Die aus der Nähe von Stuttgart stammende Ilgen-Nur Borali lebt inzwischen in Berlin. 2017 erschien ihre EP No Emotions auf dem Leipziger Kassetten-Label Sunny Tapes und 2019 das Debütalbum Power Nap auf dem eigenem Label Power Nap Records, beides produziert von Max Rieger.

Musikalisch oft mit Kate Nash oder auch Courtney Barnett verglichen, verarbeitet sie auf erzählerische Weise Themen aus dem Alltags-Mikrokosmos der Generation Z, verpasst ihren Texten einen eingängigen Indiepop-Gitarren-Sound mit durchaus Ohrwurmqualitäten und präsentiert das alles mit einer lässigen und unaufgeregten Samtstimme.

Bereits im November vergangenen Jahres traf ich Ilgen-Nur in Braunschweig vor ihrem Konzert in der Eule und sprach mit ihr über Gefühle, ihre Texte und Zukunftsträume. Aufgrund einer Verkettung verschiedener ungünstiger Umstände sowie zugegebenermaßen meines gelegentlich durchbrechendes Talents zur Prokrastination kommt das Interview leider erst jetzt, womit ich vermutlich einen neuen PiN-Rekord aufgestellt habe.

Ilgen, du hast deine ersten Songs als EP unter dem Titel No Emotions herausgebracht. In dem gleichnamigen Song geht es um Gefühle, inneres Erleben und insbesondere darum, was davon nach außen kommt bzw. nach außen kommen darf.

Genau, auf der Bühne und auch privat zeige ich oftmals eine Fassade, während in mir ganz viel passiert. Das nach außen zu tragen ist nicht einfach, weil man sich so ganz schnell verletzlich machen kann. Und darüber geht auch der Song. Oftmals werde ich sogar emotionslos eingeschätzt oder soll einschüchternd wirken. Aber das ist eher ein Schutzmechanismus, weil eigentlich bin ich in mir das heulende Baby. Aber ich glaube das geht einigen Leuten so.

Worüber freust du dich?

Eigentlich freue ich mich über ganz simple Sachen: wenn ich eine gute Zeit habe oder mit Leuten unterwegs sein kann oder an einem Ort bin, der mich glücklich macht. Ich freu mich auch, wenn ich in meinem Zimmer aufwache und gut geschlafen habe und die Sonne scheint und ich nichts vorhabe.

Was macht dir Angst?

Die üblichen Selbstzweifel, die man so hat: nicht gut genug zu sein, nicht das Beste zu geben oder dass man auch alles ganz anders machen könnte. Das oder auch ganz einfache Sachen, z.B. dass man Streit mit Freunden hat oder das irgendwas nicht so läuft, wie man möchte – egal in welcher Lebenssituation. Solche Ängste kennt wohl jeder. Wenn man zum Beispiel auf Tour ist, verpasst man viele Sachen. Man ist vielleicht zu einem Geburtstag nicht da oder man ist Weihnachten nicht zu Hause. Man bekommt vieles nicht mehr so mit, weil man nicht die ganze Zeit an seinem Wohnort ist. Ich habe aber das Glück Freunde zu haben, die verstehen, wenn ich mich drei Wochen am Stück nicht melde oder mal nicht so ansprechbar bin, wenn ich gerade nach Hause komme. Dennoch ich habe schon Angst, dass Verbindungen aufgrund von Karriereentscheidungen kaputt gehen.

Wann warst du das letzte Mal so richtig wütend?

Kürzlich war ich sehr wütend, weil ich ein Interview hatte, was irgendwie ganz blöd und auch frech war. Die Interviewerin hat mich sehr auf meinen türkischen Background reduziert. Mir wurden viele Fragen über Frauen und Musik gestellt, die sehr unsensibel waren. Es gab keine Fragen zu meinem Album, zur Tour oder meinen Texten. Ich habe mich sehr begrenzt wahrgenommen gefühlt. Der Versuch das zu klären, ist nicht gelungen und am Ende blieb das Gefühl ungerecht behandelt worden zu sein. Sowas beschäftigt mich oft zu lange, was mich wiederum zusätzlich ärgert.

Wie kann man dich überraschen?

