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Multi-Instrumentalist Ben Cooper ist Radical Face und begeistert seit seinem 2007er Album Ghost sowohl das Publikum als auch die Musik-Kritikerinnen weltweit mit morbiden Geschichten über Mörder, Geister, stumme Kinder und andere Wesen einer ausgereiften Phantasie-Welt.

Mit seinen vier Alben der The Trees-Reihe hat er eine viktorianische Familien-Saga erschaffen, die mit einer unglaublicher Detailtiefe, wunderbaren Melodien und einem ständig depressiven Grundtenor überzeugte. Geradezu fröhlich, lebensbejahend und lustig ist dagegen das neue Album Therapy ausgefallen, das Ben Cooper nach einer langen Zeit der psychiatrischen Behandlung veröffentlicht hat.

Vor seinem Konzert im Mousonturm in Frankfurt am Main am 19.11.2019 hatte ich Gelegenheit mit einem ausgesprochen gut gelaunten Ben Cooper ausführlich zu sprechen.

Herzlich Willkommen, Ben. Wie oft hast Du schon hier bzw. in Frankfurt gespielt?

Ich war schon zweimal in Frankfurt. Das erste Mal war es im Jahr 2006, mit einer komplett anderen Band und dann wieder in 2015.

Dann war das noch vor der Veröffentlichung von Ghost.

Ja, das war in der Entstehungsphase des Albums Ghost. Leider konnte ich dann aber bis 2011 nicht mehr touren, weil ich meine Familie unterstützen musste. Ich komme aus einer Groß-Familie, bin eines von 10 Kindern. Als Nummer drei hat man natürlich Verantwortung zu übernehmen. Ich habe zwei ältere, aber insgesamt 7 jüngere Geschwister.

Ich habe gelesen, dass Du über sehr schwierige Zeiten in Deinem Leben berichtet hast. Das hat mich umso mehr überrascht, als ich Dein neues Album Therapy zum ersten Mal gehört habe. Diese Fröhlichkeit hat man so von Dir nicht gekannt.

Das freut mich. Über die Jahre bin ich unbekümmerter geworden. Aber ich schreibe trotzdem nicht allzu fröhliche Songs, der Grundtenor ist meisten dunkel und nachdenklich. Ungeachtet davon hatte ich schon immer eine bestimmte Art von Humor, obwohl mich die Menschen angesichts meiner Musik eher als missmutig wahrnehmen. Wenn ich Musik schreibe, bin ich oft an einem dunklen Ort. 

Was machst Du, wenn Du keine Musik schreibst?

Aktuell steht annähernd alles im Zusammenhang mit Musik, da ich mein Platten-Label (BearMachine) wieder aktiviert habe und hier verschiedene KünstlerInnen betreue. Zudem kümmere ich mich auch um andere Kunstformen. So entstand auch das digitale Album Missing Film auf dem ich kleine Musikstücke kostenlos zur Verfügung stelle, die von KünstlerInnen insbesondere aus der Film- oder Werbebranche genutzt werden können. 

Das Album ist interessant aber sehr ungewöhnlich.

Die Herausforderung bei solch einer Zusammenstellung ist es nicht eine Geschichte zu erzählen, sondern imaginäre Szenen und Gefühle zu erzeugen, auch wenn man die Dialoge oder Szenen, für die diese Musikstücke möglicherweise verwendet werden könnten, nicht kennt. Es ist ein Angebot aus dem sich junge Künstler bedienen können.

Wie man an Deinen Videos sieht, bist Du ein Filmfan. Welcher Kinofilm hat Dir in den letzten Jahren besonders gefallen?

Im letzten Jahr war es The Favourite (von Giorgos Lanthimos). Die historische Dimension hat mir gut gefallen und alles was der Regisseur erschaffen hat, wirkte wie die tatsächliche Realität.

Du wusstest sicher, dass er schon andere außergewöhnliche Filme gemacht hat?

Ja, ich mochte The Lobster, The Killing of a sacred Deer und Dogtooth.

The Killing of a sacred Deer ist ein wirklich harter Film. Ich war überrascht über Nicole Kidman.

Ich mag Lanthimos als Regisseur. Er ist einer von diesen Regisseuren, von dem man sich jeden Film ansehen kann. Ja, Nicole Kidman war außergewöhnlich in dem Film.

Ich mag Dein Album SunnMoonEclippse. Das ist aber leider kaum bekannt. Vielleicht weil es so harmonisch und emotional ist.

Das Album war eine ziemliche Herausforderung. Es entstand in einer Phase der Entfremdung von meinen Eltern. Ich hatte nicht die Möglichkeit etwas anderes zu schreiben. Im Grunde geht es darum, dass man das Gefühl hat, man wäre immer wieder an einem bestimmten Punkt oder in einer bestimmten Situation gewesen. 

Das ist wie der Kreislauf des Lebens, alles wiederholt sich.

