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„Für immer in Pop“ heißt das vorliegende Werk mit Texten von Martin Büsser, das Anfang 2018 im Ventil-Verlag erschienen ist.

Buch kaufen Vö: 15.02.2018 Ventil Verlag

Ein Titel, in dem utopischer Anspruch und Realität tatsächlich ein mal eins zu werden scheinen. Martin Büsser ist POP pur, oder war es zumindest. Denn zur Vollständigkeit der Geschichte gehört leider auch die Tatsache, dass Büsser uns im Jahr 2010 zurück gelassen hat, heimgesucht und letztlich nieder gerungen von einer aggressiven Krebserkrankung. 2010, so scheint es im Rückblick fast, war die Welt noch einigermaßen in Ordnung (war sie natürlich nicht), das Auseinanderfallen einer auf falschen Grundfesten aufbauenden Gesellschaft noch nicht ganz so weit fortgeschritten, die enthemmte Rhetorik einer in weiten Teilen reaktionären Gesellschaft noch ein wenig gebändigter.

Doch was hat all das mit Martin Büsser und seinen Texten zu tun?

Eine ganze Menge, wie sich nach der Lektüre von „Für immer in Pop“ ein mal mehr feststellen lässt. Büsser war ein brillanter Pop-Theoretiker. Brillant deshalb, weil Pop für ihn nie im luftleeren Raum statt fand, sondern immer rückgekoppelt betrachtet wurde an gesellschaftliche Konfliktlinien, an Politik, an Progression und Regression. Büsser hat sich für das Spektakel auf der Bühne interessiert, doch mindestens genauso sehr beschäftigte ihn das Spektakel hinter der Bühne. Damit sind natürlich keine billigen, kitschigen Tratsch-Geschichten gemeint, sondern Zusammenhänge, Verbindungslinien, Ideen, Visionen, Stolpersteine, Hindernisse, Ideologien, Träume, Sehnsüchte. All das zusammen war für ihn Pop. Und gewiss war er ein Pop-Romantiker, denn er hatte mitunter sehr klare (und streitbare) Vorstellungen davon, was die Unterscheidung von „Kunst“ und „Schund“ anbelangte. Er begnügte sich also nicht damit, den Istzustand eines Gegenstands möglichst minutiös zu beschreiben, sondern dachte im Anschluss daran immer auch darüber nach, welche (anti-)emanzipatorischen Potenziale sich im jeweiligen Artefakt ausmachen ließen. Denn Emanzipation war es, worum es Büsser ging (und anhand dessen er guten Pop von schlechtem unterschied).

Im Mittelpunkt Büssers Kulturrezeption steht die Sinnlichkeit, denn „ohne die Beschäftigung mit dem Sinnlichen wären wir verloren.

Faschismus und jedes ernstzunehmende Kunstwerk stoßen sich ab: Der Faschismus ist Anti-Kultur, das völlige Abtöten der Sinnlichkeit, die Plattensiedlung im Kopf. Ein graues, formloses Delirium. Und darum ist es nicht nur legitim, sondern wichtig (wichtiger denn je) über Dinge wie Musik zu schreiben.“ Dabei möchte man ihm aufgrund vieler seiner (ästhetischen) Einschätzungen zujubeln wie dem heißgeliebten Popstar aus der Jugendzeit (etwa aufgrund seiner Entlarvung Henry Rollins als inhaltsleeren, misogynen System-Epigonen), und manchmal rufen seine Einschätzungen natürlich auch Unverständnis und Kopfschütteln hervor (zum Beispiel, wenn die großartige Sade und Bon Jovi in einem Atemzug genannt werden), doch niemals sind seine Ideen banal, dumm oder unreflektiert.

