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Ich traf Phil und Jonas von Kafvka nach ihrem Auftritt bei Rock am Beckenrand in Wolfshagen, einem kleinen aber feinen Festival im Harz.

Ende August gibt es alljährlich im dortigen Waldfreibad für etwa 3000 BesucherInnen ordentlich was auf die Ohren. Die stets politischen Crossover-Punk-Rapper aus Berlin sind bekannt für ihre klare Haltung gegen Rassismus, Fremdenhass, Ausgrenzung und engagieren sich auch außerhalb ihrer musikalischen Projekte für Integration und Nachhaltigkeit. Kafvka spielten am ersten Festivaltag auf der Poolstage, also direkt am Beckenrand.

Was habt ihr gedacht, als ihr gesehen habt, wo ihr heute spielt?

Jonas: Also erstmal ganz geil, dass das tatsächlich auch am Beckenrand passiert. Als aber klar war, dass wir auf der kleinen Bühne spielen, wo mit ungefähr fünf Reihen vor der Bühne nur wenig Platz war, hab ich mir ein wenig Sorgen gemacht. Aber es war trotzdem gut und hat krass viel Spaß gemacht.

Wie war die Aussicht von eurer Perspektive aus?

Phil: Super, ich konnte das Gelände überblicken und weil’s noch hell war auch sehen, was so hinten abgeht, wie die Leute ins Wasser springen während du spielst.

Jonas: Ja das war geil. Bei dem Utopie-Sprungteil sind die Leute alle ins Wasser gesprungen. Es ist lustig, wobei thematisch auch etwas schwierig, weil wir harte politische Themen ansprechen und das bei sunshine am Pool zu machen?! Aber es hat dennoch funktioniert. Ich habe weinende Menschen gesehen. Und das ist oft das, wofür Menschen dankbar sind.

Dieser Kontrast ist wirklich schon etwas seltsam. Da ist dann mit einem Mal diese Dissonanz zwischen dem, was ich grad mache, nämlich feiern und dem was ich durch die Musik ausgelöst fühle.

Phil: Ja, das ist auch wirklich so und das fühlen wir selbst auch. Uns ist schon bewusst, dass wir sehr ernste Themen haben. Aber wir sind auch eine Rockband und unsere Gigs sollen Spaß machen. Uns ist wichtig Energie zu erzeugen. Das geht nur, indem du erstmal feststellst und benennst, was alles Scheiße ist. Und dann muss die Wut raus, die sich so angestaut hat. Wir wollen also nicht nur informieren, sondern auch animieren. Wir wollen mit der Botschaft „Faust hoch, wir schaffen das“ im Publikum ein Gefühl erzeugen nicht allein zu sein.

Also aus dieser Wut, dem Frust und vielleicht aus einer Hilflosigkeit in Anbetracht der Thematik heraus dann ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, was dann wiederum helfen kann mit diesen belastenden Emotionen umzugehen?

Phil: Ja genau, das hören wir besonders häufig in ländlichen Regionen, wo die Leute sagen „Danke, dass ihr es aussprecht.“ Denn die können es da leider häufig nicht. Und denen macht das Mut. Gerade Kids schreiben uns oft, dass sie sich dadurch nicht so alleine fühlen. Und das berührt uns und deshalb ist es so wichtig beispielsweise zusammen zu rufen „Alle hassen Nazis“.

Alle hassen Nazis oder auch Fick dein Volk beinhalten sehr einfache und direkte Botschaften. Hat man euch aufgrund dieser Texte schon mal Populismus vorgeworfen?