Ja, als ich begann mit meinem Therapeuten zu arbeiten, war es das gleiche. Man bewegt sich immer im Kreise. Aber man muss den Kreislauf erst erkennen, bevor man ihn durchbrechen kann. Als ich das realisierte, begann ich es zu mögen.

Mit einem Therapeuten zu arbeiten dürfte genauso spannend sein, wie mit einem Art-Direktor zu arbeiten. Wenn man sich das Video zu Hard of hearing ansieht, dann ist das eine ziemlich lustige Therapie. Ist das der neue Ben Cooper oder nur eine weitere Facette?

Ich bin mir nicht sicher, aber ich mochte schon immer Märchen. Sie bedeuten viel in den verschiedenen Kulturen. Das ist der Grund, warum ich es mag Märchen wiederzugeben. In Grimms Märchen sind viele traditionelle Aspekte, die man oft vergisst.

Die meisten der Grimms Märchen sind aber auch ziemlich grausam.

Das ist richtig aber das hat seine historische Begründung. Jede Kultur hat zum Beispiel seinen Mythos um den Wald. Wenn man nach langer Zeit aus dem Wald in die Zivilisation zurückkehrt, dann hat der Wald den Menschen verändert. In einer Art, die man nicht mehr umkehren kann. Ich war schon immer davon fasziniert, diesen Aspekten nachzuspüren. Auch in den chinesischen Märchen. Daher wollte ich ein Album dazu machen, das The Woods heißen sollte. Es ist aber auch ein Teil von mir, vergleichbar mit meinem Umzug von Florida nach Kalifornien. Ich wusste nicht was passieren würde, aber ich war mir sicher es würde mich verändern.  

Wie ist es in Kalifornien?

Es ist der erste Ort, an dem ich leben kann und mich nicht fremdartig fühle. In Florida war ich immer der Ungewöhnliche, der Andersartige. Ich habe da nicht wirklich hingepasst. Meine einzigen Freunde waren ebenfalls Outsider. Und Kalifornien ist so bevölkerungsreich, dass man kaum wahrgenommen wird, was ich sehr mag. Es fühlt sich sehr ruhig an, obwohl es sehr geschäftig ist.

Erzeugt diese Geschäftigkeit nicht auch Druck?

Ich empfinde keinen wirklichen Druck. Ich mache meine Musik jetzt in meinem Haus mit meinen Instrumenten. Das kann mir keiner wegnehmen. Dadurch kann ich auch die negativen Aspekte, die es im Musikgeschäft natürlich auch gibt, eher ausblenden. Leider lerne ich es aber meistens auf dem harten Weg. Zum Beispiel wenn gebuchte Musiker zu Aufnahmen nicht erscheinen.  Da bucht man ein teures Studio und der Drummer ist nicht da. Die wollen natürlich das gleiche Geld haben, ob wir aufgenommen haben oder nicht. Oder wenn der Plattenfirma meine Aufnahmen nicht gefallen und sie das nicht veröffentlichen wollen. Das ist der Grund weshalb ich jetzt unabhängiger bin.

Vielleicht ist das die Möglichkeit das Tempo Deinem Lebensrhythmus anzupassen.

Genau darum geht es. Als ich diese Freiheit erkannte, dass da keine tickende Uhr ist, die mich antreibt, begann es deutlich besser und kreativer voranzugehen. Da traut man sich auch zu sagen, „Das war nicht gut, lass es uns nochmal machen“. Das ist sehr wichtig, denn als ich anfing Musik zu machen, hatte ich oft nur 2 bis 3 Studiotage, um so viel wie möglich aufzunehmen und auszuprobieren, dass dann auf das Album musste. Als ich 2006 Ghost aufnahm, habe ich mit einem anderen Künstler Studiozeit getauscht. Ich war zwei Wochen im Studio und habe danach alles gelöscht und von vorne aufgenommen. Das erste Mal klang es mir nicht professionell genug. Danach hatte ich aber aufgrund des Veröffentlichungstermins keine Zeit mehr, um nochmal zu entscheiden, ob es wirklich gut war oder nicht. Und es klang technisch tatsächlich deutlich schlechter als die erste Aufnahme. Dafür war es aber vom Gefühl her näher an meiner ursprünglichen Idee. 

Wie hat Deine Familie auf den Umzug von Florida nach Kalifornien reagiert?

Aktuell bin ich noch im Kontakt mit drei Familien-Mitgliedern. Diejenigen mit denen ich Kontakt halte, sind ebenfalls weggezogen aus Florida. Ich habe einen Neffen, der ein paar Jahre bei mir lebte. Er ging auch hier zur Highschool und jobbt nebenbei. Der wird bald wieder hier her ziehen. Die Verbindung zu der Stadt, in der ich geboren wurde, war nie wirklich da. Der Umzug hat es einfacher gemacht, sich zu lösen. Es ist traurig zu wissen, dass die Verbindungen zu einem Ort, an dem man lange gelebt hat, nicht mehr bestehen. Es gab einige Trennungen aber ich bin überzeugt, es wird hier neue Verbindungen geben. Es gibt immer Dinge, die man vermisst und andere, die man gerne hinter sich gelassen hat.

