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Mit ihrer 2018 erschienenen LP „The Flesh and Blood“ lieferten die Leipziger von Wayste das wohl beeindruckendste und ambitionierteste Album in Sachen Hardcore ab, welches hierzulande in den letzten Jahren erschienen ist.

Nach dem ersten Lebenszeichen des Trios, der 2016er EP „No Innocence“, auf welchem Wayste ihren wütenden und zerrissenen Hardcore-Sound begründeten, haben die drei Musiker nochmal einige Scheithölzer ins Feuer geworfen und in der für herausragende Produktionen bekannten Tonmeisterei Oldenburg ein Album geschmiedet, welches vor Energie geradezu kocht und den Adrenalinspiegel an den Rand des Siedepunkts bringt. In 37 Minuten Spielzeit lassen die Leipziger 12 Songs auf ihre ZuhörerInnen los, die in puncto Songwriting mitten ins Schwarze treffen. Wayste haben sich fokussiert und sind konzentriert zu Werke gegangen, um auf „The Flesh and Blood“ Riffs, Hooks & Refrains genauestens auf den Punkt zu bringen. Die Entscheidung des Leipziger Trios, die Songs auf „The Flesh and Blood“ live einzuspielen, verleiht den Aufnahmen zusätzlich eine organische Authentizität, die den Songs in Verbindung mit ihrer frustrierten Grundhaltung zu vielen Aspekten menschlichen Daseins, ausgedrückt in intelligenten Texten mit vortrefflicher Wortwahl, eine brachiale Durchschlagskraft verleihen, mit der die Leipziger auch ganz locker auf internationaler Ebene mithalten können.

„The Flesh and Blood“ ist rau, brutal, schlägt an den richtigen Stellen zu und überrascht zudem mit vielen Momenten, in denen die Leipziger ihren Genrehorizont hinter sich lassen, um die Atmosphäre ihrer Songs weiter zu steigern.

Nach der Veröffentlichung von „The Flesh and Blood“, mit dem sich Wayste durchweg hervorragende Kritiken einheimsten, einer kurzen Tour (mit u.a. Lingua Nada, wir berichteten hier) und vereinzelten Shows wurde es zu Beginn dieses Jahres etwas ruhiger um Wayste.



Wir haben uns deshalb mit der Band in Verbindung gesetzt um uns bei Gitarrist und Sänger Manuel über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Wayste zu erkundigen.

Wer alles ist Wayste und seit wann gibt es Euch? Wie kam es zur Bandgründung? Was spielt ihr für Instrumente bei Wayste? Habt ihr musikalischen Ausbildungen, oder seid ihr Autodidakten? Gibt es noch andere, nennenswerte Projekte, in denen ihr involviert seid/wart?

Manuel: Zuerst einmal vielen Dank für die Möglichkeit über uns und unsere Musik sprechen zu können! Wayste sind John (Drums), Michael (Bass und Vocals) und ich (Manuel, Gitarre und Vocals). Wir haben uns Ende 2014 das erste Mal gemeinsam im Proberaum getroffen als bereits klar war, dass sich Michas und meine vorherige Band Decades auflösen wird. John war im Herbst 2014 nach Leipzig gezogen und wir kannten ihn aus seinem vorherigen Projekt Like Brothers. Ich kannte ihn außerdem, weil er der kleine Bruder meiner Freundin ist. Haha. Wir sind alle Autodidakten an unseren Instrumenten. Wobei ich glaube, dass Michael mal Musikunterricht hatte, mit 12 oder so. Wir haben aber alle schon früh angefangen in Bands zu spielen. Micha hatte in Leipzig noch ein „Post-Rock“ (er wird mich hassen dafür) – Projekt namens Longyearcity, was ziemlich geil war. John hat außerdem die ersten Jahre bei Lingua Nada Schlagzeug gespielt. Ich hatte zwischenzeitlich ein Neo-90s-Emo-Projekt namens Temper.

Ihr habt letztes Jahr eine kleine Tour zum Release von „The Flesh and Blood“ hinter euch gebracht. Wie verliefen die Shows und wie waren die Resonanzen auf „The Flesh and Blood“ insgesamt? Gab es besonders nennenswerte Ereignisse? Habt ihr gut Merch verkaufen können? Konntet ihr euch einigermaßen refinanzieren?

