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Daughters sind zurück. Und das besser als jemals zuvor.

Mit ihrem letztjährigen Comeback-Album You Won’t Get What You Want katapultierte sich die Noise-Rock-Formation aus Providence, Rhode Island mal eben im Handumdrehen in die Jahresbestenlisten sämtlicher Online- und Printmagazine. Acht Jahre nach ihrem letzten Album, vor dessen Erscheinung sich die Band damals noch wegen interner Querelen auflöste, legten Daughters ein Album nach, das bahnbrechender nicht hätte sein können und ihnen schließlich mit Mike Pattons Label Ipecac, welches für einen äußerst kreativen musikalischen Output bekannt ist, ein neues Zuhause bescherte. 

Den Math- und Grindcore der ersten beiden Alben weit hinter sich lassend, erfanden sich Daughters mit You Won’t Get What You Want nochmal neu und verfolgten den bereits auf s/t eingeschlagenen Sound konsequent weiter. Dabei herausgekommen ist ihr bisheriges Opus Magnum: ein verstörend schönes Meisterwerk, irgendwo zwischen The Jesus Lizard, The Birthday Party und Swans, und mit atonaler, brutaler Instrumentierung in Daughters-scher Soundästhetik. Ein Album, so gut und einschlagend, dass es eigentlich auch noch in den Bestenlisten für dieses Jahr auftauchen sollte.

Unmittelbar nach Veröffentlichung von YWGWYW begann für Daughters ein exzessiver Tourmarathon, der die Band für mindestens die Hälfte von 2019 on the road sein ließ. Angesichts einer – bis auf einige, wenige Ausnahmen – vorher inaktiven Band ein Sprung von Null auf Hundert. Im Oktober kehrten Daughters zum zweiten Mal nach Europa zurück, um die hiesigen Fans mit ihrer verausgabenden und intensiven Liveshow zu begeistern. Daughters genießen seit jeher einen Ruf als spektakuläre Live-Band, die alles andere als auf die Bremse tritt. Und so passt es auch nur zu gut, wenn Sänger Alexis S.F. Marshall von sich in einem (anderen) Interview behauptete, er würde lieber den Rettungswagen fahren, als der Chirurg sein, denn nicht zuletzt seine Live-Performance machen Daughters Shows oft zu einer unberechenbaren Angelegenheit. Marshall tobt sich aus, vergewaltigt seine Mikrofone, nimmt gerne mal ein Bad in der Menge und nicht selten trägt der Gute auch eigene Verletzungen davon.

Wir von PrettyInNoise))) hatten das Vergnügen, vor der Daughters-Show im Gleis22 in Münster am 29.10.2019 einen äußerst freundlichen Alexis S.F. Marshall zu treffen, der uns im nun folgenden Interview entspannt Rede und Antwort stand.


YWGWYW ist vor ca. 1 Jahr erschienen und Daughters haben ein großartiges Comeback hingelegt. Ihr seid ebenfalls seitdem nahezu konstant auf Tour und werdet überall gefeiert. Wurden eure Erwartungen übertroffen ?

Ich vermute mal: Ja. Wir haben unsere Erwartungen ziemlich niedrig gehalten, insofern war es nicht besonders schwierig, diese zu übertreffen. Wir wollten uns nicht viel Druck machen und einfach ein gutes Album aufnehmen. Und ich glaube, das ist uns durchaus gelungen, worüber ich sehr glücklich bin. Wir haben jahrelang Alben gemacht, für die sich niemand interessiert hat, und es hätte uns nichts ausgemacht, wenn sich für dieses auch niemand interessiert hätte.

Letztlich hat euch das Album einen Deal mit Ipecac eingebracht. Hattet ihr nicht doch irgendeine Vermutung, dass YWGWYW so richtig einschlagen würde?

Nein, wirklich nicht. Zum Zeitpunkt als wir mit der Arbeit zu YWGWYW anfingen, hatten wir kein Label, das daran interessiert war. Wir haben dann später mit ein paar Labels Kontakt aufgenommen, die aber alle ablehnten, weil sie sehr beschäftigt waren. Also dachten wir eigentlich, dass wir das Album selber herausbringen würden. Der Kontakt zu Ipecac kam dann eigentlich erst dadurch zustande, dass Jon als Tourmanager für Dead Cross arbeitete.

Daughters | (c) Jens Broxtermann

Was vermisst man denn am meisten, wenn man so lange auf Tour ist?