Ich bin immer wieder überrascht, wenn Leute gute Intentionen haben und nett sind. Das liegt aber sicher daran, dass ich eher das Schlechte im Menschen sehe, was wiederum mit meinen trust issues zu tun hat. Man muss in diesem Job viel mit Menschen interagieren und es gibt immer wieder Leute, die blöde Sachen sagen und tun oder unsensibel sind. Und da bin ich immer überrascht, wenn es nette Leute gibt. Das hört sich vielleicht gemein an, aber so ist es halt echt irgendwie.

Was hilft dir, wenn du traurig bist?

Erstmal zu reflektieren, warum ich traurig bin, was vorgefallen ist oder was mich genau beschäftigt. Oftmals das dann runterzuschreiben oder Songs darüber zu machen. So verarbeite ich das meistens. Oder ich umgebe mich dann ganz bewusst mit Freunden. Da weiß ich, dass ich mit denen reden kann aber nicht unbedingt muss und die sind dann einfach nur da. Oder ich rede in der Therapie darüber.

Du machst Therapie?

Ja, aber ich habe aufgehört, als ich nach Berlin umgezogen bin. Ich war über ein Jahr einmal die Woche in Therapie. Das war voll gut. Das kann ich jedem empfehlen. Dieses ganze Therapieding ist total stigmatisiert. Alle denken immer man musst das größte Lebensproblem haben, um in Therapie zu gehen – das stimmt aber gar nicht. Wenn man das Gefühl hat seinen Alltag nicht so zu meistern, wie man möchte oder es Probleme gibt, mit denen man seine Freunde nicht volllabern möchte, dann lohnt es sich in Therapie zu gehen. Schon, wenn man drüber nachdenkt, sollte man es einfach machen. Ich finde mentale Gesundheit ist extrem wichtig.

Einen Song auf deinem neuen Album Power Nap verknüpfe ich persönlich mit mentaler Gesundheit In Easy way out geht es darum, nicht den scheinbar einfachen Weg zu wählen. Erzählst du die Geschichte eines Freitods?

Nein, es geht eher um ein Beziehungsende. Oftmals will eine Person die Beziehung beenden und die andere nicht. Man kann sich dem einfach so hingeben und akzeptieren, dass es vorbei ist und nimmt so den einfachsten Weg raus. Das Thema kann auch auf Freundschaften bezogen werden. Wenn etwas schiefläuft, sollte man die betreffende Person nicht einfach seinem Leben schneiden, sondern am besten von Anfang an ansprechen, wenn für irgendjemand etwas nicht gut ist.

Dein Appell ist also die Kommunikation im Blick zu halten?

Ja, genau. Ich hab sowieso das Gefühl, dass viele meiner Songs im Grunde um Kommunikation gehen. Ich bin eine Person, die gerne offen kommuniziert. Aber es gibt auch Momente, in denen ich das überhaupt nicht kann, wo ich in mir gefangen bin. Dann kann ich insbesondere Zwischenmenschliches nicht aussprechen. Das ist um so schwieriger je unterschiedlicher die Leute sind, je unterschiedlicher sie empfinden, wenn man dann nicht auf eine Ebene kommt, weil man auch noch auf unterschiedliche Weise kommuniziert, kann das immer wieder zum Verhängnis werden. Und in meinen Songs spreche ich dann im Nachhinein oft das aus, was ich denke oder worüber ich mit der Person nicht kommunizieren konnte.

In dem Video von Easy way out ist unter anderem Maximilian Mundt zu sehen, einer der Hauptdarsteller der Netflix-Serie How to sell drugs online (fast). In der ersten Staffel dieser Serie ist ein Song von dir im Soundtrack enthalten. 17 läuft erst im Hintergrund und wird dann richtig breitgezogen und durch wechselnde Filmsequenzen groß in Szene gesetzt. Hast du das gewusst?

Nein so direkt nicht, ich hatte zwar aufgrund einer Lizenzanfrage gewusst, dass die den Song verwenden wollen, aber nicht wie. Ich wusste nur, dass Maximilian aka Moritz die Hauptrolle spielt. Das ist übrigens ein Bekannter von mir aus Hamburg. Er hat z.B. auch das Albumcover von No Emotions fotografiert und der ist auch schon im Cool-Video drin. Constantin Timm, ein Freund von mir aus Köln, der alle meine Musikvideos macht, hat unter anderem auch in der Regie für diese Serie mitgearbeitet. So entstand diese Verbindung. Ich habe mich total gefreut, dass der Song ein wichtiger Teil dieser Szene war. Ich habe daraufhin viele Nachrichten bekommen und Leute auf der Tour erzählen mir, dass sie mich über diese Serie entdeckt haben. Es freut mich sehr, dass sich die Leute dann auch andere Sachen anhören und zu den Konzerten kommen. Nachdem die Serie draußen war, hatte ich auch mehr Spotify-Zuhörer außerhalb von Deutschland. In Südamerika war die Serie sehr erfolgreich. Das war megacool und hat mich total gefreut.

