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Und da ist sie, eine weitere Solo-Platte aus dem Hause der Grand Hotel van Cleef-Posse. Was Thees Uhlmann 2011 in Form einer sich stärker Richtung Pop öffnenden Scheibe in die Welt warf, lässt sich allerdings kaum mit dem vergleichen, was uns Marcus Wiebusch unter dem Namen „Konfetti“ in die Hand drückt.

Wir haben es mit einem Album zu tun, das es dem Hörer auf interessante Weise absolut nicht leicht macht. Die Genre-Kartei bringt einen nicht viel weiter und überhaupt ist fraglich, ob es möglich ist „Konfetti“ auf einen Begriff zu bringen. Dergleichen scheint Herrn Wiebusch aber auch nicht zu kümmern. Sein Album soll ein Mixtape sein. Eine Sammlung von Songs, die ihm am Herzen liegen und die dabei nur unter seinem Namen miteinander verbunden sind. Es werden Beats und Sprechgesang ausgepackt, aber auch Klaviere. Und wieso eigentlich nicht? Wiebusch weiß dafür keinen Grund. Wenn es denn nun aber nicht der Einklang von Songs ist, was ist es dann, das es notwendig gemacht hat, „Konfetti“ ans Licht der Welt zu bringen? Es sind Inhalte, die auf der Seele brennen. Haltungen, die nach außen getragen werden wollen. Und natürlich der ganz einfache Drang zu musizieren. Und zwar ohne, dass einem jemand reinquatscht.

PiN: War der Grund für eine Solo-Platte der, dass die Song-Ideen unter dem Namen Kettcar nicht umzusetzen zu sein schienen, weil man zu viel anderes damit verbindet?

Marcus: Nein, Kettcar war schon immer eine sehr mutige Band, die viel ausprobiert hat. Grundsätzlich wäre das schon gegangen, aber ich wollte nicht mehr über Musik reden. Das ist für Außenstehende vielleicht nicht so nachvollziehbar, aber wenn man so lange in einer Band zusammen spielt gibt es Prozesse, die auch gut und richtig sind und die ein gesundes Korrektiv bilden. Es wird eben sehr viel geredet. Ich wollte einfach viel Musik machen und nicht darüber reden, weil ich beim Musizieren intuitiv bin. Im Zuge von Kettcar-Aufnahmen gab es auch mal Prozesse, die ich nicht so gut fand, auch wenn künstlerisch ein gutes Album dabei heraus kam. Aber ich brauchte eine Auszeit, von dieser Art Musik zu machen. Dieses Album ist das Ergebnis. Vielleicht hätte ich diese sieben Minuten Sprechgesang oder die elektronischen Sachen ohne Schlagzeug und Bass auch mit Kettcar machen können, aber ich hätte drüber reden müssen.

PiN: War es dann bei den Aufnahmen auch so, dass du nichts abgesprochen hast? Du hattest ja schon eine Reihe Musiker und Produzenten dabei.

Marcus: Ich hab nichts abgesprochen. Einen pureren Marcus Wiebusch wird es nicht mehr geben. Die Produzenten haben mich schon mit Ideen beschmissen und da geile dabei waren, wurde das auch umgesetzt, aber das meiste ist einfach durch mich durch gelaufen. Es gab spannungsreiche Momente, weil Produzenten kleine Egomonster sein können, die Dinge sagen wie: „Wenn du das so machst, ist das nicht geil!“ und ich sage dazu: „Dann ist das eben nicht geil, aber es ist Marcus Wiebusch“.

PiN: Du sagtest im Vorfeld, dass die Platte funktionieren soll wie ein Mixtape. Gibt es für dich trotzdem ein Element, das die Platte zusammenhält?

Marcus: Meine Stimme, sonst nichts. Ich bin selber total erstaunt, dass man die Platte so gut durchhören kann, weil ich auch ganz verschiedene Produzenten dabei hatte. Zum Beispiel Robert Koch, ein reiner Elektroproduzent oder auch Tim Neuhaus, der, soweit ich weiß, noch nie was mit elektronischer Musik zu tun hatte. Ich wollte immer, dass die ihr Setup machen und ihre Vision umsetzen und dann kam das so aufs Album. Das hätte für den Hörer eine ziemliche Berg- und Talfahrt werden können, ist es im Endeffekt aber gar nicht. Außerdem finde ich Homogenität total überbewertet. Die Hörgewohnheiten haben sich sehr verlagert. Viele Leute hören Alben gar nicht mehr durch. Man macht sich eine Playlist mit fünf bis sechs Songs. Wie viele Platten gibt es schon, auf denen alle Songs geil sind? Ich liebe gute Alben immer noch, aber man muss sehen, dass sich Hörgewohnheiten mit Dingen wie Spotify und MP3-Playern geändert haben. Ich finde, es ist mir gelungen, ein Mixtape zu zaubern, das man gut durchhören kann.