Ich vermisse am meisten meine beiden Kinder. Sie sind 5 1/2 und 2 Jahre alt und es ist schwer für eine so lange Zeitspanne unterwegs zu sein. Es ist wirklich seltsam. Wir dachten ja, dass wir eine neue Platte machen, dann hier und da mal ein bisschen touren. Keiner ging davon aus, dass dieses ganze Ding so explodieren würde. Für uns alle war das ein großer Sprung, da wir für viele Jahre ja so gut wie nicht mehr getourt sind. Bloß ein paar Shows, eine kleine Tour an der East Coast und sowas. Und plötzlich spielen wir dann durchgehend und in Ländern, in denen wir noch nie zuvor gewesen sind, wie z.B. Polen, Russland, Brasilien oder Chile. Das ist wirklich verrückt.

Daughters‘ eigentlicher Bassist Samuel Moorehouse Walker begleitet euch dieses Mal nicht und wird auf dieser Tour von Monika Khot (Nordra, Zen Mother) vertreten. Warum ist Sam nicht dabei?

Sam hat ein sehr erfreuliches Erwachsenenleben mit dem er sehr glücklich ist. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass jeder andere in der Band auch unglücklich ist, aber Sam wollte einfach lieber zuhause sein. Er hat geheiratet und Nachwuchs bekommen, hat ein Haus gebaut und eine Karriere gemacht. Er ist weiterhin in der Band, wir kennen uns schon sehr lange und schließlich ist er seit 2004 mit dabei. Sam hat seine Prioritäten und ist eben gerne bei seiner Familie.

Muss man also immer seine Opfer bringen, um erfolgreich mit einer Band zu sein?

In gewisser Hinsicht, ja. Wobei ich noch nicht einmal genau sagen kann, was Erfolg eigentlich bedeutet. In der Musikwelt ist alles schnell und vergänglich. Was jetzt großartig ist, könnte in 1 oder 2 Jahren niemanden mehr interessieren. Wir nehmen es einfach wie es kommt. Die Shows waren allesamt ausgezeichnet. Wir spielen dort, wo wir gefragt werden zu spielen und wer weiß schon, ob wir zukünftig weiter gefragt werden.

Man muss dafür eine Menge aufgeben. Ein geregeltes Leben z.B., Konsistenz, oder seine Liebsten, die man halt einfach zurück lassen muss, wenn man auf Tour geht.

Daughters haben sich 2010 noch vor dem Erscheinen eures selbstbetitelten Albums aufgelöst. Was für ein Leben habt ihr danach geführt und womit habt ihr euren Lebensunterhalt in den letzten Jahren bestritten, als ihr euch wieder zusammen gefunden habt ?

Ich arbeitete in einem Plattenladen. Jon war als Tourmanager für einen ganzen Haufen Bands aktiv. Als es bei Daughters keine großartigen Verpflichtungen mehr gab, konnte er das quasi dann in Vollzeit machen. Und Jon macht es immer noch. Wenn wir diese Tour beenden, dann fliegt er z.B. nach Indien, um mit so einer indischen Pop-Sängerin zu touren. Ein großes Ding in Indien. Nick betrieb ein Aufnahmestudio und Sam wurde ein Braumeister in einer örtlichen Bierbrauerei namens Revival. (https://oct.co/essays/having-beer-with-sam-walker-daughters).

Lebten alle von Euch zu dieser Zeit in Providence?

Jon war nach Austin, Texas, umgezogen aber die übrigen lebten in Providence. Als wir dann wieder anfingen zu spielen musste Jon halt immer hin- und herfliegen. Ich selbst bin vor einiger Zeit nach Pennsylvania gezogen. Insofern war es nicht ganz einfach uns alle wieder zusammen zu holen. 

YWGWYW soll ja dadurch zu großen Teilen mittels Dropbox entstanden sein, oder?

Ja, so ziemlich. Die Technologie hat es uns schließlich ermöglicht wieder zu interagieren. So konnten wir Ideen austauschen und im Gespräch bleiben. Es ist sicherlich nicht einfach und alles andere als eine ideale Ausgangsposition. Es war wirklich wild. Letztlich hat alles bestens geklappt und wir sind mit dem Endergebnis natürlich sehr zufrieden. Hätten wir die Gelegenheit gehabt jede Woche 4 oder 5 Mal zu proben, wäre sicherlich ein anderes Album dabei herausgekommen als YWGWYW.