Jonas: Noch nicht, aber ich warte ein bisschen drauf. Ich glaube aber, das ist genau das, was wir brauchen – Linkspopulismus. Es ist leider eine Zeit, in der Populismus vordergründig funktioniert. Schau sie dir an, alle am Start: Johnson, Trump, Erdogan und die scheiß AfD. Die Linken konnten über Jahrzehnte ziemlich gechillt sein, weil alles halbwegs ok war. So bestand beispielsweise Konsens darüber, dass alle Nazis hassen. Das ist jetzt aber nicht mehr so und deshalb muss es jetzt energischer nach vorne gehen. Das darf auch gerne in populistischen Botschaften passieren. Das muss ja nicht zwingend schlecht sein. Populistisch heißt ja nur, dass es von vielen Leuten als wichtig anerkannt wird. Natürlich musst du als linke Person viel mehr Feingefühl in deine Botschaften legen. Als Rechter kannst du grölen und niemanden in deinem Umfeld stört der Ton. Wenn man linke populistische Botschaften verbreitet, gibt es aber kritisches Feedback. Nehmen wir mal die Textzeile „Tauscht euren Wohlstand ein gegen Ehre“ aus Lampedusa. Da kam die Kritik, das Wort Ehre nicht zu verwenden, weil es von Nazis benutzt wird. Aber es geht auch darum diesen Begriff neu besetzen. Wir wollen es uns zurückholen dieses scheiß Wort! Man muss also sehr viel bedenken, wenn man linke populistische Botschaften verbreitet. Es ist immer ein Spagat, den wir versuchen hinzukriegen.

Kafvka
Kafvka | (c) Stephan Lindner @ hcpix.com

Ihr habt heute einen neuen Song veröffentlicht. Worum geht’s in Fick die Welt?

Phil: Im Kern sind zwei Dinge: das Ende und „Kinder an die Macht“. Wir stehen gerade an einem Punkt, an dem unsere Elterngeneration die Welt fickt. Die Machthabenden scheißen auf den ganzen Nachhaltigkeitsaspekt, der ja übrigens nicht neu ist. Wir erwarten von den Kindern natürlich nicht, dass sie die Probleme lösen, auch nicht, dass sie das Wissen über Nachhaltigkeit haben wie jemand der sich z. B. beruflich damit beschäftigt. Nein wir wollen die Kinder mit diesem Aufruf unterstützen genau das fortzuführen, was sie jetzt tun: auf die Straße gehen und den alten Säcken Druck machen.

Der Song liefert wieder einfache, klare Botschaften, ist aber im Unterschied zu anderen Kafvka-Songs in einer Pianoversion sehr puristisch gehalten.

Jonas: Die Pianoversion ist eher zufällig entstanden. Wir hatten bei einem Konzert in Halle viel Zeit. Da stand backstage ein Klavier rum und Stephan, der die Melodie für den Song eigentlich auf Gitarre geschrieben hat, fing an das auf dem Piano zu spielen und ich hab dazu gerappt. Das hat uns alle getoucht. Der Song ist sehr direkt, wie auch unsere Acapellas, nur noch ein Level weiter.

Phil: Für die Veröffentlichung haben wir diese Version aber ganz bewusst so gewählt, weil uns der Text kurz vor der Brandenburg- und Sachsenwahl zu wichtig war, um ihn in unsere Musik zu packen. Wir wollten so mehr Leute erreichen und die Message nach vorne bringen. Es gibt auch ein Bandversion, die wir Ende September live spielen werden. Aber zum Release war es uns wichtig, die Emotion und den Inhalt besser transportieren zu können.

Welcher Kafvka-Song liegt euch besonders am Herzen?

Phil: Das ist Hallo Welt. Diesen Song haben wir alle so im Proberaum erstmal so eher aus Quatsch auf Synthesizern rumgespielt. Und später im saßen wir dann in einem unglaublich krassen Studio bei einem unglaublich krassen Produzenten, der mit uns den Song ausgearbeitet hat. Das war so geil, zu hören, wie wir auch klingen können. Das war ein neuer Sound – weg von diesen reinen Gitarrenbrettern und hin zu etwas Modernem. Das war für mich als Musiker ein Schlüsselerlebnis.

Jonas: Der, den wir gerade veröffentlich haben. Fick die Welt berührt mich selbst sehr. Klar ich hab den geschrieben und ich fühle das. Auch wenn es jetzt kitschig klingt, aber als ich heute im Zug saß und den zum ersten Mal auf Spotify gehört habe, musste ich ein bisschen weinen, weil‘s genau um den Scheiß geht, der grad passiert. Der Song ist so on point.

Wie in Fick die Welt durchklingt, sympathisiert ihr mit den Kids von Fridays for Future. Wenn ihr könntet, welchen Ratschlag würdet ihr eurem 16jährigen Ich geben, mit dem Wissen und der Erfahrung von heute?

