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Was war zuerst- Album oder Titel? Das dritte Studioalbum der Australier Karnivool strotzt nur so vor Ambivalenz, Asymmetry- Das ist Programm und gräbt Denkerfalten in die ohnehin schon bewegte Stirn des Progressive Rock.

Eine gewagte These: Hätte Shakespeare eine tiefer gestimmte E-Gitarre zur Hand und eine Vorliebe für hämmernde Bässe gehabt, würde Hamlet klingen wie Asymmetry: Innere Zerissenheit des lyrischen Ichs, die an Wahnsinn grenzt, die ganz große Frage nach dem Sinn des Lebens -und vor allem- nach dem großen Finale, dem Ende, dem fallenden Vorhang. Und Bombast, Wannen voll davon, die auf mythisch anmutende Szenerien niederregnen wie Konfetti.

Doch lassen wir den armen William in Ruhe. In oben Genanntem bleiben Karnivool sich treu; zentnerschwere Metal Riffs retten sich aus den Anfangstagen der Band auch auf dieses Album. Das vetrackte und sich immer wieder neu erfindende Drumming von Steve Judd bildet in seiner Beschleunigung einen wunderbaren Kontrast zu Ian Kennys klarem, hellen Gesang, der eigentlich wie für Popsphären gemacht zu sein scheint und immer wieder angenehm an Dredg erinnert. Karnivools Talent, komplexe Rhythmik mit eingängigen Melodien zu verbinden, prägt auch das dritte Album der Band, allerdings in ganz neuem, in zwei unterschiedliche Richtungen strebenden Maße:

Da wären zum einen Songs wie “The Refusal”, die keine Sekunde verschwenden, um mit Shouts und ineinander verbissenen Punkbeats und wütenden Bassläufen die Tür einzutreten. Oder “A.M.War”, dass sich unermüdlich dreht wie ein düsteres, von Loops angetriebenes Karussel.

Auf der anderen Seite das schwärmerische “Sky Machine”, das fast schon als leise vor sich hingroovende Progballade durchgehen könnte oder Float, das klingt wie ein Wiegenlied mit außerirdischem Einschlag.

Hamlet hilf! Prog oder nicht Prog, das ist hier die Frage! Asymmetry wagt in seiner komplexen Forschheit noch mehr als seine beiden Vorgänger, ist zur gleichen Zeit stellenweise aber auch so eingängig wie nie. Teilweise reißt die Band das Ruder zwischen beiden Seiten so schnell herum, dass man glaubt Seekrank zu werden. In solchen Momenten passiert so viel auf einmal, dass es schwer fällt, sich fallen zu lassen in die wunderbar atmosphärisch verwobenen Strukturen, aus Angst etwas zu verpassen.

I want us to break the case we’re in / with one of the tools of this catatonic skin / remove all the parts / I want us to face the shape we’re in singt Ian Kenny in “We Are”. Vielleicht hat Karnivool in dem Drang, sich weiter zu entwickeln, zu viele Ansätze verfolgt und ist dabei über’s Ziel hinausgeschossen. Asymmetry wirkt ein wenig überladen und weniger in sich geschlossen als “Themata” und “Sound Awake”, scheint aber gleichzeitig wie ein beruhigendes Versprechen, dass die Band in naher Zukunft bestimmt nicht der Stagnation verfallen wird, wie es Shakespear’sche Helden sonst (zwangsläufig, da tot) zu tun pflegen.

1. Aum
2. Nachash
3. A.M.War
4. We Are
5. The Refusal
6. Aeons
7. Asymmetry
8. Eidolon
9. Sky Machine
10. Amusia
11. The Last Few
12. Float
13. Alpha Omega
14. Om

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