Spinnup_DuWillst

Vielleicht habt ihr es selbst auch schon festgestellt, aber wie es scheint, ist Österreich das Post-Rock-Szeneland der letzten Jahre geworden. Frisch durchgeföhnt vom Gebirge sind Bands wie BOG, Mountain oder Doomina fast so kühl wie die Skandinavier, aber eben nur fast. In ihren Reihen findet sich auch das Duo le_mol wieder, das am 02.03. sein drittes Album veröffentlicht, welches den rhythmischen Titel „Heads Heads Heads“ trägt.

LP kaufen Vö: 09.03.2018 Panta R&E

Ich liebe Loops. Ich liebe Loops, die so subtil eingesetzt sind, dass sie kaum auffallen; dass sie nicht mehr sind als ein gut komponierter Rhythmus eines oder mehrerer Instrumente. Die Loop Station kann einen einzelnen oder sehr wenige Musiker klingen lassen wie viele, wie ein Orchester aus Gitarren, während die Musiker weitere Instrumente einspielen, loopen, ihr wisst schon. Die beiden jungen Herren von le_mol aus Wien beweisen auf ihrer Neuerscheinung „Heads Heads Heads“, dass sie wissen, wie sie Loops kreieren müssen. Nicht umsonst bezeichnen sich Sebastian Götzendorfer und Raimund Schlager als durchkonzipierter Mensch-Maschine-Hybrid. Es ist anzunehmen, dass der Titel des Albums irgendeine Anspielung auf Loops sein könnte, im Weitesten wollen le_mol mit ihrem instrumentalen Album, das man eigentlich ganz schnell wieder aus der Post-Rock-Schublade herausnehmen sollte, jedoch eine gewisse Gesellschaftskritik üben.

Produziert wurde das Album zusammen mit Produzent Georg Gabler (Mother’s Cake, Lausch, etc.) und Oliver Kamaryt (Recording, Mixing, u.a. Parasol Caravan) in den Studios der GAB Music Factory in Wien. Zum Mastering ging das Material dann weiter an die Abbey Road Studios in London, mit denen hochkarätige Bands wie Mogwai, SOAD und Sunn O))) ebenfalls schon gearbeitet haben. Eine Qualität, die man hören kann und die „Heads Heads Heads“ so voll und lebendig wirken lässt.

Beim Einstieg in das Album begegnet uns zuerst einmal eine eingängige Klaviermelodie, die durch ein marschartiges Drumming begleitet wird, woraufhin dumpf verzerrte Gitarren einsetzen. Die Musik verblasst zum Ende des Stücks und hinterlässt nur noch den Nachhall des Pianos. Ich bin an andere Musikprojekte erinnert, die sich ausschließlich dem E-Piano und den damit zu erstellenden Effekten widmen. Der Titel dieses ersten Stücks lautet „Inside Your“ – ja, worin denn? Das dürfen sich die Hörerinnen und Hörer selbst aussuchen, denn le_mol halten es gewohnt kryptisch und verleihen ihren Songs Titel, die ebensogut von einer Maschine erfunden worden sein könnten. Ein Konzept, das sich durchzieht.

Das Piano bestimmt auch die Einleitung des zweiten Songs „The Waltz King“, die Stimmung ist jedoch eine gänzlich andere. Während im ersten Stück noch eine gewisse Crescendo-Epik vorherrschte, widmet sich der zweite Titel einer desolateren Gefühlswelt. Kühl und erschütternd ist das Zusammenspiel aus Overdrive-Gitarren und Piano sowie Drums. Das Piano kann allerdings gar nicht anders als freundlich zu klingen, weshalb es den ganzen Eindruck des Stücks schon beinahe ins Ironische zieht. Es spricht zu uns: „Schaut mal, Kinder, die Welt ist am Arsch, aber zwischen den Trümmern sprießen immer noch Blumen.“ Eine beabsichtigte Provokation, denn le_mol wollen durch ihre ungewöhnlichen Songstrukturen erzielen, dass die Zuhörenden herausgerissen werden und genau hinhören, das Gehörte reflektieren und in ihre Köpfe einbrennen. Wenn das ein Song von „Heads Heads Heads“ insbesondere vollbringt, dann ist es wohl der dritte Titel „le_mol fear Mogwai“. Beginnend mit einem irgendwie knirschig-kreischigen Synth-Sound und etwas, das klingt wie durch ein Telefon aufgenommenes, hektisches Menschenstimmengewirr, lenkt der Song etwas aus dem Post-Rock heraus. Alles klingt plastisch, mechanisch, hypnotisierend und verstörend. Wer nicht allerspätestens jetzt in dieser Musik gefangen ist, den können le_mol vielleicht gar nicht mehr für „Heads Heads Heads“ begeistern.

Mit dem Song „5 7udud Lurati Ta3ni 7udud 3alami“ wird das Chaos dann perfekt. Ich versuche gar nicht erst zu entschlüsseln, was dieser Name bedeuten könnte, aber akustisch hält das Stück sehr viele Eindrücke bereit, die sich etwa in so einem kryptischen Namen widerspiegeln. Das Piano gefällt mir in diesem Stück am besten, die Melodie und Tonlage sprechen mich durch ihre Mischung aus Melancholie und Hoffnung sehr an. Ein durch einen Gastmusiker eingespieltes Saxophon begleitet chaotische Passagen aus Pianomelodie und Lärm – ich meine den guten Lärm – und entfernt erinnert es an die Virtuosen des Post-Rock und seiner Randbereiche. Habe ich nicht eben noch gesagt, dass wir den Post-Rock hinter uns lassen sollten? le_mol können ihren Teil dazu beitragen, sich und uns ein für alle Mal aus dieser Schublade zu befreien.

Wisst ihr, was ich noch lieber mag als Loops? Wenn sich das Konzept des Albums an seinem Ende zum Kreis schließt. „Heads Heads Heads“ endet in „The Sun Like A Sneaky Keyhole View Of Hell“ nach all seinem Chaos mit der selben Pianomelodie, mit der es begonnen hat. Ich würde sagen, es stellt damit die Ordnung wieder her, als wollte das Duo dem Zuhörer sagen: „Hey, wir haben dich gerade ein bisschen durcheinandergebracht, aber hier ist etwas, das dich wieder beruhigen kann.“ Das Spannende an diesem Zirkelschluss ist ja, dass man gleich dazu animiert wird, das Album von vorn zu hören. Im Falle von „Heads Heads Heads“ kann man das auch gut machen. Dr. Void empfiehlt: mindestens zweimal täglich le_mol anhören.

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