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Nach über fünf Jahren ist es endlich soweit: ein neues Kettcar Album!

LP kaufen Vö: 13.10.2017 Grand Hotel van Cleef

Wie die Vorabsingle „Sommer ‘89“ schon ahnen ließ, ist das neue Album von Kettcar ein sehr politisches geworden. Vor allem weil sie ihre Meinung auf ihrem fünften Album direkter als üblich ausdrücken, bleibt wenig Spielraum für Interpreationen: ein klares Statement zu ihren Beobachtungen, was in der Welt passiert. Pegida, AfD, Ungerechtigkeiten im sozialen Umfeld, Ungleichheit zwischen arm und reich, das alles spielt – mal subtiler, mal direkter – eine Rolle.

Nicht, dass die Hamburger Band sonst unpolitisch gewesen wäre, aber dennoch hat man das Gefühl, sie beziehen klarer Stellung zum Großen und Ganzen und machen ihrem Frust über die Entwicklungen Luft, auch mal mit drastischerem Storytelling. Wie beispielsweise beim Track „Mannschaftsaufstellung“, die ganz klar die rechtspopulistische Strömung beschreibt:

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen, die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen, nahmst du meine Hand und sagtest ‚Liebling, ich bin gegen Deutschland.

So verpackt Marcus Wiebusch diese neue Dringlichkeit in musikalische Kurzgeschichten und legen eine hymnische Zeile nach der anderen hin:

Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser.

und

Irgendjemand sagt Gutmensch und du entsicherst den Revolver.

sind nur einige Beispiele. Das wirkt gleich ganz anders als stumpfes dagegen sein und verfängt den Zuhörer in den Geschichten.

Wie der Albumtitel schon andeutet geht es auch um den Gegensatz zwischen Individuum und Masse, wer ist dieses „wir“ und wie positioniert sich das „ich“? Wer sind „meine Leute“ und zu welcher Gesellschaft will ich gehören? Eine eindeutige Antwort findet Wiebusch am Ende nicht, die braucht es aber vielleicht auch nicht. Bevor er sich daran abarbeitet, stupst er wenigstens an, darüber nachzudenken, wo die Reise hingeht.

Musikalisch hängen sich Kettcar dabei nicht zu weit aus dem Fenster, da ist drin, was draufsteht. Kettcar-typische Songs: die Gitarren-Indie-Pop-Attitüde legen sie auch für ihre starken Thesen nicht ab, das macht aber nicht viel aus. Dennoch haben sie sich weiterentwickelt, probieren sich mit weniger Schnickschnack und greifen nur selten auf altbewährte Mittel zurück. In fast allen Songs bringt die musikalische Begleitung auch die richtige Stimmung für den textlichen Inhalt mit.

Insgesamt ist das neue Album das beste bisher von Kettcar: ein Protest-Soundtrack, den die Popwelt braucht, der einen mit einer Stimmung zwischen Aufbruch, Unruhe und Entsetzen zurücklässt, aber auch wachrüttelt. Wiebusch nimmt bewusst die Interpretationsmöglichkeiten weg und bezieht klar Stellung, kotzt sich aus und nimmt uns an die Hand, wenn er die Komfortzone verlässt: Gerechtigkeit ist nicht verhandelbar! Schluss mit Befindlichkeitsmusiker, auf „Ich vs. Wir“ gibt’s Dringlichkeitspop!

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