Welche Musik hörst Du, wenn Du unterwegs oder zu Hause bist? Die Album-Serie The Trees ist im Sinne populärer Musik ja fast Kammermusik und überwiegend mit alten Instrumenten aufgenommen worden.

Ich hört tatsächlich auch gerne klassische Musik. Von den modernen Sachen sind da aber auch noch Pink Floyd und Neil Young, die bei mir regelmäßig laufen. Sehr gerne höre ich auch Konzeptalben.

Du wirst ja oft mit Sufjan Stevens verglichen, Was denkst Du darüber?

Das stört mich überhaupt nicht. Man vergleicht uns, weil Sufjan Stevens auch gerne Geschichten erzählt. Das ist die größte Gemeinsamkeit. Außerdem haben wir beide sehr hohe Stimmen. Wir sind zudem beide historisch interessiert. Er klingt allerdings deutlich optimistischer.

Wie verkauft sich eigentlich Dein optimistisches Album Therapy?

Ganz gut, das hat aber auch mit den digitalen Musikdiensten zu tun, die einen Großteil der Werbung übernehmen. Die Videos sind zudem wirklich gut angekommen. Es ist aber fast wie immer. Ich bin gedanklich schon auf dem Weg zu einem neuen Album.

Mir hat der Song Dead Ends auf dem Album sehr gut gefallen. Was ist die Geschichte dahinter?

Wirklich? Das war mein Abschieds-Lied im Zusammenhang mit dem Umzug, als mir klar wurde, dass man tatsächlich nie wirklich irgendwo ankommt. Es ist immer ein Prozess. Je früher ich das akzeptiert hatte, umso einfacher wurde es für mich. Es sollte sich nicht anfühlen als ob das Kapitel geschlossen sei. Der Song hat mir geholfen „Goodbye“ zu sagen.

Wirst Du heute Abend auch ältere Lieder spielen oder vorwiegend die neuen Songs?

Diesmal ist es anders. Ich habe meine Fans gefragt, welche Songs sie hören wollen und die konnten über meine Internetseite ihre Wünsche äußern. Daher wird es heute Abend die Songs geben, die am häufigsten gewünscht wurden. Ich habe also nichts ausgesucht, es war ein ganz  demokratischer Prozess.

Ich gehe aber fest davon aus, dass Welcome Home dabei sein wird. Der Song dürfte auf ewig Deine Hymne sein. Welches Verhältnis hast Du zu dem Song?

Vorweg erst einmal, es wird jeweils zwei Songs aus jedem Album geben. Aber mit Welcome Home ist es schon ganz besonders. Der Song wurde in einer Nikon-Werbung außerhalb den Vereinigten Staaten benutzt, so dass ich es erst gar nicht mitbekommen habe und das in Amerika auch nie wirklich ein Thema war. Die Lizenzen wurden für den Marketingmarkt außerhalb von Amerika verkauft und die hatten einen Deal mit Ashton Kutscher, der dafür weltweit Werbung machte. Nur eben nicht in den USA. Aber das hat mich nicht gestört, denn darüber sind ganz viele Menschen zu meiner Musik gekommen.

Wie läuft die Europa-Tour bisher?

Oh, sehr gut. Es ist das erste Mal, dass ich mich nicht mit Stimmproblemen herumplage. Es gibt da eine Stimmen-Therapeutin, die eine Kamera in meine Hals eingeführt hat. Ich hatte immer Probleme, meine Stimme schnell zu verlieren. Auch wenn die nach einem Tag meistens wieder kommt, ist es doch belastend. Sie hat feststellte, dass meine Stimmmuskeln, die die Stimmbänder bewegen, nur etwa zur Hälfte mobil sind. Deshalb rede ich meist auch sehr leise. Je mehr Volumen ist benötige, umso mehr belastet das die Nackenmuskulatur.  Sie sagte mir: „Du verlierst nicht Deine Stimme, sondern Deine Nackenmuskeln geben nach.“ Das war mir vorher nicht bewusst, aber sie hat mir gezeigt, wie ich die Nackenmuskulatur stärke und wie ich diese mit ausreichend  Schlaf schützen kann. Daher schlafe ich jetzt mindestens 7 Stunden und habe kaum noch Probleme damit. Dann macht es natürlich auch mehr Spaß, wenn es ans Trainieren geht.   

Letzte Frage: Im Video zu Hard if hearing trägst Du wunderbar lustige Kleidung. Wie bist Du auf diesen Mode-Style gekommen?

Schön, dass es Dir gefallen hat. Das war ganz einfach. Eine Freundin von mir ist Mode-Designerin. Ich habe ihr das Drehbuch gegeben und gesagt: „Tob Dich richtig aus“. Das Ergebnis hat uns allen viel Spaß gemacht. Sie hatte verrückte aber ganz klare und einfache Vorstellungen, die sehr gut zum Song gepasst haben.  

Vielen Dank für das Gespräch.

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