Barry erzählt in seinen Songs kleine, aber wichtige Geschichten, die er mit klarer Kante und reichlich Arbeitsethos vorträgt. Seine Truckercap hat der frühere Avail-Frontmann dabei tief ins Gesicht gezogen – als wolle er gar nicht sehen, wie viele Menschen ihm aufmerksam zuhören.

Hot Water Music brauchen keine zwei Takte, um das Publikum zur Räson zu bringen. Verständlich, war man doch zuletzt 2012 zu Gast in Deutschland. München selbst musste seit 2002 auf ein Wiedersehen warten. Entsprechend ausgelassen fliegen halbleere Bierbecher durch den Luftraum, sogar zu Stagediving-Einlagen lassen sich die alternden Punk-Rocker im Publikum hinreißen. Wollards Abwesenheit fällt für die meisten nicht weiter ins Gewicht, dafür macht Cresswell seine Sache zu gut: Am rechten Bühnenrand prescht er durch die Songs und sorgt mit seiner kraftvollen Stimme für den frischen Wind, der HWM auch 2018 noch dringlich und jugendlich wirken lässt. Im Zentrum der Bühne zupft Jason Black den Bass, Schlagzeuger George Rebelo stärkt ihm den Rücken. Chuck Ragan hat es sich auf der linken Seite gemütlich gemacht; gegerbt von Wind und Wetter schwitzt er sich durch sein Hemd und gröhlt mit Reibeisenstimme die Texte ins Mikrofon. Dass er – anders als bei seinen Soloauftritten – nicht allein im Mittelpunkt steht, bereitet ihm sichtlich Freude. Nur zu gern überlässt er Cresswell die Gesangsparts und hüpft mit seiner Gitarre auf und ab. Genauso viel Spaß hat das Publikum – kein Wunder bei der Auswahl der Setlist: Hot Water Music pflügen sich durch ihre komplette Diskografie. Zwar vergessen sie dabei ihre neueren Alben nicht, das Hauptaugenmerk liegt trotzdem auf den Klassikern, die den Gainesville-Punks einen Platz an der Spitze einer ganzen Szene beschert haben. Beweisen müssen sich die alten Haudegen längst nichts mehr.

Das wird auch deutlich, wenn man zum Ende des Sets beobachtet, wie uneitel Ragan das Mikrofon bei der Zugabe Barry und Cresswell überlässt, während er selbst über die Bühne stapft und männliche Umarmungen verteilt. Schlagzeuger Rebelo hat seinen Platz längst mit Paul Ramirez von den Flatliners getauscht und überhaupt befinden sich alle Musiker des Abends auf der Bühne und spielen „True Believers“, als wäre der Song immer schon von HWM und nie von den Bouncing Souls gewesen. Auf dem abschließenden Erinnerungsfoto zum Ende der Tour, das die Musiker vor dem Münchner Publikum zeigt, sind völlig zurecht nur glückliche und schweißnasse Gesichter zu sehen.

Titelbild: (c) Florian Pichlmaier

Lade mehr ähnliche Artikel
Lade mehr von Florian Pichlmaier
Lade mehr in Events

Schreibe einen Kommentar

Auch Interessant

🔴 SZIGET Festival 2018 im Livestream via Arte Concert

Arte Concert überträgt vier Tage lang Konzerte vom SZIGET Festival in Budapest, dem bekann…