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Folk as Folk can be – ein Freakfolk-Album mit unzähligen Facetten

LP kaufen Vö: 22.09.2017 Lotte Lindenberg

Kenneth Minor ist das Projekt von Singer/Songwriter Bird Christiani aus Wiesbaden, der als einzige, personelle Konstante der Band darstellt. Nach einem vielbeachteten Album („In That They Can’t Help It“ 2010) war es einige Zeit still um den Musiker, jetzt legt er uns das fein betitelte „Phantom Pain Reliever“ vor und an vielseitiger Beachtung sollte es auch diesmal kaum mangeln.

Schon „Hitch“ wirkt trotz akustischen Gitarren druckvoll und mächtig, Christiani hat eine kantige und ungeschliffene Stimme, die im Kontext ein wenig an das große Folk-Fossil Bob Dylan erinnert. Mit einem nicht übertrieben gefälligen, eher ungewöhnlichen Chorus werden auch leichte R.E.M.-Anleihen spürbar, nur mit merklichen 60s/70s-Folk-Nuancen. Eine wunderschöne, gepickte Gitarre und eine singende Säge sorgen bei „Spring Cleaning In The Wintertime“ für Gänsehaut. Die Stimme ist zwar klar, aber dabei traurig und zugleich abgeklärt. Der Einzug weiterer Instrumente, wird von einem leicht positiveren Wind begleitet und lässt im Gesamtbild Vergleiche mit den großartigen Murder By Death oder Blitzen Trapper zu. „Riding On The Assembly Line“ beginnt mit Schritten, die Gitarre setzt im gleichen Rhythmus ein, eine sehr geile Idee! Dramatisches Picking im Ragtime-Stil wächst zu dramatischen, vollen Akkorden im Chorus und vermag es, den Hörer aufzuwühlen.

Ein schräges „Instrumental“, geheimnisvoll und leicht dreckig, leitet das gefällige „Spots“ ein. Mehrere musikalische Themen und Rhythmen geben sich die Klinke in die Hand, die Akustikgitarre bekommt Unterstützung von einer dezenten, elektrischen Verwandten, wobei ein feines 60s-feeling und damit einhergehende, positive Stimmungen entstehen. „Positively Grey“ und „A Woman’s Passin‘ By“ markieren einen kurzen Ausflug in den Americana-Folk und huldigen den alten Künstlern des Genres. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Musik von Kenneth Minor aus Deutschland stammt, was hier als absolut positiv verstanden werden soll. Christianis Stimmt überschlägt sich manchmal fast, aber eben nur fast, was bewusst eingesetzt ein ziemlich cooles Stilmittel darstellt.

Kantig und ungestüm, dabei aber sehr melodisch und melancholisch erwartet uns „No. 92“. Hier wurden nicht besonders viele Spuren verwendet bzw. nur wenig Aufwand betrieben, dennoch reicht es aus um das Album weiter voran zu bringen. Das mysteriöse „My Life’s Thicket“ hat eine Tangonote, die den nötigen Spaß bringt und das Stück nicht zu arg kränklich und finster wirken lässt. „Limb“, mit einer gefühlvollen, sanften Gitarre lässt sich aufgrund der zusätzlichen Verwendung einer slide guitar schon eher dem Countryfolk zuordenen. Ein Piano bringt etwas Tiefgang, ohne dabei störend empfunden zu werden. Der verschiedene Leonard Cohen könnte hier Pate gestanden haben. Etwas hektisch, ja, gar punkig kommt „Overboard“ daher, es wird sogar geflucht und man wird (angenehm, natürlich) an den jungen, rebellischen Robert Zimmerman erinnert, als seinerzeit den Grundstein für den sogenannten Antifolk legt. Das abschließende „Hollywood In Paris“ ist regelrecht tanzbar und spielt wieder mit A- und E-Gitarren im Wechsel. Ein starker Abgang für ein starkes Album.

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