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An einem frühlingshaften Sonntag traf ich mich mit dem Autor von „Der Abfall der Herzen“ Thorsten Nagelschmitdt, vielen besser bekannt als Nagel von Muff Potter, in einer belebten Straße unweit des Kölner Wahrzeichens entfernt, um in seiner dort gelegenen Unterkunft über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit ihm sprechen.


…der größte Unterschied ist, dass man alleine unterwegs ist und nicht ständig Menschen um sich herum hat…

34 Tage, 27 Auftritte. Ist schon ein ganz schönes Programm. Als Band macht man so etwas in der Regel nicht oder?

Das ist eigentlich zu viel und länger als jede Muff Potter Tour je war. Da war die längste Tour mal vier Wochen und Österreich und Schweiz war mit drin. Ich gehe immer noch echt gerne auf Tour, aber das ist einfach zu viel, weil es auch so geballt ist. Ich bin innerhalb von sieben Tagen in Köln, Bonn, Düsseldorf, Dortmund und Paderborn. Vor wenigen Tagen war ich das erste Mal in Lüneburg und manchmal sind genau diese Städte die besten Abende, weil das Publikum nicht so übersättigt und wenig homogen ist. Aber mal sehen wie es wird. Heute ist Tag 5. Noch brauche ich das Buch auf der Bühne, aber ich denke, dass ich es am Ende der Tour nicht mehr brauchen werde.

Das kann ich mir vorstellen. Wie läuft denn so eine Tour ab und was sind die größten Unterschiede zu dem Touren mit Band?

Kein Equipment tragen. Bahnfahren statt Tourbus oder Nightliner. Und der größte Unterschied ist, dass man alleine unterwegs ist und nicht ständig Menschen um sich herum hat und zum Beispiel verschwitzte T-Shirts über den Lehnen hängen. Ansonsten mache ich ganz normal einen Soundcheck, der zwar wesentlich kürzer ist, aber wenn der noch wegfallen würde, müsste ich erst fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung da sein, was auch ziemlich verlockend ist. Bei meinen Auftritten zeige ich auch Bilder, die aber weniger dem Entertainment diesen, sondern mehr Selbstschutz sind, weil man zwar 30 Abende am Stück die gleichen Lieder singen kann, aber bei den immer gleichen Textstellen und Pointen muss man echt aufpassen, dass man nicht zynisch wird. Deswegen probiere ich vieles mit Bildern und neuen Lesestellen aus.

Aber die Tour hast du nicht selbst organisiert oder?

Nein, das war mein Booker aus Hamburg. Tomprodukt heißt die Agentur und die machen fast nur Lesungen für Autoren. Da laufen auch unter anderem Rocko Schamoni, Sibylle Berg und Max Goldt drüber und ich wollte da immer hin und seit ein paar Jahren bin ich da jetzt.

Ich probiere vieles aus, verwerfe dann und gehe am Ende doch wieder zur ersten Version zurück.

Das klingt gut. Kommen wir zum Buch „Der Abfall der Herzen“. Wie lange hast du daran geschrieben?

Ungefähr zwei Jahre. Ich habe tatsächlich, wie im Buch beschrieben, 2015 angefangen. Zunächst war das eigentlich nur Recherche. Ich habe die Leute und die Orte aufgesucht, was ich später noch mehr gemacht habe.

Also ging für dich die Geschichte noch weiter?

Ja genau. Ich habe noch Vermieter und alte Arbeitskollegen aufgesucht, aber das hätte den Rahmen des Buchs gesprengt. Ich bin auch mehrmals in Rheine und in Köln gewesen und zweimal in Barcelona und nicht einmal, wie es im Buch beschrieben ist. Und das alles ist Recherche, aber dann kommt ja erst das Schreiben, was die eigentliche Arbeit ist.

Interessant. Ich hätte jetzt gedacht, dass der Rechercheteil einen größeren Anteil hat und zeitaufwendiger ist.

Also bei mir ist das nicht so. Ich muss 100 Sätze schreiben, um einen guten zu haben. Bei mir ist vieles trial and error. Ich probiere vieles aus, verwerfe dann und gehe am Ende doch wieder zur ersten Version zurück. Meiner Meinung nach macht das Schreiben aus einem mittelmäßigen Buch ein gutes Buch beziehungsweise aus einem guten Buch ein sehr gutes Buch. In Rezensionen wird das generell wenig berücksichtigt, stattdessen wird jedes Mal wieder der Inhalt wiedergegeben. Eine Story kann aber so gut sein wie sie will, wenn ich dafür nicht den richtigen Ton treffe, dann bringt das irgendwie nichts. Daran habe ich lange gearbeitet und dann kommt ja noch das Lektorat. Das ist natürlich totaler Luxus und extrem wichtig, weil man häufig den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Ich habe vor einem Jahr den Vertrag mit S.Fischer unterschrieben und dort wurde mir gesagt, dass das Buch im nächsten Frühjahrsprogramm erscheinen wird. Da habe ich schon gedacht, ein Jahr warten, dass Buch ist doch eigentlich fertig. Dafür war das Lektorat unglaublich professionell und das Beste was ich bislang hatte.

