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Vor etwas über 3 Jahren, als At The Drive-In ihre Reunion angekündigten, verbreitete sich diese Nachricht durch die Musikszene, ausverkaufte Konzerte folgten.


Doch im Herbst 2017 ging die Meldung neuer Tourdates der Post-Hardcore-Legenden fast unter. Ein neues Album und eine EP sind mittlerweile erschienen. Doch die Reaktionen von Fans und Kritikern rangierten zwischen Enttäuschung und relativer Zufriedenheit, selten mit Überschwänglichkeit wie einst. Beschwerden über den hohen Ticketpreis und Verwunderung über die Locations bestimmen die Debatte. Dazu das Fehlen von Gründungsmitglied Jim Ward. Ein Blick durch die nicht ganz gefüllten Reihen der Sporthalle an diesem Freitagabend im März 2018 lässt befürchten: Der einstige Ruf von At The Drive-In überstrahlt ihre heutige Relevanz. Dass das aber nur die halbe Wahrheit ist, zeigte sich den Hamburger Fans am 2. März 2018 in der Sporthalle.

Den Abend eröffneten Le Butcherettes, die ein Abonnement auf den Support-Slot von Omar-Rodríguez López‘ Bands zu haben scheinen, überpünktlich um 19.30 Uhr. Das Elektro-Garage-Punk-Trio rund um Teri Gender Bender lieferte ein kurzes, schnörkelloses Set ab. Die komplett in Rot gekleidete Frontfrau zog dabei mit wilden Gesten und manischem Gesang die Blicke auf sich.

Death from Above, die seit Neuestem das „1979“ im Namen hinter sich gelassen haben, holten das an Spielzeit auf, was Le Butcherettes zuvor liegen gelassen haben. Das Duo aus Kanada spielt einen wiedererkennbaren Noise-Punk und verzichteten dabei komplett auf Gitarren. Trotz ihres riesigen Banners merkte man dabei, wie sehr sich die Band nach einer kleineren Bühne sehnte: Drummer und Sänger Sebastien Grainger platzierte sich rechts vorne, während Bassist Jesse F. sich mit Orange-Verstärkertürmen einzäunte. In dem gut 45 Minuten langen Set spielte die Band neben einigen Klassikern ihres mittlerweile 14 Jahre alten Debüts wie Going Steady auch einige Songs vom neuen Album Outrage Is Now. Durch kleinere Einspieler und gelegentliche Synthesizer-Passagen erweiterte die Band ihren gradlinigen Sound. Als einer dieser Einspieler bei Freeze Me versagte, nahm die Band dies mit Humor und starteten den Song neu. Ihr „Mann am Klavier“ sei eben nicht immer zuverlässig.

Vor den typischen Soundproblemen der Sporthalle waren allerdings auch Death from Above nicht gefeit: Durch die fehlenden Gitarren fehlte dem Sound häufig die Durchsetzungskraft.  Die Zuschauer konnten dem sich in Rage spielenden Duo so nicht immer folgen. Dennoch schien die Band beim Publikum gut anzukommen.

Kurz darauf offenbarte sich das Banner mit der Hyäne, die das Cover des neuen At The Drive-In Albums ziert. Die zuvor noch offenen Räume vor der Bühne füllten sich daraufhin auch langsam. Die Band betrat gegen 21.30 Uhr unspektakulär die Bühne. Eine große Inszenierung ist aber auch gar nicht notwendig, wenn man mit einem Song wie Arcarsenal die Show beginnen kann. Sänger Cedric Bixler-Zavala gestikulierte den Fans, nach vorne zu kommen, Clubatmosphäre zu schaffen. Dann die ikonischen Maracas, das schief jaulende Gitarrenriff. Spätestens mit den ersten entgegengebrüllten Gesangszeilen, die die Traube an Fans vorne bildete, waren die Beteiligten beider Seiten mitten in der Show. Ohne Zeit zum Verschnaufen bretterte die Band im ersten Drittel des Sets unter anderem mit Pattern Against User, Cosmonaut und Hostage Stamps weiter.

Als die Stimmung etwas später bei Call Broken Arrow zu kippen drohte, kam der Publikumsliebling Napoleon Solo genau zur rechten Zeit. Das ruhige, zweistimmige Gitarrenriff, das sich wieder und wiederholt, genügte schon für den ersten spontanen Beifall. Und da waren sie wieder: Die Fans, die die erste Strophe bereits anstimmten, als Bixler-Zavala noch seinen Tee schlürfte und darauf wartete, im richtigen Moment hinter den in Silber verkleideten Verstärkertürmen emporzutreten. Was folgt, ist das frühe Highlight der Show.

Dass die Band gleich sechs Songs ihres neuen Albums spielten war ein Wagnis. Der Abend in Hamburg zeugte allerdings davon, dass die Band keine musikalischen Nachlassverwalter für eine frühe Sternstunde des Post-Hardcore sein wollen, sondern nach vorne blicken. Bei Governed by Contagious und Hostage Stamps, zwei Songs des neuen Albums in•ter a•li•a, schien die Band von dem Elan und der Textsicherheit des Publikums selbst überrascht zu sein.

Bei Songs wie Enfilade und Quarantined nutzte die Band ausgedehnte Mittelteile, in denen Omar Rodríguez López Gitarrenpassagen improvisierte, die Assoziationen an The Mars Volta-Zeiten weckten, während sich die Rhythmusfraktion am immer gleichen Part abarbeitete. Doch Rodríguez-López, bekannt für sein expressives Bühnenverhalten, schien an diesem Abend nicht besonders motiviert zu sein. Das merkte man bereits beim Spielen der ersten Töne von Arcarsenal, wo die wilden Tänze auf Kosten jeglicher Treffsicherheit auf dem Griffbrett fehlten. So stand er die meiste Zeit über abgekapselt vom Rest der Band am linken Bühnenrand. Währenddessen rottete sich Cedric Bixler-Zavala mit der Rhythmus-Fraktion zusammen, erklomm die Verstärkertürme, um zum Beginn von Pattern Against User hinunterzuspringen und betrieb Akrobatik mit seinem Mikrofonständer, als wären für ihn keine 17 Jahre seit der Auflösung von At The Drive-In vergangen.

Die Zugabe, die natürlich One Armed Scissor hieß, spielte die Band scheinbar nur aus Pflichtgefühl. Die Zuschauer, die natürlich die ganze Zeit auf den Song gewartet hatten, merkten dies – Napoleon Solo und Cosmonaut kamen zuvor deutlich besser an. An anderer Stelle zeigte die Band den Fans früher Tage eine Geste, als sie Lopsided aus dem mittlerweile 20 Jahre alten In/Casino/Out spielten.  Der Freitagabend in der Sporthalle zeigte: Obsolet sind At The Drive-In keineswegs – der beschrittene Weg aus würdevollem Blick in die Vergangenheit und Lust auf Neues verheißt Gutes für die Zukunft. Und bevor sich die Bandmitglieder doch wieder in etlichen Nebenprojekten wie Antemasque, Bosnian Rainbows oder einer Sparta-Reunion verstricken und At The Drive-In endgültig zur „non-operational station“ werden, sollte sich kein Fan die Möglichkeit nehmen lassen, die Band zu sehen.

Titelbild: (c) Stuart Gili-Ross

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