Der Nachfolger zu YWGWYW wird aber hoffentlich keine weiteren 8 Jahre dauern.

Ich hoffe doch mal nicht. Ich meine, Daughters ist jetzt das, was wir zum leben machen, es ist unser Job. Wir sind bereits dabei neue Sachen zu schreiben und es gibt auch noch viel Material, dass wir nicht für YWGWYW verwendet haben und an dem wir weiter arbeiten. Manchmal testen wir auch schon neue Sachen bei unseren Soundchecks. Ich denke, wir werden alles in der ersten Hälfte von 2020 sortieren und dann mal schauen, was dabei heraus kommt. Wir sind also startklar, es gibt quasi keine Entschuldigungen mehr, wenn wir mit Daughters weiter machen wollen.

Wie wurdest du in musikalischer Hinsicht sozialisiert? Wie bist du in Providence aufgewachsen und von Musik beeinflusst worden? Welche Musikarten waren maßgeblich für Dich?

Also, ich mag eigentlich alles mögliche an Musik. Zunächst einmal infizierte mich mein älterer Bruder mit Punk- und Hardcore Tapes. Das war in den 80ern. Er ist 10 Jahre älter und brachte mir viele Sachen näher. Damals noch in Boston. Er war am skateboarden, ging zu Punk-Rock-Shows und gab mir einfach seine Sachen zum hören. Ich fand meinen Bruder richtig cool, er hatte ’ne Gitarre und so … !

Und deine Eltern, waren die auch musikalisch unterwegs?

Meine Mutter hörte eigentlich das, was gerade so im Radio lief oder was mein Vater so spielte, der viel Country-Musik hörte. Meine Mutter brachte mich aber z.B. auf The Cure, die sie sehr gerne hörte. Als wir dann nach Providence kamen, geriet ich auf der Highschool maßgeblich mit Metal und Hardcore in Kontakt. Providence ist eine nicht sehr große Stadt, es gibt aber trotzdem viele Universitäten und Kunstschulen und damit eine großartige Community, die vor Ideen sprudelt. Man war dort einfach von vielen Sachen umgeben.

Als ihr dann mit As The Sun Sets oder später mit Daughters gestartet seid, landetet ihr aber doch erstmal in Grindcore-Gefilden, oder ?

Wir machten einfach nur laute Musik und hatten auch nicht so viel Ahnung, wie man andere Ideen umsetzen sollte. Wir waren nicht wirklich gut an unseren Instrumenten. Ich wusste nicht, wie man singt, also schrie ich. So war es am einfachsten. Im Laufe der Zeit machten wir uns dann mehr Gedanken darüber, was man musikalisch ausdrücken möchte und nicht nur einer coolen Show dient, sondern uns mehr herausfordert und damit zufrieden stellt. Das war der Grund, warum ich aufhörte zu schreien. Schreien benötigt eben auch unheimlich viel Energie, damit war ich nicht mehr glücklich. Providence war für uns alle wirklich ein guter Ort, um mit unterschiedlichster Musik in Berührung zu kommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Wir sind glücklich, eine so gute Szene hier zu haben, die so viele unterschiedliche Bands und Künstler hervorgebracht hat, wie bspw. Lingua Ignota, The Body oder auch Street Sects, um nur einige zu nennen. 

Lass uns mal kurz über das Soulcrusher-Festival reden, wo ich euch schon Anfang Oktober erleben durfte. Ihr wart ja die einzige Band mit Security vor der Bühne. Wie fandet ihr das Festival? Magst Du diese Schnittmenge aus Doom-, Sludge & Black-Metal-Bands? Bei der Daughters-Show kam es mir so vor, als ob das Publikum doch recht gespalten war und viele mit eurem Sound so gar nichts anzufangen wussten.