Würdest du sagen, dass es dein persönlichstes Buch ist?

Ja auf jeden Fall.

Wie hast du dich selbst gefühlt während des Schreibens und Recherchierens. Es gibt ja vermutlich nicht nur das eine Gefühl, aber wie war das so für dich?

Es gab irgendwann den Bruch, ich glaube, das beschreibe ich auch im Buch, dass das alles Material wurde. Auch wenn den Personen im Buch Menschen aus dem echten Leben zugrunde liegen, sind das irgendwann Figuren für mich geworden. Als es die Erkenntnis gab, dass ich meine eigene Biographie aufgrund eines schlechten Gedächtnisses nur als Fiktion erzählen kann, war das wie eine Befreiung. Auf ein Mal war ich der Schriftsteller, der sich das alles nimmt, um eine Geschichte daraus zu stricken. Wenn ich dann im realen Leben wieder auf die Menschen gestoßen bin, denen ich im Buch ja auch Dinge andichte, habe ich schon manchmal Skrupel bekommen und mich gefragt, ob man das machen kann. Irgendein Schriftsteller (John Niven: Anmerkung der Redaktion) hat mal gesagt, dass man so schreiben muss, als ob die eigenen Eltern tot sind. Da man sonst mit angezogener Handbremse schreibt und ich musste dementsprechend so schreiben, als ob alle meine Freunde vom Sommer ’99 tot wären, weil ich sonst vielleicht übervorsichtig geschrieben hätte. Und Kunst, ganz egal was für eine Kunst, mit angezogener Handbremse braucht wirklich keiner. In den Schrott von dem wir alle umgeben sind, will man sich wirklich nicht einreihen.

Älterwerden ist scheiße und wer etwas anderes behauptet, lügt.

Ist dieser Sommer ’99 eigentlich auch in Muff Potter Liedern „verarbeitet“ worden? Ein Jahr später ist doch Bordsteinkantengeschichten erschienen.

Irgendwer hat schon mal gesagt, dass Buch seien die 448 Seiten Liner-Notes zu Bordsteinkantengeschichten und das würde ich auch so unterschreiben. An einer Stelle habe ich sogar einen Song von Bordsteinkantengeschichten versteckt.

Bleiben wir im Sommer ’99. Du warst damals 23 Jahre alt. Wärst du gerne noch mal in dem Alter und wie stehst du eigentlich zum Älterwerden?

Ich glaube ich wäre gerne nochmal 23 Jahre alt, aber ich würde diese spezielle Zeit nicht nochmal durchleben wollen. Die war schon sehr anstrengend und stressig, aber auch nicht komplett schlecht. Älterwerden ist scheiße und wer etwas anderes behauptet, lügt. Es ist natürlich gut bestimmte Dinge zu lernen und mit bestimmten Dingen anders umzugehen als es beispielsweise mein ’99 Nagel in dem Buch macht und auch alle um ihn herum. Ich will aber nicht alt sein.

Ja wer will das schon (lacht). Andere Frage. Woher nimmst du deine Ideen? Im letzten Buch ist das ja sehr eindeutig. Aber so allgemein?

Ich gehe raus, weil mir noch nie etwas gutes eingefallen ist, wenn ich Zuhause gesessen habe. Bei mir läuft das eigentlich über teilnehmende Beobachtung. Man schnappt irgendwas auf, schreibt sich ein paar Zeilen auf und strickt dann daran herum. Ich muss unter Leuten sein und diese ansehen, ihnen zuhören. Dann komme ich irgendwann in einen komischen Modus, in dem die Antennen herausfahren. Ich bin dann zwar abwesend, aber in diesen Zuständen ist es gut.

Zumindest für dich.

Für mich ist das wahrscheinlich gar nicht so gesund, weil es ein bisschen was von Manie hat. Die Zustände halten auch nicht ewig an, das heißt, dass ich sie solange wie möglich versuche zu nutzen.

Als letzte Frage. Womit kann man denn in Zukunft rechnen? Du arbeitest an einem neuen Buch und was macht die Musik so?

Ich würde jetzt gerne mal anfangen zu schreiben und denke schon immer mal wieder über das Musik machen nach. Es gab ja nach Muff Potter noch eine Band, die Nagel hieß und im Prinzip bereit war ins Studio zu gehen. Wir hatten 15 Songs, aber dann sind nacheinander ein paar Dinge passiert. Ein Jahr war vergangen und wir hatten keine richtige Band mehr. Wir hätten nur einmal ins Studio gehen müssen und dann wäre das vielleicht alles weitergegangen. Wir wollten auch immer mal die alten Muff Potter Platten nachpressen lassen, vielleicht machen wir das mal.

Das klingt verlockend, sag Bescheid. Damit sind wir am Ende. Vielen Dank für deine Zeit.

Danke dir.

Thorsten Nagelschmidt – Der Abfall der Herzen

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