Als Fan der Rockmusik besteht die Gefahr, nach der Lektüre dieses Buches diese in einem anderen Licht zu betrachten als vorher.

Buch kaufen Vö: 15.03.2020 Ventil Verlag

Der Lust, die die harten Riffs und freiheitsliebenden Texte vorher bereitet haben mögen, mag dann plötzlich mitunter ein Gefühl der Abscheu beiwohnen. Das sollte einem bewusst sein, wenn man diesen Text weiter liest und erst Recht dann, wenn man ihn zum Anlass nimmt, Sex Revolts zu lesen. Sage also keine_r, er_sie wäre vorher nicht gewarnt worden.

Sex Revolts von Joy Press und Simon Reynolds ist bereits 1995 in englischer Originalsprache erschienen. Nachdem vor allem Reynolds in den Folgejahren auch hierzulande größere Bekanntheit als Autor verschiedener Bücher im Bereich der Popkultur erlangte, ist nun dieses Buch ebenfalls ins Deutsche übersetzt worden – endlich.

Es ist ein Mammutwerk. Das, was man Gemeinhin ein Standardwerk nennt, weil es so allumfassend ist und weil es – das Gefühl beschleicht einen bei der Lektüre des Öfteren – keine Fragen mehr offenlässt.

Das wäre natürlich ein völlig unbefriedigender Zustand, aber Fakt ist, dass nach der Lektüre von Sex Revolts viele Fragen beantwortet sind, die vorher noch offen gewesen sein mögen. Allerdings treten andere Fragen dafür in den Vordergrund, zum Beispiel die, ob man in Zukunft noch Iggy Pop hören kann, ohne im Strahl zu kotzen. Oder Nick Cave. Oder The Clash. Oder The Doors. Oder oder oder.

Denn was sie alle gemeinsam haben, ist ihr misogyner Blick auf Frauen. Halt – moment: Hat die Rockmusik als kulturelle Begleiterscheinung der 68er-Bewegung nicht auch einen kleinen Beitrag dafür geleistet, dass über die Emanzipation der Frau überhaupt erst ein mal diskutiert wurde, und letztlich auch dafür, dass der Weg der Emanzipation beschritten wurde (ohne damit seine Vollendung zu implizieren)? Hat nicht etwa der Glam Rock der frühen 70er Jahre oder das provokativ-androgyne Erscheinungsbild der Rolling Stones mit dazu beigetragen, dass die antagonistische Gegenüberstellung der Zweigeschlechtlichkeit zumindest ein klein bisschen ins Wanken geriet?

Nun ja, es ließe sich so argumentieren, doch viele dieser Vorstellungen entpuppen sich bei genauerem Hinschauen als Mythos. Die Rolling Stones etwa waren (und sind) Frauenhasser vor dem Herrn. Das von ihnen insbesondere in der Anfangszeit ihrer Karriere praktizierte Crossdressing diente weniger der Dekonstruktion von Geschlecht, als viel mehr der Verballhornung der Vorstellung, sie würden auch nur einen Millimeter vom Primat der Männlichkeit abrücken. Ganz nach dem Prinzip: Sehr her, wir als Frauen, wie absurd das ist! Ganz entscheidend prägten sie das Bild der „Wild Boys“, die der bürgerlich-mütterlichen Welt entfliehen und ein weitestgehend homosoziales Leben führen, jenseits des „weiblichen Gifts“. Frauen wurden als mitunter schön anzusehende Gebrauchsobjekte betrachtet, nicht als potenzielle Mitmusikerinnen oder Weggefährtinnen auf dem langen Weg Richtung nowhere. Es wurde nicht mit Frauen, sondern über sie gesprochen.

Generationen von Epigonen bedienten sich in den folgenden Jahrzehnten dieser Geschlechterbilder, die zwar von den Stones nicht produziert, aber popularisiert wurden.

Doch keine Bewegung kommt ohne Gegenbewegung aus, und so führte insbesondere der Punkrock der 1970er Jahre dazu, dass sich die Zahl der männlichen und weiblichen Machos wenigstens ein kleines bisschen mehr anglich. Damit war der Grundstein gelegt für spätere Bewegungen wie die Riot Grrrls, in denen die Verhandlung des weiblichen Leids innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft in kämpferischer Weise in den Mittelpunkt des (lyrischen wie performativen) Geschehens gestellt wurde. Und zugleich dienten etwaige Gegenbewegungen (jenen, die es für nötig befunden) dem Beweis, dass ein sozialer Status nie naturgegeben, sondern immer Produkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse und somit veränderbar ist.

Press und Reynolds gehen all diesen Spuren nach, arbeiten unter Einbeziehung psychoanalytischer Theorie unbewusste Strukturmuster der Rockmusik heraus und revolutionären damit den Blick auf den Zusammenhang des Patriarchats auf der einen und Rockmusik auf der anderen Seite. Dabei geht es ihnen, wie sie selbst betonen, nicht darum, letztere zu diskreditieren – so outen sie sich schon im Vorwort des Buches als große Fans etlicher Künstler, denen sie zugleich eine tiefgreifende Misogynie attestieren. Ihnen geht es viel mehr darum, den Blick zu schärfen, Wachsamkeit zu schulen und Ideologie dort, wo sie unbemerkt grassiert, offenzulegen.

Das ist ihnen auf geradezu bemerkenswerte Weise in Sex Revolts gelungen.

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