Cargo-Vinylaktion

„Misunderstanding is my name, what I am, is not a game“ heißt in den ersten Zeilen auf Marianne Faithfulls neuem Album „Negative Capability“, womit sie zugleich den – zärtlichen – Startschuss liefert für ein Album, das ganz im Zeichen ihres emotionalen wie körperlichen Gebrechens steht.

Vö: 02.11.2018 BMG iTunes LP kaufen

Ja, es ist ein persönliches Album geworden. Und nein, das ist kein Grund, das Album deshalb von vorne herein zu meiden.

Dabei gäbe es gute Gründe, in Zeiten eines intensivierten Selbstfindungswahns eben solche Werke mit größter Vorsicht zu genießen. Denn heutzutage ist gefühlt nahezu jedes neue Album eines Künstlers sein oder ihr „persönlichstes“, das „ehrlichste“. Es ist geradezu eine Gesellschaftskrankheit geworden, sein vermeintlich Innerstes, sein Intimstes nach außen zu kehren, und es damit in Kontrast zu setzen zu einer Umwelt, in der hinter jedem ersehnten (wahren) Sein doch bloß wieder der übliche (falsche) Schein lauert. Und sicherlich wäre es zwecklos, an dieser Stelle zu versuchen zu betonen, dass Faithfull die große Ausnahme ist, dass es bei ihr WIRKLICH echt ist, was sie über sich singt, dass es ausnahmsweise total unverfälscht und – Gott bewahre – authentisch ist. Nein, das wäre mit Sicherheit ein vollkommener Irrtum, ein Kampf, der schlicht nicht zu gewinnen wäre.

Stattdessen soll es hier darum gehen, dass Marianne Faithfull mit ihrem neuen Album berührt. Denn sie hat ein gutes Album aufgenommen, ein sehr gutes sogar!

Dabei kann sie auf namhafte Unterstützer zurückgreifen: Rob Ellis, der sich etwa durch seine Produzenten-Tätigkeit bei PJ Harvey einen Namen gemacht hat, hat das Album produziert. Nick Cave schrieb und singt zusammen mit ihr das schöne „The gypsie faerie queen“, Mark Lanegan (bekannt als Frontmann von „Screaming Trees“) griff ihr bei der musikalischen Ausgestaltung in „They come at night“ unter die Arme, ein Song, in dem sie die Terroranschläge aus dem Jahr 2015 in ihrer Wahlheimat Paris musikalisch zu verarbeiten versucht. Erwartungsgemäß ist dies der mit Abstand düsterste Song auf einem ohnehin nicht gerade hoffnungsfrohen Album.

Insgesamt ist „Negative Capability“ ein sehr zurück genommenes Werk.

Die große Kunst hervorragender Musiker_innen besteht ja ohnehin darin, den Songs Luft zum Atmen zu lassen, sie nicht mit einer Reihe besonders exquisiter Tonfolgen vollzukleistern, sonder nur an den Stellen zu spielen, die es unbedingt erfordern, dann aber die absolut richtigen und notwendigen Pinselstriche aufzutragen. Diese Kunst wird auf dem Album insbesondere von Warren Ellis, den man etwa als Teil von „Nick Cave & The Bad Seeds“ kennt, nahezu in Perfektion vollzogen. Er versteht Marianne Faithfull und das, was sie mit ihren Songs ausdrücken möchte, und hat ein Gespür dafür, wann er seine Violine zum klingen bringen muss, um die Songs zu bereichern, und wann er sich zurück zu halten hat.

Dabei ist es eigentlich müßig, das Album in seine Einzelteile zu zerlegen und zu sezieren, denn es funktioniert als ganzes, ein Gesamtkunstwerk sozusagen.

Dennoch stechen einige Songs hervor: Die Neuaufnahme von „As tears go by“ etwa, Faithfulls persönliches „Smoke on the water“ oder „Stairway to heaven“, ein Song, mit dem sie 1964 18-jährig sozusagen über Nacht zum gefeierten Popsternchen wurde, der in den folgenden Jahren aber eher zu einer unangenehmen Last wurde. Später hat sie selbst gesagt, diesen Song nicht besonders zu mögen, doch vielleicht ist es gerade deshalb nur konsequent, auf einem persönlichen Album sich auch mit den eigenen biographischen Lastern und Unannehmlichkeiten herumzuschlagen. Während die Originalversion durch seinen unwiderstehlichen naiven Charme besticht, klingt der Song in seiner neuen Fassung abgeklärt und weise: „Smiling faces, I can see, but not for me, I sit and watch, as tears go by“.

Auch die Neuaufnahme von „Witche’s Song“, ursprünglich erschienen auf dem 1979er-Comebackalbum „Broken English“ gefällt im neuen Soundgewand.

Das vorangehende „In my own particular way“ kommt vergleichsweise pompös instrumentiert daher, dazu singt sie herzzerreißende Zeilen wie: „I know I’m not young and I am damaged, but I’m still pretty, kind and funny“. Wer möge ihr da schon widersprechen? Und das abschließende „No moon in Paris“ lockt auch aus denen eine kleine Träne hervor, die sich eigentlich doch größte Mühe geben, damit hinterm Zaun zu halten: „There’s no moon, no moon in Paris, and it’s very lonely here tonight“.

Selten war alleine sein so schön.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem du den Fehler markierst und Strg+Enter drückst.

  • 9/10
    Autor Luca Glenzer - 9/10
9/10

Kurzfassung

Von David Bowie bis Leonard Cohen: Die alten gefeierten Popstars der 60er und 70er Jahre haben in den letzten Jahren vielfach noch mal bestechende Alben vorgelegt, bevor sie abtraten. Auch wenn Marianne Faithfull in aktuellen Interviews beteuert, noch einiges vorzuhaben künstlerisch – was man ihr wie uns gleichermaßen wünscht – kann „Negative Capability“ doch in einer Tradition von „Blackstar“ und „You want it darker“ gesehen werden. Über ein paar weitere ebenbürtige Nachfolger würde sich freilich niemand beschweren…

Sending
User Review
9.75/10 (2 votes)
Lade mehr ähnliche Artikel
Lade mehr von Luca Glenzer
  • Illuminine

    Illuminine – #3

    Die Vorstellung, dass Inhalte und Emotionen in letzter Konsequenz nur durch (explizite) Ly…
  • Jon Spencer

    Jon Spencer – Spencer Sings The Hits!

    Da ist es also – das erste Soloalbum von Jon Spencer. Nach über 30 Jahren verrückter…
  • Catch As Catch Can

    Catch As Catch Can – Regular Vanilla

    So, man kann es nicht mehr leugnen. Der Winter ist angekommen und macht sich mit seinem ge…
Lade mehr in Alben

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte Anmelden um zu kommentieren
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch Interessant

Frank Turner – The Road Beneath My Feet

Vor ungefähr eineinhalb Jahren erschien Frank Turners The Road Beneath My Feet im Ventil V…