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KARIES – Persönliche Erfahrungen habe ich damit noch nicht gemacht. Mit der Zahnpflege war ich immer sehr sorgfältig, deshalb blieben mir diese Beschwerden glücklicherweise erspart.

Aber KARIES klingen so, wie ich mir den Schmerz vorstelle, der sich irgendwann wohl ankündigt und langsam bis zur Zahnwurzel kriecht – ein beißender Schmerz, den man nicht wegkratzen kann, sondern aushalten muss. Hilfe bringt nur noch der Bohrer, eine wohl ebenfalls mehr als unangenehme Prozedur, die aber immerhin unter Betäubung stattfindet. Und dann wird das Loch wieder gestopft mit fragwürdigen Füllungen… eine irre Vorstellung.

Das Cover zeigt ein Wasserglas, das bis zur Hälfte gefüllt ist. „Halb voll oder halb leer?“ lautet die Frage, die hier provoziert wird. Besonders hoffnungsvoll, optimistisch oder erhebend klingt das Album „Es geht sich aus“ in keinem Moment. Es geht durchgehend düster und abgründig zu, wie wir es von KARIES schon gewohnt sind. So viel ist sicher: wer die Platte gehört hat, wird das Glas als halb leer wahrnehmen: „Das Leben wird mit allem fertig, das Leben wird auch mit Dir fertig“ (Keine Zeit für Zärtlichkeit). Ein genauer Blick lässt allerdings eine Aspirin-Brausetablette darin vermuten, die ja bekanntlich Linderung verspricht.

KARIES bleiben ihrer Linie treu, denn verglichen mit dem ersten Album „Seid umschlungen Millionen“ (2014) und der erst in diesem Jahr erschienenen selbstbetitelten EP hat sich nicht viel verändert: der Sound verweist nach wie vor auf Post-Punk oder New Wave der 1980er Jahre. All diejenigen, denen ich die Band mal vorgespielt habe, waren davon überzeugt, dass die Musik in jenem Jahrzehnt entstanden ist. Mit viel Hall auf den Gitarren werden weite Klangräume geöffnet, Bass und Schlagzeug halten wie Kitt alles zusammen und treiben nach vorn. An Dissonanzen und bissigen Akzenten wird dabei nicht gespart. Textlich kommen die Stücke mit wenigen Zeilen aus. Kurze Poems werden mehr gesprochen als gesungen, dazwischen spielt sich vieles instrumental ab und mit diesen Mitteln werden die Geschichten weitererzählt. Scheitern, Resignation, Irritation und Leere sind die Themen und Zustände, um die es dabei geht.

Für die Produktion war diesmal neben Max Rieger auch Ralv Milberg verantwortlich, und im Vergleich zum Debut klingt das Ergebnis etwas sauberer und weniger nach LoFi-Ästhetik. „Es geht sich aus“ erscheint am 04.11.2016 auf This Charming Man Records. Wer düsteren Post-Punk mag, wird hier seine Freude haben. Wer mit KARIES ohnehin schon was anfangen konnte, wird die Platte lieben. Schmerz kann sich auch gut anfühlen und manchmal braucht man ihn eben.

Die für November geplante Tour wurde krankheitsbedingt leider abgesagt und ins Frühjahr 2017 verschoben. Kevin Kuhn, „der durchgeknallte Schlagzeuger von Die Nerven“, ist zwar noch auf der Platte zu hören, in der aktuellen Besetzung nimmt aber Philipp Knoth seinen Platz ein.

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Bewertung von Autor Paul Kaspar
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