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Als ich vor einiger Zeit davon hörte, dass Martin Kohlstedt mit dem GewandhausChor aus Leipzig zusammengearbeitet hat, war mein Interesse sofort geweckt

Vö: 03.05.2019Warner ClassicsLP kaufen

Chormusik war für mich eigentlich immer absolut altmodisch und hatte den moderigen Geruch von Kirche in sich. Erst durch den Isländischen Künstler Kjartan Sveinsson und seinem Meisterwerk Der Klang der Offenbarung des Göttlichen (Kritik) verstand ich, wie schön und erhaben Chorgesang sein kann. Die Ausdruckskraft der menschlichen Stimme kann durchaus als tragendes Element für moderne, klassische Musik stehen und ist auf keinen Fall ein Relikt vergangener Tage.

Die Kombination aus Klavier, Streichern, Synthesizern und dem GewandhausChor verschafft Martin Kohlstedt offenbar ganz neue Perspektiven oder Blickwinkel, um seine Klavierkompositionen neu in Szene setzen zu können.

Wer Kohlstedts Vorgänger Album Strom kennt, wird verstehen was ich meine. Einige Kompositionen dieses tollen Albums, welches 2017 erschien, fanden auch den Weg auf Ströme. Melodiefolgen, Ideen und Stimmungen von Strom führten ganz offensichtlich zu neuen Inspirationen. Der GewandhausChor ist dabei nur ein weiteres Element, um Kohlstedts kreativen Visionen einen besonderen Anstrich zu verleihen. Ströme ist somit nicht nur wörtlich gesehen eine „Weiterentwicklung“ von Strom.

Der Opener SENIMB leitet ruhig in dieses Meisterwerk ein. Ambientartige Flächensounds, erzeugt mit den wunderschönen Stimmen des GewandhausChors, sorgen für ein entspanntes Gefühl bevor ein Orchester die Ruhe durchbricht. Das klingt dann fast wie Filmmusik. Es dauert aber nicht lange bis die anfängliche Ruhe zurückkehrt und Martin Kohlstedt das Stück mit einer getragenen Klaviermelodie ausklingen lässt.

TARLEH beginnt mit engelsgleichen Frauenstimmen, die sich mit einer packenden Klavierbegleitung in ungeahnte Höhen schrauben. Das hier ist Pop-Musik im klassischen Gewand und einfach verdammt gut komponiert. Es ist wirklich atemberaubend wie ein Chor so eine Weite und Tiefe in der Musik erschaffen kann.

AUHEJA ist ein langsames Klavierstück, das durch den dezenten Einsatz des Chors veredelt wird. Man spürt hier besonders die Leidenschaft und Hingabe des Komponisten und kann sich in seiner Musik komplett verlieren.

Das Stück NIODOM ist mein absoluter Favorit. Es war bereits auf dem Vorgänger Werk Strom unter dem Titel DOM zu finden und schon damals mein Lieblings-Klavierstück.

Die neue Version setzt nun aber mit dem GewandhausChor komplett neue Maßstäbe. Die Dynamik und Kraft mit der hier musiziert wird, ist wirklich beeindruckend und verschafft mir ab Minute 4 eine Gänsehaut. Das folgende KSYCHA verbindet Klassik mit elektronischen Elementen. Der Chor wird hier bewusst als rhythmisches Beiwerk eingesetzt. So klingt die Zukunft der klassischen Musik. Martin Kohlstedts Klavierspiel wirkt hier wie von einem anderen Stern und ist wirklich innovativ und strotzt nur so vor Spielfreude.

Im eingängigen JINGOL spielt erst Chor die Hauptrolle bevor das Klavier und ein Synthesizer das Stück in eine vollkommen neue Richtung bewegen. Ich Frage mich wirklich was im Kopf von Herrn Kohlstedt vorgegangen ist, als der dieses Stück schrieb. Von „Überschwang“ und „Freude“ zu „Trauer“ und „Verzweifelung“ in knapp 5 Minuten – das bekommen nicht viele Komponisten in so einer hohen Qualität hin.

THIPHY startet wie ein guter Ambient-Track und schraubt sich innerhalb von 6 Minuten langsam und behäbig in die Höhe. In den letzten 30 Sekunden des Stückes kommt der Chor dann nochmals alleine zur Geltung und beweist auf eindrucksvolle Art und Weise warum er zu den bekanntesten Chören Deutschlands gehört.

Das abschließende AMSOMB ist ein irgendwie trauriges Lied welches anfangs vom Klavier getragen wird. Gegen Ende aber gesellen sich Chor und Orchester hinzu und machen das Stück zu einem majestätischen Meisterwerk. Ich bin wirklich beeindruckt, mit was für einer Virtuosität Martin Kohlstedt auf Ströme zu Werke geht. Die Entwicklung vom Vorgänger Strom zu Ströme kann als Evolutionsstufe gesehen werden.

Der Komponist hat durch den GewandhausChor ein bedeutendes Element seiner Musik hinzugefügt, ohne dass dieser die Überhand gewinnt.

Rein künstlerisch gesehen dürfte dieses Werk mit zu den bedeutendsten klassischen Werken moderner Komposition gehören. Die Weite und Schönheit dieser Aufnahme lässt sich nur schwer in Worte fassen. Dieses Album muss man erleben und spüren. Freunde der klassischen Musik sollten dieses Album in ihrer Sammlung haben. Allen anderen kann ich nur dringend empfehlen, ihren Horizont zu erweitern. Ströme ist ein Meisterwerk und wird in den nächsten Wochen in der Klassik Szene sicher für Gesprächsstoff sorgen. Pflichtkauf!

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Bewertung des Autors Jan Platek
Zusammenfassung
ch bin wirklich beeindruckt, mit was für einer Virtuosität Martin Kohlstedt auf Ströme zu Werke geht. Die Entwicklung vom Vorgänger Strom zu Ströme kann als Evolutionsstufe gesehen werden.
5
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