Hahaha. Ich laufe ja gerne immer ein bisschen rum und dann wird halt ein bisschen aufgepasst, dass ich mich nicht verletze, irgendwas kaputt geht oder einfach Schlimmeres passiert. Was das Soulcrusher-Festival als solches angeht, kann ich nur sagen, dass es uns sehr viel Spass macht, gemeinsam mit so vielen unterschiedlichen Bands aufzutreten. Und ich glaube, dass die Europäer dafür auch viel empfänglicher sind. In den Staaten hast du es da schwieriger mit so einem Line-Up. Außerdem haben wir gute Freunde getroffen, wie z.B. Kristin Hayter von Lingua Ignota oder auch Pelican, mit denen wir schon vor über 10 Jahren gemeinsam getourt sind. Insofern war es natürlich cool, die Jungs mal wieder zu treffen. Es bereitet mir ehrlich gesagt auch Spaß, vor einem Haufen Metal-Typen zu spielen, die meine Spucke abbekommen und nicht wissen, was sie über Daughters denken sollen. Entweder wir können sie auf unsere Seite ziehen, oder eben nicht. Generell spielen wir für jeden, der uns sehen will. Wenn ich auf die Bühne gehe, mache ich mir keine Gedanken mehr darüber, ob die Leute uns mögen werden oder nicht. Wir hoffen einfach darauf, dass diejenigen, die uns buchen, wissen was sie da tun. Hahaha.

Du hast einen schon recht einzigartigen Gesangsstil, der sich in Bezug auf deine cineastischen und poetischen Texte sehr narrativ verhält. In The Virgin von s/t und Ocean Song gibt es diesen Charakter Paul, der so einiges durchmachen muss. Handelt es sich um dieselbe Person?

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es dieselbe Person ist. Vielleicht wird das nächste Album da etwas Klarheit bringen. Ich hab auf YWGWYW den Namen einfach wieder benutzt und dachte mir, es wäre lustig, wenn die Leute da eine Verbindung suchen.

In Ocean Song gibt es diese Zeile „To know, to see for himself, if there is an ocean beyond the waves“. Eine sehr einprägsame Zeile, die man in vielerlei Hinsicht interpretieren kann, wie die ganze Story um Paul. Was bedeutet diese Zeile für Dich?

Ich schrieb diese Textzeile bereits vor einigen Jahren in ein Notizbuch, aber habe sie letztlich nie für irgendetwas benutzt, bis ich sie in Ocean Song verwendete. Sie kann viele verschiedene Dinge bedeuten. Zum Beispiel so etwas ähnliches wie den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, nach etwas ganz anderem zu suchen oder auch das Unmittelbare zu überwinden. Der ganze Scheiß eben, der immer auf einen zukommt. Oder die beruhigenden Dinge, die man verpasst hat. Ich meine, das ganze Album handelt von der Erkundung des eigenen Selbst und was es bedeutet ein menschliches Wesen zu sein. Es gibt zwar keinen eindeutigen roten Faden, aber diese Erkundungen bekommen immer wieder andere Blickwinkel. Die Charaktere erleben dabei unterschiedliche Dinge. Entweder sie werden damit fertig, oder auch nicht. Wie bei jedem von uns: It kills us or it doesn’t!


Bei der Show im Gleis22 blieb das oben erwähnte Bad im Publikum zwar aus, doch verließ Alexis Marshall bei zwei Stücken die Bühne, so dass die Band u.a. Our Queens (One Is Many, Many Are One) instrumental zum Besten geben musste. Was genau zum Verlassen der Bühne geführt hat, ob Marshall vielleicht gesundheitlich angeschlagen war, entzieht sich leider meiner Kenntnis, oder ich hab es einfach nicht mitbekommen. Ansonsten gab es an der ausgezeichneten Show rein gar nichts auszusetzen und der hochpräzisen Band zuzuschauen ist natürlich auch ein riesiger Spaß, allem voran die Griffbrettakrobatik von Nick Sadler und Tourgitarrist Gary Potter. Der grandiose Ocean Song beendete dann auch am heutigen Abend ein starkes Daughters-Set, die ihrem Ruf als eine der außergewöhnlichsten Livebands mehr als gerecht wurden.

Als perfekten Einheizer für Daughters erwiesen sich übrigen auch die nach fast 2 Dekaden wiedervereinigte Screamo/Powerviolence-Legende Jeromes Dream aus Connecticut, die mit LP in diesem Jahr ihr erstes Album seit 2001 veröffentlichten.

Im Halbkreis mit Blick auf ihren Schlagzeuger gerichtet, verprügelte das Quartett mit bombastisch- schönen Riffs, Noise und Dissonanzen die Ohren des anwesenden Publikums. Die Wiedervereinigung von Jeromes Dream hat sicherlich nicht nur in den USA so manchem Liebhaber ihrer Klänge vor Freude in die Hosen pinkeln lassen, vermute ich mal. 

Titelbild: Alexis S.F. Marshall | (c) Jens Broxtermann

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