Vinyl immer portofrei bei jpc.de

„L’Arbre Bizarre“ ticken definitiv nicht wie das viel bemühte Schweizer Uhrwerk sondern lassen sozusagen hin und wieder eine Sekunde verschwinden oder dehnen die nächste aus. Es gibt also Ecken und Kanten und das ist gut so.

Gitarrenwände mit einem sehr sympathisch-dreckigen Sound erreichen uns aus Basel aus der Schweiz. So zumindest im Opener „12 I 15 I 67 (Silver Bridge)“ der jungen Formation „L’Arbre Bizarre“. Dies wiederum bedeutet laut seriösen Onlinequellen (ich verrate, es ist ein gelber Löwe im Detektivsmantel) soviel wie „Der bizarre Baum“. In meinem Kopf zumindest erscheinen zu den Klängen der Band allerdings andere Bilder als knorrige Eichen und Birken: diese fünf Musiker könnten eher große Fans von John Travolta in „Grease“ sind und dementsprechend gekleidet auf alten Basler Industriestraßen herumschlendern und auf die nächsten Dampfschwaden aus einem Kanalisationsabfluss warten, welche umgehend als Inspiration für den nächsten Song dienten. So weit, so cool. Und so viel zu meiner Imagination und meinen Unterstellungen. Die Athmosphäre die hier geschaffen wird, ist also durchaus ansprechend und irgendwie auch retro. Retro sein ist zur Zeit und eigentlich sowieso immer ziemlich aktuell; an und für sich ein Widerspruch in sich. Aber es funktioniert auch bei „L’Arbre Bizarre“ über weite Strecken.

Das Retrodasein erschöpft sich oftmals weitestgehend durch den Sound eines Albums, wie auch in diesem Fall. Die Gitarren klingen so, als würde sie ein uralter Orange-Amp aus Nachbar Kipflis Garage ins eigene Wohnzimmer brüllen. Dumpf und dreckig, wunderbar. Gemeinsam mit dem wummernden Bass hat das Ganze eine ziemliche Durchschlagskraft. Diese fehlt mir leider beim Sound des Schlagzeugs an so manchen Ecken und Enden. Man hat bei dem Mix manchmal das Gefühl als würden zwei Fraktionen gegeneinander antreten, wobei die Saitenfraktion prädestiniert ist zu gewinnen und die Luft in den Kesseln des Schlagwerks sogleich ein Lüftchen wird. Das auf der Stimme eigentlich über die ganze Spielzeit hinweg mehr oder weniger Hall liegt, erhöht zwar wieder das Retrogefühl, hinterlässt aber manchmal den faden Beigeschmack als traue sich der Sänger nicht ohne. Was aufgrund der durchaus zum Stil der Band passenden Stimme aber gar nicht nötig wäre. Möglicherweise klaffen hier Fremd- und Eigenwahrnehmung auseinander. Oder es ist eine bewusste Soundentscheidung pro Dauerhall.

Hervorzuheben aus den sieben Tracks ist unter anderem der bereits angesprochene Opener. Dieser wartet mit eingängigen Melodien und einem offensichtlichen Versuch des Sängers, Kevin Sailer, auf, das Sprichwort „So wie man in den Wald ruft, kommt es auch zurück.“ im Rahmen eines imaginär zum bizarren Wald gewordenen Tonstudios zu hinterfragen. Interessant. Des Weiteren sei noch das abschließende Duo erwähnt. „Revolve“ besticht durch ein schönes, den Song tragendes Cello und einen Charmesprüher in Richtung Abendmelancholie. In „Lobotomy“ dürfen die Gitarristen dann noch einmal beweisen, dass sich die Investition ihres Geldes in feine Effektpedale durchaus bezahlt macht und man sich nach anfänglichen Zweifeln doch erlauben darf, sich das Etikett „Noise“ auf die Fahnen zu heften.

„L’Arbre Bizarre“ ticken definitiv nicht wie das viel bemühte Schweizer Uhrwerk sondern lassen sozusagen hin und wieder eine Sekunde verschwinden oder dehnen die nächste aus. Es gibt also Ecken und Kanten und das ist gut so. Retroliebhabern (das Wort „Fans“ erschien mir hier zu modern) und jenen, denen (!) New Wave und Post-Punk Freudentränen in die Augen treibt, sei geraten hier ein Ohr zu riskieren! Zwei Ohren zu riskieren rate ich beim nächsten Album, hoffentlich mit einem Sound mit geballter Durchschlagskraft und multipleren gänzlich überzeugenden Songs.

Schreibfehler gefunden? Sag uns bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.

  • Monochrome Noise Love

    Kokomo – Monochrome Noise Love

    Auf ihrem vierten Album, Monochrome Noise Love, wurden aus den vier Duisburgern von Kokomo…
  • Transcendental

    The Ocean / Mono – Transcendental

    Mono und The Ocean mit Transcendental auf einer gemeinsamen 12″ EP Die Split-EP ist …
  • Koko

    Koko – Koko

    Die fünf Wahlwiener von KOKO haben sich auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum ein ambition…
Lade mehr ähnliche Artikel
Lade mehr von Sebastian Goetzendorfer
Lade mehr in Alben
Bitte Anmelden um zu kommentieren

Kommentar verfassen

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch Interessant

Lily Havoc – In Worst Times

Wer hat schon einmal etwas von Glam Grunk gehört? Vermutlich die Wenigsten. Lily Havoc sin…