Manuel: Die Tour letztes Jahr war sehr schön und hatte auch seine nostalgischen Momente, weil John ja selbst bei Lingua Nada gespielt hatte und auch klar war, dass es die letzte Lingua Nada-Tour mit diesem Line-Up sein wird. Was die Zahlen der BesucherInnen angeht liefen einige Shows (beispielsweise Münster) sehr gut, andere eher schwierig. Wie das halt so ist auf Tour als kleinere Band. Refinanzieren konnten wir uns noch nie und das war auch nicht unser Anspruch für die Tour, haha. Allerdings konnten wir unseren Schuldenberg etwas verkleinern und das fühlt sich schonmal sehr gut an! Die Resonanzen zu „The Flesh and Blood“ waren in der Presse zum Großteil atemberaubend gut! Für mich persönlich war es ein sehr besonderer Moment mit John nach Berlin zu fahren, um bei Radio Fritz ein 45-minütiges Interview zu geben. Das war wirklich sehr aufregend und wir haben uns auch mal kurz ein bisschen wichtig gefühlt, vor allem als Jan Schwarzkamp im ersten Satz „The Flesh and Blood“ als „eines der besten deutschen Hardcore-Alben der letzten Jahre“ bezeichnet hat.

Vor kurzem habt ihr auf Facebook bekannt gegeben, dass ihr auf der ersten Hälfte 2019 keine Live-Shows spielen werdet, da ihr anderweitig eingespannt seid. Was macht ihr, wenn ihr gerade nicht zusammen Musik macht? Womit bestreitet ihr sonst euren Lebensunterhalt? Und wie bekommt ihr ‚alles‘ unter einen Hut? Welche Spannungsfelder ergeben sich dabei?

Manuel: Wir haben eigentlich alle ziemlich unterschiedliche Lifestyles, muss ich sagen. John hat die letzten Monate hart an seiner Mappe gearbeitet, mit der er sich an der Leipziger Kunsthochschule beworben hat. Ich drücke ihm dolle die Daumen. Michael studiert Geographie, arbeitet in einem Outdoor- Laden und klettert jede freie Minute irgendwo hoch. Busy, busy der Junge. Und ich versuche neben der Musik irgendwie einen 30-Stunden-Job im sozialen Bereich und eine inzwischen vierköpfige Familie unter einen Hut zu bekommen, was auch nicht immer so leicht ist. Deswegen auch erst einmal die Pause.

Ihr habt auch erwähnt, dass ihr parallel neues Material schreiben werdet. Wie muss man sich den Bandprozess von Wayste vorstellen? Wie oft trefft ihr euch zum proben? Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich intensives Proben benötigt, um so derart präzise und geölt zusammen zu spielen, wie ihr! Wie entstehen die Songs bei Euch ?

Manuel: Also in der Regel versuchen wir einmal die Woche zu proben, was zur Zeit nicht ganz so ist. In der Regel komme ich mit irgendeiner losen Riffidee und dann basteln wir in der Probe gemeinsam daran herum. Es kam bisher eigentlich sehr selten vor, dass ich mit einem kompletten Song zur Probe kam und das dann auch so wurde. Einige Parts entstehen eher zufällig in der Probe, andere bringe ich eben mit und auch daran ändert sich oft nochmal viel. Wir tüfteln tatsächlich recht viel an Arrangements und es kam, glaube ich, noch nicht vor, dass wir in einer Probe mal schnell einen Song komplett geschrieben haben. Vielleicht „Fall“, aber der war auch ursprünglich eher als eine Art Interlude gedacht. Naja, und dann werden die Songs eben 20-30 mal gespielt, bis wir sie dann auch halbwegs spielen können. Wie das halt so ist.

Eure Texte behandeln zumeist sozial- und gesellschaftskritische Themen. Es geht bspw. um Identität, persönliche Emotionen, Rollenkonflikte, Enttäuschungen, Verlust, Beziehungsmuster, Religion, Tod und Hass. Da schwingt schon eine Menge Unzufriedenheit mit, wie man unweigerlich hören kann. Wie wichtig ist euch der textliche Anspruch? Ist Gesellschafts- und Sozialkritik generell ein Thema von Wayste, oder sind es einfach Texte, die subjektiv wahrgenommen sind, ohne einen Metabezug? Von wem kommen maßgeblich die Texte? Wie gestaltet ihr die abwechselnden Gesangparts?

Manuel: Die Lyrics kommen von Michael und mir. Wir haben sehr ähnliche Backgrounds und auch recht ähnliche Themen, über die wir uns sehr gut zusammen ärgern können. Ich denke für uns drei ist die Musik mit Wayste ein ziemlich gutes Ventil um all unseren Frust rauszulassen. Vielleicht ist es eine Unterstellung, aber ich glaube wir alle haben ja so unsere destruktiven Seiten und wir stecken diese negativen Energien eben in unsere Musik. Die Lyrics nutzen eigentlich immer Metaebenen, weil wir der Meinung sind, das so manche Gefühle besser in Metaphern ausgedrückt werden können bzw. die Texte der Sache besser gerecht werden, wenn Raum für Interpretation gelassen wird. Die Aufteilung der Vocals wird zum Teil davon bestimmt, wer den Text geschrieben hat, zum Teil aber auch davon, welche Stimme besser zum Part passt.



