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Na, machen wir doch mal was neues. Das haben sich nicht nur Long Distance Calling, sondern auch der Autor dieser Zeilen hier gedacht. Long Distance Calling haben jetzt ’nen Sänger, ich schreib jetzt ein Live-Review.

Weil ich bin genauso cool wie Spiegel Online und so. Damit ist jetzt nicht gemeint, dass ich nur Boulevardnachrichten mit pseudojournalistischem Anspruch verbreite und der sogenannten Netzkultur nach dem Mund rede, sondern eben, dass ich mir das neue Album der Münsteraner anhöre und, in Ermangelung eines Livetickers oder irgendeiner Relevanz, quasi-live meine Gedanken dazu niederschreiben werde. Eben genau wie Spiegel Online bei Joanne K. Rowlings erstem Nicht-Harry-Potter-Roman. Hier jetzt eben bei Long Distanca Callings erstem Mit-festem-Sänger-Album, genannt The Flood Inside. Es folgen: Eventcharakter, Stream of consciousness, Innovation, viele prätentiöse Worte. Nun denn:

Nucleus: Seichtes Geklimper macht den Anfang. Aha. Bisher geht’s doch. Scherz beiseite. Jetzt trommelt was. Hört sich bisher auch alles unverkennbar nach Long Distance Calling an, das ist schonmal gut. Kurze Stille, dann weiter ein Paar lässig klimpernde Gitarren. Dann lautere, weniger lässige, kopfnickendmachende Gitarren. Grooved eigentlich ganz nett, wie man es von LDC ja auch gewohnt ist. Nur wo ist da der Sänger? Nicht, dass ich Vocals vermissen würde, aber da wurde doch so viel von geredet. Von mir, unter anderem. Aber gut, ist erst der erste Song von acht. Sogar, wie ich jetzt höre, mit einem Solo. Eieiei. Aber warum auch nicht. Klingt leider aber auch mehr gewollt als gekonnt. Das Solo hat soweit ich weiß Henrik Freischlader, die „deutsche Blues-Hoffnung“ beigesteuert. Na, ist ja ganz nett, aber irgendwie… nunja. Ich glaube, zumindest in Nucleus wird keiner mehr singen. Gut, kopfnicken wir noch ein wenig, das geht nämlich ganz gut, typisch für diese Band.

Inside The Flood: Startnummer zwei. Jetzt aber. Nicht, dass Nucleus am Anfang dieser Folge von Long Distance Callings Bandbiographie das ‚Was bisher geschah‘ markiert, die Reminiszenz an Vergangenes, ein instrumentaler Abgesang (großartiges Oxymoron) der ‚alten‘ Stilrichtung. Jetzt also zuerst irgendwie dissonantes Introgeknüppel, bisher aber alles g- oh, Gesang. Hm. Lassen wir das erstmal auf uns wirken. Okay, die Strophe ging ja noch einigermaßen, aber jetzt kommt der Refrain oder so. Nicht gut, gar nicht. Mir bleibt fast das Brötchen im Halse stecken, ich schmecke Metal, genauer: Powermetal. Zwar weniger eierlos-hoch wie Hammerfall, aber doch ähnlich fußnägelhochrollend. Da bin ich für den Moment froh, dass jetzt erstmal Pause ist mit Gesang. Durchatmen. Vielleicht liegt’s nur dran dass das ungewohnt klingt. Auf die Texte kann ich nicht achten, dafür bin ich zu beschäftigt mit Brötchenkauen und auf aufgebaute Stimmung achten. Ah, Solo, wieder was lauter, dann wieder Gesang. Schade, das hätte so viel besser mit mehr Gitarren im Vordergrund und weniger – oder anderem – Gesang geklungen. Das klingt unmotiviert, irgendwie unpassend, nicht homogen. Kurzes, schmerzloses Ende.

Ductus: Gitarrengeklimper, Sprachsamples. Jo, das sind nach wie vor Long Distance Calling. Auch wenn einer von zweien Songs auf dem Album bisher nach eher mauem Generic-Metal klingt. Ja, das klimpert nett und ist entspannt. … … … ich war eben drei Minuten im Bad, Händewaschen. Passiert ist bisher nicht viel, jetzt kamen gerade ein Paar Gitarren dazu, die Dinge tun. Ich dachte, das erwähne ich mal. Und dann ist auch schon zuende. Naja. Weiter im Text.

Tell The End: Gitarren mit Delay. Und. Oh. Gesang. Mit irgendeinem komischen Effekt drüber? Nun. Zumindest besser, motivierter als Inside The Flood. Aber irgendwie immer noch nicht umwerfend. An irgendwas erinnern mich die Strophen, aber ich komm nicht drauf. 90ies-Grunge-Spätwehen? Wirkt jedenfalls angestaubt. Ganz nett, trotzdem. Aber mehr auch nicht. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, durchgezogene Akkorde, all dieses Zeug. Kurze Zwischenfrage: In der Pressemitteilung ist wiedermal von Gastauftritten die Rede. Wer singt denn hier nun was? Schade, dass das nicht dabei steht. Und Menschenskinder, jetzt löst doch mal die Handbremse! Das ist ja schon wieder vorbei, bevor es wirklich Spaß gemacht hat.