PiN: Hast du dir während der Aufnahmen Gedanken darüber gemacht, wie das Publikum diese krassen musikalischen Sprünge aufnimmt?

Marcus: Es ist mir natürlich nicht egal, was die Leute sagen. Ich mache Musik ja auch für Menschen. Ich folge da aber meiner eigenen Trommel. Es gibt eine Vision von guter Musik in meinem Kopf und die setze ich um. Dass die Songs so unterschiedlich werden würden, war mir relativ bald klar und darum hatte ich auch so viele Produzenten dabei.

PiN: Du hast häufiger schon die verschiedenen Produzenten angesprochen und es waren ja auch viele Musiker dabei. War es schwierig, das zu koordinieren und den Plan im Auge zu behalten?

Marcus: Tatsächlich sind viele Prozesse im Laufe der Aufnahmen entstanden, die ich vorher nicht so erwartet hab. Ursprünglich war der Plan: 11 Songs, 11 Produzenten. Dann hab ich ein paar Absagen gekriegt und auf der anderen Seite hat die Zusammenarbeit mit einigen so gut funktioniert, dass sich weitere Songs ergeben haben. Wie zum Beispiel bei „Jede Zeit hat ihre Pest“ mit Robert Koch. Der Song war fertig und das hat sich wahnsinnig gut angefühlt. Matthias Mania, der Mischer von Robert Koch war dann auch so ein super Typ, dass ich mit ihm als Pruduzent einen Song machen wollte. Da sind Sachen passiert, die ich nie kommen gesehen hätte. Genauso war das bei den Musikern. Meine Hauptansprechpartner konnten da teilweise auch einfach nicht und da sucht man wen anderes und es entsteht wieder was Neues und Spannendes. Da wurde auch nicht lange rumgelabert, wen man sich vorstellen könnte, sondern ganz intuitiv entschieden. Zweimal ist es auch in die Hose gegangen und ich musste die Arbeit mit Produzenten abbrechen. Es ergeben sich schwierige Prozesse und man muss von vorne angefangen.

PiN: Von dieser Neigung zum HipHop, die auf „Konfetti“ rauszuhören ist, war bei Kettcar nicht so viel zu spüren. Ist das eine Neuentdeckung für dich?

Marcus: Bei …But Alive hatte ich auch 1993 schon Sprechgesang. Sprache schnell zum Klingen zu bringen, ist mir vertraut. Ich liebe HipHop und hab diese Musik immer gehört, weil ich es sehr spannend finde, dass die Sprache und das Wort so einen großen Raum bekommt. Man kann mit Worten eine Welt ausbreiten, mehr als das in einem normalen Songkontext möglich ist. Als ich mich für das Soloalbum entschieden hab, hab ich auch gleichzeitig gespürt, dass es ein inhaltliches Album werden soll, in dem ich mich mit bestimmten gesellschaftlichen Themen auseinandersetze und eine Haltung entwickle, die ich in mir hab und äußern will. Weg von metaphorischen Texten, was ja eher eine Stärke von Kettcar ist und hin zu ganz klaren Songs, die eine starke Haltung produzieren. Die Themen von „Der Tag wird kommen“ oder auch „Jede Zeit hat ihre Pest“ sind solche, zu denen ich sehr viel in mir habe. Und wenn der Sprechgesang nahe liegt, kann man auch gleich das musikalische Korsett dazu nehmen. Darum wurde viel mit Elektronik gearbeitet. Ich hätte das auch bei Kettcar vorschlagen können, aber jetzt war der perfekte Rahmen da.

PiN: Man könnte erwarten, dass ein erstes Soloalbum besonders persönlich wird, weil es ja nur um einen Menschen geht. Du hast gerade schon darüber gesprochen, dass es so genau nicht ist, sondern viel Gesellschaftskritisches in den Songs steckt.

Marcus: Ja, da hätte ich dann wohl permanent die Frage gehört, warum ich eine Soloplatte mache, das würde ja genau wie Kettcar klingen. Ich hab in mir gespürt, dass ich was anderes machen will.

PiN: „Der Tag wird kommen“ ist mit einem Video erschienen, bei dem nur der Text des Songs zu sehen ist. War dir das Thema so wichtig, dass es ganz ohne visuelle Zugabe für sich stehen sollte?

