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Er hat schon ein bisschen genervt, dieser ständige David-Bowie-Vergleich.

Vö: 26.04.2019TapeteLP kaufen

Ein bisschen Schminke, ein bisschen Androgynität, eine vergleichsweise tiefe Stimme, und Magazin um Magazin, Artikel um Artikel übernahmen das ein mal in die Welt geworfene Narrativ, Levin Goes Lightly sei der neue Bowie aus Deutschland.

Etwaige Vergleiche können interessant und auch zutreffend sein, gewiss. Sie erzeugen mal Aufregung und Provokation, können ein Einzelphänomen in ein großes Ganzes einbetten, Totgeglaubtes zu neuem Leben erwecken. Aber sie können auch schnell banal, ausgelutscht oder gar anachronistisch werden.

Womit wir im Jahr 2019 wären: Levin Goes Lightly ist zurück, und damit einer von nicht allzu vielen Songwritern in der hiesigen Musiklandschaft, die um die Qualitäten eines guten Popsongs wissen.

Zwei Alben hatte Levin in der Vergangenheit bereits veröffentlicht, Neo Romantic und GA PS. Beide waren gespickt mit toll arrangierten, spannenden, wenn auch nicht unbedingt bahnbrechend innovativen Songs (gibt es die heute noch?), und wurden recht wohlwollend besprochen. Mit seinem Nightclubbing-Cover hatte er es zuletzt sogar in die BBC-Radioshow geschafft. Man könnte meinen, dass dies einen Ausgangspunkt bietet, an dem man nichts allzu gewagtes anstellen, stattdessen auf altbewährtes setzen sollte.

Um es nicht allzu sehr zu dramatisieren: Nackt klingt immer noch nach Levin Goes Lightly.

Das liegt zum einen an seiner charakteristischen Stimme, zum anderen an einem Soundrahmen, der zwar nicht beliebig, dennoch aber variabel erscheint.

Doch die Tatsache, dass das neue Album ausschließlich deutschsprachige Texte enthält, verändert letztlich auch den Klang des Projekts insgesamt grundlegend. Zwar hat Levin sich, wie er zuletzt auch im Interview mit dem Kaput-Magazin äußerte, um eine fließende, nicht zu gebrochene Sprache bemüht, wie sie für das Deutsche nicht unbedingt typisch ist. Dennoch werden nun völlig neue Assoziationen hervorgerufen: Während in der Vergangenheit David Bowie und Iggy Pop (warum auch immer) als Referenz genannt wurden, werden in Zukunft wohl eher Künstler_innen etwa der Neuen Deutsche Welle (gewiss, bevor diese die Charts enterte) wie etwa D.A.F. oder Xmal-Deutschland als Vergleich herangezogen werden. Das bayrisch gerollte „Rrrr“ erweckt zudem Erinnerungen an den in Berlin lebenden Tausendsasssa Chris Imler oder aber auch an Michaela Melián, Sängerin und Bassistin der Gruppe F.S.K..

Ein Strukturmerkmal, das bereits für die eben angesprochene frühe, punkbeeinflusste NDW charakteristisch war, war ihre Sloganhaftigkeit. Ein guter Song animierte nicht bloß zum nächtelangen Durchtanzen, sondern zugleich zum Vollschmieren diverser Häuserfassaden. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“, „Deutschland kommt gebräunt zurück“, „Und wir sagen ja zur modernen Welt“, „Zurück zum Beton“: All diesen Sätzen bzw. Satzfragmenten wohnte die Eigenschaft inne, das Missverhältnis zwischen heranwachsendem Individuum und einem fremden Äußeren in Worte zu fassen, weshalb sie zu dem wurden, was sie heute sind. In diese Tradition lassen sich auch einige Zeilen auf dem neuen Album von Levin Goes Lightly einordnen: „Keine Angst du bist nicht nackt, nur ungeschminkt“ in ein Beispiel, „Nein, ich werd‘ dir nichts versprechen, aber ich werd‘ auch keines brechen“ – die einleitenden Worte des Albums – ein anderes. Das macht die Schönheit und das Suchtpotenzial von Nackt aus: Es arbeitet mit sehr spärlichen, kurzen Textfragmenten, erzählt keine langen Geschichten, wodurch die Assoziationsfähigkeit – die Einladung, an die Hörer_innen, einzutauchen und sich für einen Moment zu verlieren – überhaupt erst möglich wird.

Nackt ist ein Album, das über den Moment seines Erscheinens hinausragen wird, das wage ich nach vier-wöchigem Hören und Erinnern der Songs jetzt schon zu prognostizieren.

Es ist gewiss kein Album, das eine bessere, heilere Welt herbeisingt, das wäre ohnehin allzu öde und kitschig. Es ist auch nicht subversiv in dem Sinne, dass es den Hörer_innen mittels unbequemer, nervtötender Klänge die Grässlichkeiten des Alltags vor Augen zu führen versuchen würde. Aber es bietet einen Moment des Trosts, ein „Pflaster“ in Zeiten klaffender Wunden.

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Bewertung des Autors Luca Glenzer
Zusammenfassung

Assoziative Texten treffen auf sphärische Soundlandschaften, eine tiefe, charakteristische Stimme bahnt sich ihren Weg in den Vordergrund und verliert sich wieder im nächsten Moment: Nackt ist ein gelungener Soundtrack für einsame Nächte in der Großstadt, die musikalische Darbietung für das Leiden an der Einsamkeit sowie ihrer gleichzeitig bestehenden Schönheit.

4.5
Leser Bewertung 3.85 ( 2 Bewertungen)
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