Das erste Mal, dass ich dich wahrgenommen hab, war bei einem Drangsal-Konzert im Huxleys in Berlin. Da warst du als Special Guest kurz auf der Bühne. Leider war der Sound ziemlich schlecht, dass man wenig von dir hören konnte. Aber auf jeden Fall bin ich neugierig geworden und habe nachgeforscht … ja so wurdest du gefunden.

Ja lustig. Das war ein cooler Abend. Es war echt krass, groß und sehr voll. Max war sehr nervös davor. Es war eine richtig, richtig gute Show.

Habt ihr zwei geplant, mal was zusammen zu machen? Ihr wärt DAS Indie-Traumpärchen.

(lacht) Also wir hängen super viel ab. Max ist einer meiner engsten Freunde geworden seit ich in Berlin wohne. Wir verbringen viel Zeit miteinander, hängen aber nur ab, trinken Iced Coffee und gehen spazieren. Manchmal zeigen wir uns gegenseitig, woran wir gerade arbeiten. Ich könnte mir das vorstellen, aber wir haben uns das noch nie gegenseitig vorgeschlagen, weil wir sehr unterschiedlich arbeiten. Wir mögen, was der jeweils andere macht. Aber ich weiß nicht, ob wir was zusammen machen sollten, nur weil wir befreundet sind und beide Musik machen. Aber ich bin schon offen dafür, mal gucken…

Dass die Arbeitsweise sehr unterschiedlich ist, wurde auch in dem Clip deutlich, der zeigt wie ihr diesen No-Angels-Song Daylight covert. Beim Anschauen hatte ich das Gefühl, dass es nicht so viel Spaß gemacht hat?

An dem Tag waren 37 Grad und ich war extrem verkatert. Ich war am Abend davor auf einem Geburtstag und hatte nur vier Stunden gepennt. Und dann, oh Gott, ins Studio und mit Kamerateam! Es war insgesamt megastressig, weil wir mit dem Song am selben Morgen erstmals im Proberaum waren. Aber wir hatten Spaß dabei. In dem Studio hab ich später mein Album aufgenommen, weil ich das bei diesem Dreh so cool fand.

Welches wäre dein Traumfeature?

King Princess. Das ist eine New Yorker Künstlerin, die hat kürzlich ihr erstes Album rausgebracht. Ihre Musik ist eine richtig krass gute Mischung. Es ist für mich so perfekt zwischen Pop und Indie. Die Songs und auch die Videos finde ich mega, mega cool. Das wäre ein großer Traum, mal was mir ihr zu machen. Aber das bleibt wahrscheinlich auch einer, weil es bisher gar keine Kontakte dahin gibt. Vielleicht kreuzen sich mal irgendwann unsere Wege.

Wo wir gerade so über Träume reden, wo siehst du dich in zehn/fünfzehn Jahren? Was wäre so dein Wunsch? Was hast du dann gemacht, erreicht, geschafft?

Weiter Musik machen und davon leben können, neue Alben machen, die mich erfüllen, auf Tour gehen. Aber ich würde mir auch wünschen, ein eigenes Zuhause zu haben. Ich dachte immer, ich will so was nicht, aber langsam kommt so ein Drang. Eine schöne Wohnung oder ein kleines Haus in einer Stadt, in der ich gerne bin und da mit meinen Freunden abhängen. Ich würde auch sehr gerne für einige Zeit in den USA leben.

Was macht ein Ort für dich zu einem Zuhause?

Ein Zuhause ist ein Ort zum Wohlfühlen, meine besten Freunde sind in der Nähe. Ich habe dort die Freiheit zu tun, was ich will und wann ich es will …ein Ort mit der Möglichkeit sich selbst verwirklichen zu können, beruflich und persönlich.

Titelbild: Ilgen-Nur | (c) Constantin Timm

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