Marcus: Tatsächlich kann ich zu Protokoll geben, dass ich gerade mit einem Filmemacher und einer Finanzierung, die es in sich hat, einen Film zu dem Thema machen will. Die Planungen laufen auf Hochtouren. Das Thema ist mir sehr sehr wichtig. Der Song hat mich drei Monate meines Lebens gekostet. Ich gehe seit 25 Jahren zu St.Pauli-Spielen und nach einem Spiel kam ich mit einem befreundeten Sportjournalisten ins Gespräch, der von mehreren homosexuellen Profis weiß und mir berichtet hat, was für ein Höllen-Leben sie führen. Weil es ein Leben im Schatten ist, in dem man sich nicht zu seiner Sexualität bekennen kann und in ständiger Angst lebt. Über eine der Solidaritätsbekundungen von St.Pauli für den selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität hab ich mich mit meinem Bruder unterhalten, der auch homosexuell ist und im Stadion neben mir sitzt. St.Pauli ist in der Hinsicht ganz weit vorne. Ich habe darüber geredet auf was für einem guten Weg die Sache ist und er beharrte darauf, dass ein solcher selbstverständlicher Umgang nie passieren wird. Aufgrund von Argumenten, die ich im dritten Block des Songs nenne, kam es zu dem Punkt, wo wir uns nicht einig wurden, ich aber sagte: „ja mag sein, dass sich jetzt noch kein Spieler outen kann, aber der Tag wird kommen.“ Ich gehe fest davon aus, dass Fortschritt nicht aufzuhalten ist und ich kann auch gute Gründe dafür nennen. Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass wir mal einen homosexuellen Außenminister haben würden, der in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, hätte ich nein gesagt und dass das nie passieren wird, weil Politik und Homosexualität nicht zusammen zu gehen schienen. Heute ist der Berliner und der Hamburger Bürgermeister homosexuell. Das Feld wurde erobert und wir sind auf dem Weg. Und so wird das auch beim Fußball laufen. Du, ich, wir alle arbeiten an einem gesellschaftlichen Klima und einem Diskurs, der dafür sorgen wird, dass sich einer trauen wird, sich zu outen. Ich finde es sehr gut, dass der Song so positiv ist. Der Refrain ist ein einziges Fanal für die Liebe, das Leben und die Freiheit. Das wird nicht aufzuhalten sein. Und die Rückmeldungen aus der homosexuellen Community waren sehr positiv, weil es eben kein bitterer Song ist. Es geht nach vorne und wir werden das schaffen.

PiN: Das Album endet mit dem Song „Schwarzes Konfetti“ sehr düster. Wie würdest du die Stimmung benennen, mit der einen dieser Song aus dem Album entlässt?

Marcus: Der Song musste ans Ende, ich hätte den niemals woanders hin packen können. Er spiegelt die dunkelste Facette des Albums wieder. Die Platte geht insgesamt sehr nach vorne, ist haltungsreich und nimmt sich verschiedener Themen mit einer positiven Grundhaltung an. Das äußert sich auch durch Power in der Musik und Textfragmente. „Schwarzes Konfetti“ dagegen behandelt ein unglaublich düsteres Feld des Betruges und dem, was so etwas mit einem Menschen macht. Da greife ich dann doch wieder zu einer Metapher. Es ist wie ein Tropfen Farbe, der sich im Wasser ausbreitet und du kannst nichts dagegen tun. Der Song ist mir wichtig und ich glaube auch, dass der live gut ankommen wird, aber er musste ans Ende. Der hätte im Albumkontext sonst nicht funktioniert. Danach kommt kein anderer Song.

PiN: Was hast du für ein Gefühl für die Tour, wenn du diesmal allein im Mittelpunkt stehst und auch angesichts der musikalischen Neuerungen?

Marcus: Ich habe eine super achtköpfige Band dabei. Damit stehe ich schon mal auf sicherem Boden. Es gibt trotzdem spannende Neuerungen. Bei drei Songs werde ich keine Gitarre um haben. Das ist definitiv neu für mich. Wir haben auch noch nicht geprobt. Das startet erst bald. Ich glaube, dass wir ein gutes, druckvolles Set hinbekommen werden, das die Leute hoffentlich auch mitnimmt. „Konfetti“ sollte nicht voller zurückgenommener Songs sein, sondern sie sollten nach vorne gehen. Live wird das, hoffentlich auch so zu erleben sein. Ich habe zu 95% Bock, zu 4% Angst und zu einem Prozent totale Depression.

PiN: Ein guter Prozentsatz.

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