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Anlässlich der Veröffentlichung des kommenden Albums „Konvolut“ der Posthardcore Band Caleya aus Hamburg, führten wir ein Interview mit Sänger Tobias Lietz über Verwachsungen, Lebenswelten und die Unsterblichkeit der Musik.

PiN: In Kürze erscheint via Zeitstrafe euer 3. Werk “Konvolut”. Was bedeutet Konvolut und mit welchem Ansatz und Anspruch seid ihr an die Arbeit gegangen?

„Konvolut“ ist primär erst einmal eine Ansammlung von etwas. Medizinisch gesprochen, ist es eine Verwachsung. Beide Bedeutungen verbinde ich mit dem Konvolutsbegriff, was wiederum stellvertretend für unseren Prozess innerhalb der Band und an den Arbeiten an der Platte zu verstehen ist. Wir sind fünf sehr unterschiedliche Charaktere, die über die Jahre hinweg musikalisch mehr und mehr zusammenwuchsen. Ansprüche und ein Verständnis von dem, wie wir klingen wollen, kristallisierten sind heraus. Wo TRYMMERMENSCH teils noch sehr rau, gar verspielt erscheint, ist auf der KONVOLUT deutlich mehr Platz für Strukturen, Melodien, Homogenität und Direktheit.

PiN: Habt ihr wieder mit Nils Wittrock (The Hirsch Effekt) produziert und gibt es bewusste Inspirationsquellen die in den wachsenden Prozess mit einflossen?

Nein, wir haben uns diesmal dafür entschieden, den Aufnahmeprozess innerhalb der Band zu lösen. Wir wussten, wie die Platte klingen und sich anfühlen sollte. Einzig der gute Role und Falk aus der Tonmeisterei waren zugegen und standen mit Rat und Tat an unserer Seite. Inspiration zog jeder von uns wohl ganz individuell aus seinen jeweiligen Lebenswelten. Es gab also keine universelle Quelle, an der wir uns gemeinsam bedienten.

PiN: Deine Lyriks thematisieren immer wieder Scheitern, Verfall und den Tod der Illusion. Ist das für euch der intensivste Moment im Angesicht des Lebens?

Da ich für die Lyrik der Texte zuständig bin, kann ich dahingehend nur von meiner Perspektive und Empfindung ausgehen. Für mich sind all die Aufzählungen tatsächlich ein großer und intensiver Teil meines Lebens. Der Mensch ist zu grossen Teilen ein Erfahrungs- und Emotionswesen. Viele dieser Eindrücke sammelte ich in den letzten zwei Jahre und prägten nachhaltig meine Sichtweise und Gefühlswelt auf menschliches Miteinander und soziale Beziehungen. Die unverbindliche Entsinnlichung von emotionalen Interaktionen wirkte als zerstörende Desillusion und zentrales Leitmotiv.

PiN: Das Portrait des alten Mannes auf dem Cover hat einen starken Ausdruck. Richtet sich der Blick nach Innen als Reflektion auf ein gelebtes Leben voller Erfahrung?

Es freut mich, dass du den Ausdruck und die Symbolisierung des Bildes so treffend interpretierst. Der alte Mann als ein KONVOLUT aus Erfahrungen, Bildern, Narben und Emotionen, die er in seinem Leben sammelte und durchlebte.

PiN: Gibt es ein übergeordnetes Konzept zwischen Artwork, Musik und Lyrik?

Ich würde nich soweit gehen zu sagen, es gäbe da ein übergeordnetes Konzept. Vielmehr wuchsen die einzelnen Komponenten nach und nach zu einem, meiner Meinung nach, stimmigen Gebilde zusammen.

PiN: Tim Kasher von Cursive sagte letztens: “ Mir fehlt das Gefühl der Unsterblichkeit in der Musik” Was könnt ihr dieser Aussage abgewinnen oder hinzufügen?

Ich, für meinen Teil, interpretiere diese Aussage als den herrschenden Zeitgeist, der auch innerhalb der Musikalität zum Ausdruck kommt. Die Musikwelt ist ein so schnelllebiges Konstrukt geworden, welches sich unheimlich viel um Trends und Szenen dreht. Bands entstehen, nehmen ein Album auf, werden gefeiert und gehen nach kurzer Zeit wieder unter. Es ist in der heutigen Zeit sehr schwer geworden, Musik zu erschaffen, die nachhaltig und zeitlos erscheint. Alles war irgendwie schonmal da. Viel wird wieder aufgelebt. Innovationen werden häufig mit Skepsis wahrgenommen. Der Ausdruck von „neuer Musik“ verkommt in einigen Kreisen zu einem elitäreren, artifizierten Kunstbegriff, der zeitweise obsolet und grotesk erscheint. Dahingehend würde ich dem guten Tim in seiner Aussage beistehen.

PiN: Ihr habt mit “Konvolut” ein sehr ergreifendes Stück Musik gemacht. Die kathartische Musik und die dunkle Poesie der Texte sind einzigartig. Welche Künstler (nicht nur Musiker) haben euch im letzten Jahr am meisten berührt oder inspiriert?

Inspiration liefert das menschliche Leben und Erleben ja schonmal zu Genüge. Beziehungen, Begegnungen sowie andere soziale Kontexte und Erfahrungen sind eine sehr direkte, gefühlte Art von Inspiration. Auf künstlerischer Ebene haben mich in den letzen Jahren Bands/Interpreten wie RADIOHEAD, SIGUR ROS, ÓLAFUR ARNALDS stark beeinflusst. Viele Singer-Songwriter wie DAUGHTER, HANS UNSTERN oder DAMIEN JURADO, Black Metal Bands wie WOLVES IN THE THRONE ROOM, ALCEST oder ALTAR OF PLAGUES aber auch Schriftsteller wie CHARLES BAUDELAIRE und Lyriker des Expressionismus wie zb. GEORG HEYM hatten einen großen und wichtigen Einfluss auf meine kreative Sozialisation.

PiN: Welche Pläne habt ihr für nächstes Jahr?

Wir freuen uns jetzt erst einmal darauf, unsere neue Platte zu präsentieren und betouren zu können. Hoffentlich auf sehr viele, tolle und spannende Konzerte und Begegnungen. Alte und neue Freunde wiederzusehen. In dem Sinne, vielen Dank für euer Interesse und die spannenden Fragen.

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