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Seit mittlerweile 15 Jahren feilt Kate Tempest an ihrem Können. Inzwischen ist sie eine umtriebige Künstlerin, deren Bandbreite staunen lässt. Zwei Alben, zwei Gedichtbände, drei Theaterstücke und einen Roman kann sie vorweisen.

Am 07.10.2016 erscheint nun „Let Them Eat Chaos“, mit dem Kate Tempest einen schonungslosen Scheinwerfer auf das Leben und Scheitern in der Großstadt London wirft.

Spätestens mit ihrem Roman „Worauf ihr euch verlassen könnt“, der dieses Jahr erschienen ist, stieg Kate Tempest in die Riege derjenigen auf, von denen Großes zu erwarten ist. Selten erscheint die Bezeichnung „Poetin“ so angebracht wie bei dieser 30-jährigen Lyrikerin, Rapperin und Autorin. Ihr neues Album, „Let Them Eat Chaos“,  sollte ursprünglich als Spoken-Word-Performance veröffentlicht werden und ist so nicht nur eine musikalische, sondern auch literarische Glanzleistung.

Es ist noch sphärischer und spannungsgeladener als sein 2014 erschienener Vorgänger „Everybody Down“. Die Konzepte der Alben bleiben sich aber ähnlich: Kate Tempest schwebt als auktoriale Erzählerin über dem Geschehen und wirft episodische Blicke auf Alltägliches. Diesmal spielt weniger das Psychogramm einer einzelnen Person als vielmehr ihre Stadt die tragende Rolle – London. Hier ist die Künstlerin aufgewachsen und hier leben die Menschen, von denen sie in insgesamt 13 Stücken erzählt. Sieben Personen, eine Uhrzeit: 4:18h. Die Nacht ist vorbei, doch der Alltag hat noch nicht begonnen, alles schläft. Eine Zeit, die magisch ist, denn sie bietet Freiheit in der chaotischen Hauptstadt. Freiraum für Schönes, aber auch für Sorgen und das Eingeständnis des eigenen Scheiterns.

Nicht zuletzt durch ihre bedrückende, dystopische Grundstimmung erinnern Tempests Texte an den Montagestil von Koeppens „Tauben im Gras“, ihr illusionslos-nüchterner Blick auf Geldsorgen, Einsamkeit und die Sehnsüchte der sieben Figuren an die Literatur der Neuen Sachlichkeit. Wie hochpolitisch die  Einzelschicksale in ihrer Gesamtheit sind, zeigt Kate Tempest mit dem Song „Europe Is Lost“ und der Agonie des europäischen Traumes. Zeilen wie „And you wonder why kids want to die for religion?“ sind radikal, schonungslos – und trotz ihres exaltierten Charakters gerade deshalb so dringend nötig. Doch auch die Texte der anderen Stücke des Albums bestechen durch ihre hohe Bedeutungsdichte und machen aus „Let Them Eat Chaos“ ein Album, das seine Qualität verliert, sobald man ihm nicht die nötige Konzentration und Ruhe widmet. Kate Tempests Wortgewalt durchdringt jede einzelne Zeile und macht eine große Aufmachung überflüssig, sodass minimalistische Beats reichen, um ihre Texte in Szene zu setzen und das Gefühl klaustrophobischen Gefangenseins hervorzurufen.

Kate Tempest zerschlägt Diskussionen über rappende Frauen und die männerdominierte Hip-Hop-Welt. Dafür braucht sie jedoch weder Wut, Frust noch Selbstbehauptung. Sie lässt sich in keiner Rolle einfangen, sie dominiert das Geschehen, ist omnipräsent und körperlos. Mit der Exaktheit und Schärfe einer Kamera fokussiert sie auf Ignoriertes, Ungehörtes und zwingt zum Hinsehen, bis es wehtut. Das Album hinterlässt Spuren in denen, die es hören und ist eine Kampfansage an Indifferenz und rosarote Brillen.

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