Post-Rock in Tuben, Freejazz in Kapseln – „Litoral“, das zweite Album des spanischen Quartetts Kermit klingt nicht nur wie die wabernde Soundrealität gewordene Vertonung eines epischen Science Fiction-Romans à la Marion Zimmer Bradley, viel eher geht es noch einen Schritt weiter und scheint eigens dafür geschaffen, in einer Raumkapsel in die nächstbeste Sonnenumlaufbahn geschossen zu werden, um dann – ein paar Sternentode später – von Weltraumplünderern als letzter Überrest menschlicher Kultur aus dem Orbit gefischt zu werden.

Kermits Bandproben darf man sich wohl als eine Art expressionistischen Bücherclub vorstellen, der sich regelmäßig in düsteren Post Rock-Gewölben zum „Debattieren“ trifft. Nachdem das 2012 erschienene Debut „Autoficción“ sich der musikalischen Aufarbeitung des gleichnamigen spanischen Literaturgenres widmete, ist auch „Litoral“ knisternden Bücherseiten entstiegen: Als Hommage an das bereits seit 1926 (siehe Titel des Openers) erscheinende, gleich betitelte Poesie-, Literatur- und Philosphiemagazin, in dem Klassizismus und Futurismus sich einträchtig die Seitenzahlen teilen. Lorenzo Saval, seines Zeichens Künstler und aktueller Herausgeber des Magazins, gestaltete mit seinem mystisch anmutendem Cover-Design die „Buchdeckel“ für „Litoral“.

Darin: Eine futuristische Kurzgeschichtensammlung, eine Collage dadaistischer Rhythmusspiele, auf spanisch rezitierter Gedichte in wirbelnden Soundgeflechten, die sich in der Weite zwischen Genie und Wahnsinn treiben lassen und verlieren: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness“, heißt es in „Samhain“. Sprachsamples drängen immer wieder in den Vordergrund der Erzählungen, ein indianisch anmutender Klagegesang leitet „We-tripantu“ ein, eine geloopte russische Frauenstimme wird zum Navigationssystem eines sechsminütigen Free Jazz-Trips, dessen schmeichelndes Saxophon sich innerhalb von wenigen Takten in ein gequältes Tier verwandelt.

Besonders ans in Fusionseuphorie schwelgende Herz gelegt sei „Ingeborg“, ein leichtfüßiges Post-Rock-Stück, das orientalisch anmutende Synthies und mal bluesig schmachtende, mal widerspenstig kreischende Gitarrensoli in ein melancholisches Resumee der 70er verwandeln. Alles in allem klingen Kermit in ihren klarsten Momenten des Irrsinns ein wenig so, als hätten Can beim Unkrautjäten im Avantgardebeet das Wunder der Electronica entdeckt.

Wer nun also auf der Suche nach einem Hörbuch ist, das nicht immer wieder von vorne begonnen werden muss (diesmal hatte man sich doch fest vorgenommen, nicht einzuschlafen), das aber dennoch garantiert die verrücktesten Träume jenseits einer versauerten Milchstraße beschert (diesmal hatte man sich doch fest vorgenommen, rechtzeitig neue zu kaufen), dem sei „Litoral“ wärmstens empfohlen: Futuristic Mania since 1926.

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