Typisches Post-Rock Album – oder doch nicht?

LP kaufen Vö: 10.08.2017 Narshardaa Records

…und da haben wir wieder eins: ein zeitgenössisches, instrumentales Post-Rock Album einer jungen, deutschen Band: Magma Waves. Wie üblich möchte ich darauf hinweisen, dass es in diesem Genre immer weniger wirklich hörenswerte Bands gibt, die eben nicht nur auf den etablierten Trademarks rumreiten und es schaffen, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Sicher, die meisten Bands haben einen recht ähnlichen Gesamtsound, das passt auch so, daran gibt es ja auch nichts auszusetzen. Aber spätestens wenn der Punkt gekommen ist, an dem man Band A überhaupt nicht mehr von Band B unterscheiden kann, wird’s selbst dem Hardcore-Post-Rock Fan zu fad… Magma Waves, die wie ein anderes, führendes Genreschiff (klar, Kokomo) aus der Pottmetropole Duisburg stammen, liefern mit „…and who will take care of you now“ ein innovatives und wirklich hörenswertes, erstes Album ab. Ja, ich hatte Vorurteile! Ja, ich hatte Bedenken, dass es sich wieder um halbgaren Einheitsbrei handelt! Ja, beides war unberechtigt…

Der Opener „I Am Afraid Of You“ gibt eigentlich schon in den ersten Sekunden ein Alleinstellungsmerkmal der Band ab: das erste Riff klingt futuristisch, so als stamme es nicht von dieser Welt, geschweige denn aus Duisburg. Es kommen Echos, ein dichter Effektteppich und einzelne Gitarrennoten dazu. Tief und bedrohlich, wirkt es, aber zu keiner Zeit unzureichend durchdacht. Wie es im Genre so üblich ist, findet auch hier eine ständige Steigerung statt, die nach einem willkommenen Dialogeinspieler in einer mächtigen Klangwand ihr Ende findet. Eine gewisse Ähnlichkeit zu den eingangs genannten Nachbarn kann ich auch nicht verleugnen, aber das ist hier als absolut positiv zu verbuchen. „Blind The Sun“ spielt gekonnt mit Spacerock-Anleihen, wie sie alte Meister aus längst vergangenen Zeiten kreiert haben. Die Gitarren und die Drums leiten mit zwei unterschiedlichen Rhythmen ein, nach einer Weile klingt es schon ordentlich spacig. Erst verloren und verträumt, später mit regelrecht groovenden Parts wird hier schnell ein Schuh daraus, den ich mir sehr gerne anziehe. Ganz besonders gefällt mir, dass die Herren wissen, wie man wunderschöne Melodien strickt und mit Mischung aus fetten Brettgitarren im Hinter- und den lieblichen Leads in Vordergrund.

„SCRT“ kommt recht lange ohne Verzerrung aus, die Gitarre schwebt dahin, bis ein luftig leichtes Schlagzeug und langgezogene Klanglandschaften einsetzen. Wieder fällt mir auf, dass alles sehr modern klingt und wieder sind es die Melodien, die meinen rockgegerbten Ohren schmeicheln. Es wird gekonnt mit der Lautstärke und mit dem Wechsel aus Ruhe und Ausbruch gespielt. Man spürt Hoffnung und sammelt Luft für einen stummen Schrei! Die nächsten beiden Tracks „Portals“ und „Fall Of Columbia“ habe beide epische Spielzeiten von über 10 Minuten und nutzen die komplette Zeit, um ein dicht gewebtes, kompositorisches Netz zu weben. Hypnotische Melodien, der üppige Einsatz von Hall und Delay, das ständige Kratzen an den Nerven, hinsichtlich eines bevorstehenden Ausbruchs, all ist die Königsdisziplin im Genre Post-Rock und gelingt hier blended! In „“Fall Of Columbia“ folgt auf einen Moment völliger Stille die fetteste, doomigste Gitarre des Albums. Genau so funktioniert das!

„The Great Attractor“ klingt wie eine Mischung aus Filmsoundtrack und klassischem Rocksong, mal wieder unglaublich melodisch und von wechselseitigen Stimmungen getragen. Genau wie beim abschließenden „Cloak & King“, das feine Dissonanzen mit in die Mischung wirft, werden schon sehr klassische Strukturen aus dem klassischen Post-Rock Einmaleins verfeuert, aber immer mit den nötigen Ecken und Kanten und einer merklichen Spielfreude, dass hier keine Längen aufkommen. Die Musik kriecht dem Ende entgegen und ich zu Kreuze: Es gibt doch noch einige, wirklich gute Genrevertreter, das wird mir letztlich doch klar.

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  • 8/10
    Autor Steffen Eggert - 8.0/10
8/10

Kurzfassung

Die Musik kriecht dem Ende entgegen und ich zu Kreuze: Es gibt doch noch einige, wirklich gute Genrevertreter, das wird mir letztlich doch klar.

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