Welcome Change: Haha, ja, Change is always welcome. Wenns denn gut gemacht ist. Ist es das? Bisher bin ich mir nicht so wirklich sicher. Aber gut, folgen wir dem Imperativ mal und stehen Veränderungen offenherzig gegenüber, muss ja auch sein. Und ist auch gut, Stillstand ist nämlich doof. Nach einem kurzen, stillen Intro folgen hier Drums und Gitarren, mal was ganz neues /sarcasm. Woran erinnert mich diese Gitarre? Und wer singt da? Ah, lauter Refrain. Handbremse wurde also ein wenig gelöst. Ist aber leider das ‚Feuerzeuge hochhalten und mitgröhlen‘-laut, das ich jetzt nur bedingt mag. Und ist dann wieder schnell leise. Netter build-up-Part und google sagt mir in der Zwischenzeit, dass – ich wusste, die Stimme kenn ich – hier unter anderem von Vincent Cavanagh gesungen wird. Den sollte man von Anathema kennen und mögen. Und der macht seine Sache eigentlich gut, singt zwar wie gewohnt mit einer gehörigen Portion Schmalz, aber das ist auch nicht verkehrt. Nur, dass ich die Zeit und Muße habe, das gerade zu googlen, spricht für den Spannungsbogen des Liedes. Der ist nämlich nur sehr bedingt vorhanden. Trotzdem, nach Nucleus ist Welcome Change bisher der beste Song auf dem Album.

Waves: Intro mit Sprachsamples. Nun, hatten wir ja schon paarmal. Aber ich steh auf Sprachsamples, besonders diese Art, irgendwelche alten Doku- oder Werbevoiceovers, auseinandergeschnitten und mit Echo versehen. Dazu verschwurbelte Synthesizer. Ja, das mag ich. Langsam schält sich hier sowas wie eine Melodie raus, mal sehen wo uns das hinführt. Ah, da erhebt sich eine Gitarre, wird lauter, dazu gibt’s ein Schlagzeug. Und jetzt ist wieder leiser. Das mit dem Spannungsbogen hat man auf diesem Album wohl nicht so ganz raus gehabt. Aber trotzdem ist Waves ein stressfreier Song mit ein Paar netten Spielereien und – wie ich gerade höre – einem ganz netten Ende.

The Man Within: Dieses Stück, das vorletzte, beginnt mit etwas, was meine Mutter vermutlich ‚Rock-Gitarre‘ nennen würde. Palm-mute und so. Erneut Sprachsamples. Schlagzeug. Und wieder Gesang. Und erneut kann ich mich da irgendwie nicht reindenken. Immerhin macht der Refrain mal ein bisschen mehr Druck, auf dem vorletzten Stück scheinen die Münsteraner sich eingependelt haben. Der Gesang ist immer noch nicht 100%, aber weitaus weniger Fehl am Platze als bei den vorherigen Stücken. Auch die Instrumente scheinen mal ein wenig aus dem Puschen zu kommen, die Gesamtproduktion ist aber immer noch ein wenig angestaubt. Trotzdem, The Man Within gehört insgesamt zu den besseren Stücken des Albums, rangiert momentan mit Nucleus auf Platz 1. Und hat ein ganz nettes Ende.

Breaker: Na, man scheint jetzt scheinbar den Hebel für die Handbremse gefunden und gelöst zu haben. Hier wird’s dann doch noch mal ordentlich laut, auch wenn fast alles zwischen hier und Nucleus eher bescheiden und zurückgenommen wirkte. Und erneut, nach einer kurzen, akustischen Pause, klingt hier wieder alles unverkennbar nach Long Distance Calling. Ausgedehnte Passagen, sich gegenseitig abfangende Saiteninstrumente, Spannungsaufbau und imposante Klanglandschaften und so. Geht ja doch. Dann: Eine erneute Entspannungspause. Erneut eine nette Passage, die sich langsam mit Gitarren und Synthesizer steigert. Und der Synthesizer gefällt mir. Schade, dass da nach allem nicht noch ein großer Knall kam, sondern das ganze langsam wieder in die Uninteressanz abdriftet und ich mich Frage, ob mein Käsebrötchen (das zweite heute Abend) nicht wirklich durchgebacken ist oder ob es einfach doof schmeckt. Nebenbei, Breaker ist dann nun auch vorbei.

Was macht man da nun draus? Insgesamt klingen die Stücke dieses Albums, als hätte man die weniger prallen Stücke vergangener Alben nochmal aufgenommen, über ein Paar davon Gesang gelegt und fertig. Und damit ist nicht unbedingt die hohe Qualität vergangener Gastsänger gemeint (dass ich Sex mit der Stimme von Jonas Renske haben möchte mag ja allgemein bekannt sein). Irgendwie ist das jetzt nicht so der große Wurf. Und das, obwohl die Instrumentalstücke vergangener Alben durchaus auch technisch ihren Reiz hatten. Was ist denn da passiert? Vielleicht bin ich auch einfach kein Fan von Martin Fischers Stimme.

Was mich aber freut: Herr Fischer spielt auch Tasteninstrumente, also scheint die größere Anzahl elektronischer Melodieinstrumente auf The Flood Within zumindest stückweise auf seine Kappe zu gehen. Aber auch die instrumentalen Stücke bleiben größtenteils hinter den Erwartungen zurück, zwar eben unverkennbar aus der Feder beziehungsweise den Instrumenten der Münsteraner stammend, aber eben doch irgendwie bisschen beliebig. Da fehlen mir die sonst so typischen Eier. Irgendwie wirkt alles dünn, glattpoliert. Schade.

Unterm Strich bleibt folgendes: Gesangsstücke die nicht unbedingt sein müssen und Instrumentalstücke, die zu beliebig sind. Bis auf ein Paar Ausnahmen bei weitem nicht das beste Werk von Long Distance Calling. Das schlechteste, die teils erwartete Vollkatastrophe, aber auch nicht unbedingt, man kann es sich anhören. Es bleibt abzuwarten, wohin sich das entwickelt.

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