Eine Band, die sich Kermit nennt? Sesamstraßenmusik? Kindergeburtstagshintergrundbeschallung? Oder Bandmitglieder, die noch grün hinter den Ohren sind? Denkste! Die vier Jungs aus Malaga fusionieren auf „Autoficción“ instrumentale, postrockige Klanglandschaften mit Jazz und Indie und sind dabei allen qualitativ meilenweit voraus.

Man möchte seinen Ohren nicht wirklich trauen und die Assoziation kaum zu Ende denken, so offensichtlich klingt „Origami“, der erste Song auf „Autoficción“, dem Debütalbum der spanischen Band Kermit, nach Radiohead. Klanglich nicht allzu weit von dem Sound eines „OK Computer“s entfernt, weben die beiden Gitarristen über der ebenso trockenen, wie saucoolen Rhythmussektion ein Akkordgeflecht, das man, trotz seiner verqueren Mischung aus Jazz- und Popharmonien, durchaus als eingängig bezeichnen könnte. Fast ertappt man sich dabei, wie man sich vorstellt, Thom Yorkes Kopfstimme stiege ein. Anstatt dessen erhebt sich eine klangliche Wand aus Gitarrengeräuschen, Störwellen eines Transistorradios nicht unähnlich, bevor der Song so leise wieder abklingt, wie er angefangen hat.

Wer noch mehr Argumente braucht, um weiter zu hören, dem wachsen entweder ganze Tomatenbeete im Innenohrkanal, oder hört gerne Schallplatten von Richard Claydermann aus der Schallplattensammlung seines Urgroßvaters. Wirklich beeindruckend, wie überzeugend sich die vier Jungs von Kermit präsentieren, welch klangliche Präsenz sie auf der Aufnahme präsentieren und mit was für einem Opener sie ihr Album eröffnen. Kompositorisch weit über dem postrockigen Durchschnittsallerlei, der leider fast zur traurigen Regel in diesem Genre geworden ist, stellt die Band eine höchst willkommene Ausnahme zum Einheitsbrei dar.

Die Sprachsamples auf „Manu Samhita“ bleiben die einzige menschliche Stimme, die man auf „Autoficción“ zu hören bekommt – wo andere, wie bereits die Talking Heads im Booklet zu ihrer bahnbrechenden Live-CD „Stop Making Sense“ feststellten, Songtexte nur dazu einsetzen, um ihr Publikum bei Laune zu halten, benötigen die Spanier keine Nebensächlichkeiten wie herkömmliche Songstrukturen oder offensichtliche Refrainmomente. Das ist es, was sie in die mentale Nähe zu Radiohead rückt, jedoch gleichzeitig auch ihren Jazzeinfluss unterstreicht. „Mahabharata“, mit einem der unwiderstehlichsten 5/4-Takte seit „Take Five“, beginnt ruhig, mit verschlungenen und hervorragend ausgearbeiteten Gitarrenlinien, bevor der Sound nach einem einfachen Break auseinander genommen wird, sich zwei Riffs, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ablösen, bevor nach einem Shoegazing-Finale wieder die fragile Zurückgenommenheit des Anfangs zelebriert wird. Knappe fünf Minuten Soundevolution wie aus dem Lehrbuch.

Der Sound des Albums bleibt natürlich durch die Fixierung auf die beiden Gitarren etwas limitiert und kann, sollte man den Klang elektrischer Saiten bereits von Hause aus langweilig findet, etwas anöden. Allerdings schöpfen Kermit innerhalb dieses Klangspektrums absolut aus dem Vollen, bieten schräge, atonale Klangkämpfe in „Anacronópete“ sowie im ersten Teil von „Calipso / Fronterizo“ etwas, was man mit gutem Willen (oder großer Vorstellungskraft) als Slow-Swing-Core bezeichnen könnte. „Aicnelav“ nimmt den Salsa-Funk von Carlos Santana oder The Mars Volta, zieht ihn in die nächste dunkle Postrockgasse, um ihn dort schamlos zu vergewaltigen. Und „Dog goD“ ist hervorragender Klangschabernack, in dem Gitarren nicht mehr als solche zu erkennen sind.

Wer bereits mit dem schon erwähnten postrockigen Einheitsbrei nichts mehr anfangen kann oder dem Genre bereits den Rücken zugewandt hat, dem seien hiermit Kermit dringend ans Herz gelegt. „Autoficción“ ist nichts weniger als ein beeindruckendes musikalisches Kaleidoskop, das durchaus genug Pfeffer unterm Hinter besitzt, um die laute, instrumentale Rockmusik komplett, von A bis Z, zu revolutionieren.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.