Jonas: Politisiere dich früher! Ich war mit Mitte zwanzig erstmals außerhalb von Europa auf reisen: ganz typisch, weißer Europäer, der sich gönnt. Ich habe da begriffen, dass die Welt nicht nur das ist, was ich bis da täglich erlebt hatte, sondern das sehr viel mehr Zusammenhänge bestehen, die ich vorher nicht verstanden habe. Vorher war mir alles egal, Hauptsache ich hab ne gute Zeit. Ich habe damals überhaupt nicht reflektiert, dass ich hier überhaupt nur eine gute Zeit haben kann, weil ich männlich, weiß und hier Teil der Mehrheitsgesellschaft bin und keine Diskriminierung erfahre.

Phil: Meinem 16jährigem Ich müsste ich nix sagen. Das war save, das war schon politisiert … höchstens: Zock nicht so viel! (lacht)

Wenn ihr eine Person zum Essen einladen könntet, egal ob tot oder lebendig, wer wäre das und warum?

Phil: Mahatma Gandhi – Der hat ein Land mit einer Bevölkerung von über einer Milliarde verändert. Mit seiner besonderen Art des Protestes, hinter dem eine echte Philosophie und wirkliches Wissen stand. Er war hochgebildet und hätte eigentlich zur Elite gehört, Er hat sich von der Elite abgewandt und hat die Probleme der einfachen Leute benannt und angeklagt. Er ist sie auf seine Art angegangen und hat damit was Großes ausgelöst. Ich würde gerne wissen wie er so tickt, wie er denkt, über Menschen über Politik. Ich frage mich auch wie das geht, dieses positive Menschenbild zu haben und damit wirksam so zu sein.

Jonas: Ich würde gern mit Rio Reiser essen gehen, weil der mich seit meiner Kindheit begleitet, auch durch meinen Papa, der das viel gehört hat. Seine Texte haben mich sehr geprägt. Ich würde gern mehr erfahren über diesen interessanten und auch sehr schmerzerfüllten Menschen – natürlich auch marginalisiert durch seine Homosexualität, gerade zu der Zeit.

Was wollt ihr unbedingt noch lernen?

Phil: Bass spielen (lacht) … Nee, aber ein Instrument würde ich gern noch lernen: die Autoharp. Die kenne ich über die Musik von PJ Harvey, die ich mega finde. Darüber hinaus möchte ich lernen, den Menschen zu verstehen … (nachdenklich)

Jonas: Ich kann es schwer in Worte fassen: Vielleicht in direktem Umgang mit Menschen die weniger Privilegien haben als ich, mich situationsentsprechender zu verhalten und öfter mal die Fresse zu halten. Es gibt sehr viele Menschen, die nicht gehört werden. Ich habe alle Privilegien und werde super schnell gehört. Wenn ich mich zurücknehme und mal still bin, werden die gehört die leise sind.

Phil: … und die, die leise gemacht wurden von den Privilegierten.

Kafvka
Kafvka | (c) Stephan Lindner @ hcpix.com

Auf der Bühne sind Kafvka alles andere als still und das ist auch gut so, geben sie doch so genau diesen Nichtprivilegierten eine Stimme. Mit ihren Songs legen sie den Finger in die Wunden der modernen Gesellschaft. Stehen sie nicht auf der Bühne unterstützen sie aktiv Organisationen der Seenotrettung, Flüchtlingshilfe und Veranstaltungen gegen Rassismus und rechte Gewalt. Am Merchstand gibt es ausschließlich Secondhand- und Fairtrade-Shirts.

Auf einen Sockel stellen muss man Kafvka jedoch nicht, sind es doch ganz normale nahbare Jungs. Wer sich genau davon überzeugen möchte, klickt mal in ihren Podcast rein. #Allemachenpodcast ist zu hören auf Spotify und neuerdings auch im Radio bei Hauptstadtsafari des Freien Senders Berlin. Anmerkung: ab Folge 4 dann glücklicherweise ein deutlicher Qualitätssprung 😉

Kavfka auf Tour:
21.09.19 Laut & Leise ! Festival – Karlruhe
28.09.19 Ride Against Racism – Hilchenbach
22.11.19 Cassiopeia – Berlin

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