Sein journalistisches Selbstverständnis wird gleich im ersten Artikel des Buches beleuchtet. Büsser setzt sich darin kritisch mit der Entscheidung von Moses Arndt, dem damaligen Chefredakteur des ZAP-Magazins, auseinander, die Zeitschrift fortan nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich herauszugeben. Fernab reaktionärer Medienkritik und Lügenpresse-Geschwafel schreibt er: „Wenn Moses meint, das Volk wolle Blut sehen, dann ist meine Reaktion die, es ihm gerade nicht zu liefern. Nicht weil ich ein in Sanftheit befangener Hippie wäre, sondern weil ich fast schon eine Art zeitlose Tugend darin sehe, „dem Volk“ (dummes Wort) gerade das vorzuenthalten, wonach es schreit. Statt RTL und Bild eben keine Schlagzeilen, keine Verknappung, nicht diesen Horror des Faktischen.“

Sätze wie diese sind es, die einem bei der Lektüre des Buches immer wieder ein Strahlen ins Gesicht zaubern. Nicht, weil es durchgehend so wäre, dass man diese Gedanken selbst so noch nie gedacht hat (auf viele trifft dies sicherlich zu, auf andere nicht), nein; aber Martin Büsser versteht es, viele Knotenpunkte so miteinander zu verbinden, dass sie in einem neuen Licht erscheinen, ihren Gehalt zu verdichten, oder anders gesagt: pointiert zu schreiben. Mit Büssers Worten bedeutet dies: „Ich will keine Meisterwerke, ich glaube nicht an Meisterwerke, aber ich erhebe für mich den Anspruch, es besser zu machen. Nicht mehr zackig auf die Dinge reagieren (…), sondern eindringen, mit dem Hämmerchen abklopfen, bis deren Hohlheit zutage tritt.“

Büsser nimmt sie alle auseinander:

Die Journalist_innen, die glauben, kritisch und aufklärerisch zu berichten, wenn sie etwa im Rahmen eines Interviews mit Band X hartnäckig die konkreten Beweggründe für die Trennung vom vormaligen Schlagzeuger erfragen. Die Musiker_innen, die ihrer ergebenen Anhängerschaft weiß machen wollen, dass ihr neues Werk mal wieder 100 % sie selbst und ihre personal struggles widerspiegelt, während sich doch eigentlich dahinter die langweiligste (und zugleich effektivste) Marktstrategie verbirgt, seit es Pop gibt. Die Produzent_innen peinlicher bis belangloser literarischer Kleinkunst, die Kleinverleger wie Büsser (als Gründer und Inhaber des fantastischen Ventil-Verlags) täglich mit dutzenden wertlosen (mal sentimentalen, mal politisch fragwürdigen) Texten bombardieren, in der Hoffnung, doch noch als verkanntes Genie entlarvt zu werden. Niemand ist seiner Kritik (und manchmal seines Spotts) sicher, und das ist letztlich auch das Schöne bei der Lektüre Büssers Texte: Es kann jeden treffen, und seine Analysen sind (fast) immer gut recherchiert, argumentiert und geschrieben.

Die in „Für immer in Pop“ versammelten Texte wurden in den Jahren 1990-2010 geschrieben. Damit stellen sie natürlich in gewisser Weise ein Stück Pop-und Kulturgeschichte dar.

Und vieles von dem, was er im Detail in seinen Artikeln verhandelt, findet man heute in anderer Weise oder gar nicht mehr vor. Doch Büsser war Theoretiker, kein Empiriker. Er hat sich meist nicht im Kleinklein des Kulturbetriebes verhangen, sondern hat sich immer auch zurück genommen, sich für den Blick von oben interessiert, für die Metaebene. Mag das Tagesgeschehen immer schnelllebiger und undurchsichtiger werden, die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Produzent_innen wie Konsument_innen randständiger, radikaler Subkulturen sind heute in vielerlei Hinsicht noch ähnlich wie vor 25 Jahren. Deshalb stellt sich bei der Lektüre des Buches auch keine Nostalgie ein, kein Wehleiden angesichts einer längst vergangenen Epoche. Denn die darin artikulierten Ideen und Analysen können auch heute, kurz vor Anbruch des Jahres 2019, als ein nützliches Werkzeug angesehen werden, um sich im Dschungel der Populärkultur zu orientieren, sind damit also hochaktuell. Chapeau, Martin Büsser!

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