Cargo-Vinylaktion

Der Rock. Die Revolution. Die Gitarre. Ist das alles schon wieder vorbei? Immer wieder hofft man bei „den“ neuen Bands, „der“ Supergroup der Stunde, dass das Rockrad neu erfunden, gerade gebogen und mit Karacho am EDM/Trap-Gedöns vorbei ins nächste Valhalla gedonnert wird. Is nich. Muss auch nich.

LP kaufen Vö: 09.03.2018 Lady Moustache Records

Da kommen Lady Moustache daher und legen ein Stück Musik vor, dass sich so um sich selbst dreht, sich so wunderbar wenig um Trends, Hochglanz und Popmusik schert, dass man ganz beruhigt in sein schon nass geweintes Lemmy-Gedächtnis-Kopfkissen sinken und den Kopf im vertrackten Takt der neun Lieder von „Augmented Me“ wiegen kann.

Die bärtigen Damen machen es einem über die neun Nummern plus akustischer, neu arrangierter Version des ersten Tracks aber nie leicht. Über allem schwebt, predigt und schreit eine unbarmherzige Stimme, tief versunken in inneren und äußeren Dämonen, mal voller Wut, voller Weltschmerz oder auch mal mit nachdenklichem Gebrumme. Drumherum hat die Band ein höchst diffiziles und teilweise sehr vertracktes Arrangement gewebt, dem in den besten Momenten ein Kunststück gelingt: Die Lieder wollen ausbrechen in große, fanfarische Refrains. Tun es aber nicht. Dieses An-der-Klippe-balancieren reißt mit.

Und wenn der Ausbruch kommt, dann umso wuchtiger. Opener „Generation Y“ ist ein sehr gutes Beispiel. Daneben beginnt Song Nummer Zwei „The Knife“ zwar ruhiger und verhaltener, hat aber ab Einsetzen des treibenden Basses und der sperrigen Drums es einen ähnlich schwer zu greifenden unterschwelligen Antrieb, dem man nicht entkommt. Auch „Under Control“ fährt mit erst angezogener Handbremse los, um dann im Refrain krachend sein schwankendes Schiff unter Kontrolle zu bekommen.

„I Run“ ist dann so etwas wie Lady Moustache’s Version einer Ballade. Schwer, schleppend, voller Tragik, aber sperrig genug, dass es sich nicht anbiedert. Bei „The Storm“ schwappt das Kaleidoskop der Rhythmusbrüche und Songparts dann etwas über. Der Song ist so in sich gefangen, man hat es manchmal schwer, der Band zu folgen.

Die Sorgenfalten werden allerdings mit „Next to you“ wieder brachial, groovend und mit entzückender Kratzigkeit aus dem Gesicht gebügelt. Düster treibend bahnt sich der sechste Song den Weg. „Letfover Lover“ macht kurz die Tür zum Indierock auf, ein kleines: „Ey, können wir auch, ne“ wird in schönster Melt-Festival-Manier rausgelassen, aber mit genug Augenzwinkern, dass es nicht zu gewollt, zu konstruiert, wirkt.

Marilyn Manson hat einmal die Anekdote erzählt, er habe mit Josh Homme gejammt, und sie hätten sich furchtbar in die Haare bekommen, da Josh an den Drums zu vertracktes Zeug gespielt hat. Manson dazu: „If a stripper can’t dance to it, it’s not a rock song“. „The Ocean“ ist ein Rocksong. Man schwingt die Hüfte. Nickt mit dem Kopf.

Und dann „Ellipis“. 12:29 lang, instrumental. Könnte man im Loop auf jeder nächtlichen Autobahnfahrt hören. Was den Jungs an technischer Versiertheit fehlt, machen sie mit ineinander gleitenden, wabernden Atmosphären wett. Und es kreischt! Endlich, endlich! Eine Mundharmonika durchs Arrangement! Die Platte baut so viel tief dunkle Westernatmosphäre auf, wie es BRMC nicht besser könnten, da ist sie eine wahre Erlösung.

Zum Schluss gibt es noch die Akustik-Version des Openers. Allerdings nicht einfach alles auf Unplugged gemünzt, sondern neu arrangiert. Brav.

Insgesamt entwickelt „Augmented Me“ eine Sogwirkung, wie es sie momentan auf wenigen Rockplatten zu erleben gibt. Bei aller Fanfare muss man der Band aber an einigen Punkten noch ein paar Hausaufgaben mitgeben: so ist die Vertracktheit der Stücke an einigen Stellen zu gewollt, zu verkopft, das Gefühl im Song geht verloren. Und ob der überlange Instrumental-Album-Closer hätte sein müssen, bleibt dahin gestellt. Insgesamt aber: „Augmented Me“ ist ein sehr, sehr gutes Album. Nicht perfekt. Aber das hätte Lady Moustache auch nicht gestanden.

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  • 8/10
    Autor Julian Schmauch - 8.0/10
8/10

Kurzfassung

Da kommen Lady Moustache daher und legen ein Stück Musik vor, dass sich so um sich selbst dreht, sich so wunderbar wenig um Trends, Hochglanz und Popmusik schert, dass man ganz beruhigt in sein schon nass geweintes Lemmy-Gedächtnis-Kopfkissen sinken und den Kopf im vertrackten Takt der neun Lieder von „Augmented Me“ wiegen kann.

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