Ihr habt „The Flesh and Blood“ live eingespielt, was meiner Ansicht nach das Album auch so herrlich authentisch, organisch, brachial und wütend erklingen lässt. Eine wirklich mitreißende Angelegenheit. Wieso habt ihr die Live-Methode dem Spur für Spur-Tracking vorgezogen? Wieviele Takes hat es im Schnitt gebraucht, bis alles im Kasten war? Welche Aufnahmeatmosphäre braucht es, damit die Wayste-Maschine ans Laufen kommt?

Manuel: Ja, du hast eigentlich genau die Gründe genannt. Wir wollten, dass die Platte möglichst dynamisch klingt und wir die Möglichkeit haben, ohne allzu krasse Brüche Tempowechsel machen zu können, die wir sonst unbewusst machen. Es hat sich einfach richtig angefühlt, das nicht mit Metronom zu machen. Wieviele Takes es gebraucht hat kann ich gar nicht sagen. Manche Parts haben recht viele Takes gebraucht, andere gingen ziemlich schnell. Die Tonmeisterei war genau der richtige Ort für die Aufnahmen. Wir standen wie im Proberaum und konnten uns gegenseitig sehen beim Spielen. Role war super entspannt, sodass wir schnell das Gefühl des Unter-Druck-Stehens loslassen konnten. Wir hatten richtig dolle Spaß da.

Noch eine Frage zum Coverartwork von Hans Morsa, der meiner Ansicht nach sehr, sehr coole Bilder macht, wie man auf Tumblr sehen kann. Könnt ihr mal mehr über diesen Künstler erzählen, und wie es zur Zusammenarbeit kam? Hat das Artwork eigentlich einen Titel? Wurde das Bild nur für Euch gemacht? Wie passt für Euch das Bild zu eurer Musik?

Manuel: Hans Morsa hat uns irgendwann einfach mal per Facebook-Nachricht kontaktiert und gesagt, dass er gern mit uns zusammenarbeiten würde. Nachdem wir einen Blick auf seine Arbeiten geworfen hatten, waren wir uns schnell einig, dass wir da auch richtig Bock drauf haben. Wir haben uns dann zusammen gesetzt und mit ihm über das Album, die Texte etc. gesprochen. Er ist dann in den Baumarkt gegangen und hat sich eine 130x130cm Holzplatte gekauft, auf die er dann dieses wahnsinnige Kunstwerk gemalt hat. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, ob er dem Werk einen Titel gegeben hat. Peinlich eigentlich, haha. Ich würde sagen, das Bild passt perfekt zur Platte und ist tatsächlich so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben. Hans ist der Spagat zwischen grellen Farben und düsterer Wirkung unglaublich gut gelungen. Wir wollten gern abgedroschene Motive vermeiden und dabei deutlich machen, dass es immer mehrere Perspektiven auf eine Sache gibt. Auch in den Lyrics versuchen wir immer wieder ambivalente Gefühle oder Stimmungen zu thematisieren. Es wäre zu einfach „The Flesh and Blood“ als Abrechnung mit christlich- konservativen Idealen zu beschreiben, weil das unseren jeweiligen Familiengeschichten nicht gerecht würde. Das Motiv, immer wieder an sich selbst oder zwischenmenschlicher Kommunikation zu scheitern taucht häufig in unseren Texten auf und auch die Gestalt im Bild wirkt etwas orientierungslos, während sie sich in Richtung eines grellen Lichtes bewegt. Oder ist es ein Abgrund? Wer weiß, wir sind auf jeden Fall Hans für immer dankbar für dieses grandiose Gemälde! Übrigens hat Adam von Lingua Nada das Bild gekauft und es hängt jetzt wohl an seinem Arbeitsplatz im Studio.

„The Flesh and Blood“-LP kaufen

Wayste

Was möchtet ihr mit Wayste zukünftig noch erreichen/umsetzen? Gibt es Künstler/Bands mit denen ihr gerne mal zusammenarbeiten möchtet? Sind da vielleicht sogar schon Dinge in Planung?

Manuel: Wir freuen uns sehr auf unsere ersten Shows dieses Jahr im Juni/Juli. Wir werden sehen, was dann noch so passiert!

Nachdem wir das Interview geführt hatten, gaben Wayste ihre ersten Konzerte für 2019 bekannt. Wer mit den Jungs bisher noch nicht in Berührung gekommen ist, sollte schleunigst zusehen sich auf eine ihre Live-Shows zu begeben, denn die schiere Live-Power dieses Dreiers wird euch aus den Socken kippen lassen.

Wayste live:
08.06.2019 Köln, Autonomes Zentrum, AZ Bleibt! Fest II
29.06.2019 Roßwein, RDL Fest Open Air
06.07.2019 Leipzig, Conne Island (w/ Full Of Hell & The Body)

Titelbild: Wayste | (c) Nacho Lab

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