Cargo-Vinylaktion

Die Rapperin Haszcara veröffentlicht heute ihr neues Album Polaris. Grund genug für uns mit ihr ein kleines Interview zu führen.

Nach Roter Riese jetzt Polaris. Du scheinst ein Faible für Astronomie zu haben. Woher kommt dieses Interesse und welche Bedeutung hat es für dich?

Ich war schon immer fasziniert von den Weiten des Weltalls. Schon als Kind hab ich an meinem Geburtstag eine Party mit dem Motto „Weltraum“ geschmissen und wollte Astronautin werden. Vielen macht die Vorstellung davon, wie unendlich groß und unbekannt all das, was über unseren Köpfen passiert, Angst. Mich beruhigt der Gedanke aber – denn er bedeutet, dass meine Welt klein und vergänglich ist. Egal, was ich hier mache … das Universum bleibt. Insofern habe ich Einfluss auf die Zeit, in der ich lebe, wenn ich was hinterlasse, noch einen Tick länger. Ich empfinde diese Feststellung als entlastend, wenn ich mal wieder kurz davor bin, mir Selbstvorwürfe zu machen oder es mir halt schlecht geht. Ich verspüre außerdem Dankbarkeit. Wieviele Zufälle muss es gegeben haben, dass ich jetzt hier sitze und dieses Interview beantworte? Unzählige. Ich bin froh, dass es genauso gekommen ist.

Auf Polaris rechnest du mit ehemaligen Wegbegleiter*innen ab, sagst dem weit verbreiteten Machismus den Kampf an und gewährst tiefe Einblicke in deine Gefühls- und Gedankenwelt. Wie erlebst du das Geschehen in der leider immer noch sehr von Männern dominierten Rapszene?

Meine Gefühls- und Gedankenwelt auf dem Album hat, bis auf ein paar Tracks, vordergründig gar nicht so viel mit der männerdominierten Rapszene zu tun. Ich hab einfach nur aufgeschrieben, was mir in den Sinn gekommen ist. Ich hatte das Glück, durch die Musik viele tolle Menschen kennenzulernen, darunter waren auch einige Männer. Fast jede Subkultur ist männlich geprägt, da ist Rap keine Ausnahme. Die Dominanz spiegelt sich hauptsächlich darin, dass Männer Musik & Veranstaltungen für Männer machen. In einer Cypher halten Männer Monologe, Moderatoren fragen nach „Rappern und Freestylern“, nicht nach Rapperinnen und Freestylerinnen. Wenn man Rapperin ist, ist Fuckability durchaus ein Thema. Bist du es, kannst du davon ausgehen, dass du zwar viel Support kriegst, oft aber auch mehr Gedanken dahinter stecken. Bist du es nicht, haben nur wenige Interesse, dich zu fördern, weil nichts für sie rumkommt. Sexismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, für das alle Verantwortlich sind.

Hattest du früher bei den VBTs das Gefühl, belächelt oder nicht ernst genommen zu werden?

Ja, sicher. Ich war ja als die Battle-Rapperin bekannt, die „ihre Gegner nur streichelt“ – halt weil ich überwiegend auf sexistische, homo- und trans*phobe Sprache verzichtet hab. Aber es gab auch viele, die mich cool fanden und supportet haben. Zu manchen habe ich bis heute noch Kontakt. Ich hab da echt viel gelernt und wenn ich nur einen Menschen zum Nachdenken angeregt habe, ist das für mich ein Erfolg.

Erlebst du ein Umdenken?

Das ist eine sehr komplexe Frage! Einerseits: Ja, Menschen reflektieren sich selbst und die Welt, in der sie leben, zunehmend – vor allem, seit Information und Bildung freier verfügbarer sind als je zuvor. Auf der anderen Seite gibt es natürlich viele, die an starren Geschlechternormen festhalten, weil es Angst machen kann, diese „Ordnung“ durcheinander zu bringen.

Geschlecht hat ja ganz viel mit Identität zu tun, und ich denke das Hetzen gegen Abweichungen der Norm entspringt einer Angst vor Identitätsverlust.

Deshalb ist es wichtig, das es viele Vorbilder gibt, die zeigen: Männlichkeit/Weiblichkeit kann auch so aussehen. Leider sind viele Themen seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar länger, aktuell. Ich weiß, es ist anstrengend darüber zu reden, aber auch das Frauenwahlrecht schien einmal unvorstellbar. Nur durch ein ständiges Thematisieren, Hinweisen und Aufklären kann sich etwas verändern.

Wie kam der Kontakt zu Audiolith zustande und was hat diese Unterschrift für dich verändert?

Wir haben uns per Zufall auf einer persönlichen Ebene kennengelernt, weil ich des Öfteren zusammen auf Gigs mit Acts vom Label gebucht wurde. Dann hat mir der Chef bei Facebook eine Nachricht geschrieben und gefragt, ob ich gerade an einem Album arbeite und ob sie es mal hören dürfen. Ich hab beides mit JA beantwortet und dann ging alles wie von selbst. Die Unterschrift hat für mich nur die Bedeutung, dass alles auf Papier festgehalten und rechtlich in Ordnung ist. Ansonsten pflegen wir eher einen informellen Umgang miteinander.

Kommen wir nochmal zurück zu Polaris. Wieso hast du dich dazu entschieden, die Beats selbst zu produzieren? Ist ja ein wesentlich größerer Aufwand oder?

Wieso denn nicht? Ich mache Musik nicht mit dem Hintergedanken an Aufwand. Musik passiert einfach spontan. Ich finde es dope, wenn Text und Beat miteinander harmonieren.

Jetzt kommt eine Tour und mit Sicherheit mehr Medienrummel um deine Person und deine Musik. Was ist für die Zukunft geplant?

In den nächsten Monaten noch ein paar weitere Konzerte und dann eine wohlverdiente längere Pause, in der ich ins Studio gehen und mich auf andere Sachen konzentrieren kann. Vielleicht fang ich ja irgendwann auch mal wieder an zu studieren…

Am Ende noch drei kurze Fragen:

Rap-Album des Jahres 2018?

Invasion of Privacy (Cardi B)

Was hörst du im Tourbus?

Wenn ich einen hätte: Ozuna & Natti Natasha – Criminal

Welche drei Dinge nimmst du mit auf eine einsame Insel?

Gitarre, Hygieneartikel, einen guten Menschen.

Vielen lieben Dank für das Beantworten der Fragen und die unglaublich tolle Platte.

Gerne doch – ich danke ebenso!

Haszcara – Polaris

Titelbild: (c) Malte Doerge

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