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Die Moderne schenkte uns so viele packende Werke, aber gleichzeitig haben wir unsere Wiegenlieder verloren…alle meine Werke aus den letzten Jahren haben sich diesen Fragen gewidmet, auch SLEEP. Es ist ein überlegtes politisches Statement.

Vö: 04.09.2015 Deutsche Grammophon iTunes LP kaufen

Einst bemerkte Andy Warhol, die Menschen würden in Zukunft nicht mehr sagen: „Wir gehen ins Restaurant“ sondern: „Wir gehen zur Atmosphäre.“ Zu dieser trägt nicht nur die Gestaltung und die Farbe der Wände bei, sondern auch Pflanzen, die Raumaufteilung und natürlich eine passende musikalische Untermalung. Inzwischen ist Musik nicht ausschließlich Unterhaltung und idenditätsstiftende Kultur. Für viele Leute ist sie Part der Innenarchitektur geworden. In einem Club wird sie zum wichtigsten Teil des Gesamteindrucks, ist aber nicht allein für die Stimmung zuständig. Musik beeinflusst Körper, Geist, Biochemie, Seele (falls vorhanden) in allen Lebenslagen: bewusst, unbewusst und sehr wahrscheinlich auch im Schlaf.

Der britische Komponist MAX RICHTER interessiert sich schon seit längerer Zeit für die Erweiterung des gewohnten musikalischen Spektrums. Geboren in Hameln, studierte er in England und in Italien klassische Komposition und Klavier. Schon früh fing er an, grenzüberschreitend zu arbeiten. So war er Mitbegründer einer Klavier-Gruppe, die Werke von Arvo Pärt, Philip Glass und Steve Reich interpretierte, ausserdem arbeitete er bei mehreren Alben der wegweisenden Londoner Elektronik-Gruppe THE FUTURE SOUND OF LONDON mit. Dazu war er Produzent des Comeback-Albums von Vashti Bunyan. Neben Kompositionen für Oper und Ballett gehört auch Filmmusik zum Ouvre des Meisters: „Waltz with Bashir“ und die HBO-Serie „The Leftovers“ sind nur zwei Namen, bei denen Max Richter sehr gute Werke mit seinen Klängen noch mehr veredelte.

Max Richter hat jetzt sein siebtes Album „From Sleep“ veröffentlicht.

Seine Verehrung für Bach ist gut herauszuhören, jedenfalls was die etwas leichteren Werke des Komponisten wie „Air“ betrifft. Auch macht sich der Einfluss von Philip Glass (besonders bei dem zwölfminütigen „Dream 8 – late and soon“) bemerkbar. So wie zum grösseren Teil bei seinen letzten Alben, klingen die feinen akustischen Klassik-Instrumente bei Max Richter modern, da sie wie Loops verwendet und mit einer Spur von Elektronik verbunden werden. Der Meister selbst ist für die Tasten verantwortlich, als da wären: Klavier, Synthesizer, Orgel und Elektronik, während das American Contemporary Music Ensemble Streicher und den Gesang einer Sopranistin hinzu fügt. Jeder Track hat einen etwas anderen Charakter, und jede Minute auf „Sleep“ ist wunderschön.

Max Richter möchte einen Blick auf die Interaktion von Mensch und Musik werfen. Da das Album den Namen „From Sleep“ trägt, ist leicht zu erraten, wohin in diesem Fall der Hase läuft: der Komponist hat nichts dagegen und rechnet sogar damit, dass die Zuhörer während der achtstündigen Ambient-Reise schlafen oder in den Schlaf fallen. Wobei „fallen“ ein viel zu hartes Wort ist: „in den Schlaf gewogen werden“ trifft es wohl besser. Wie bereits erwähnt hat Max Richter mit einem amerikanischen Neurowissenschaftler namens David Eagleman zusammengearbeitet, um etwas über die Hirnfunktion während des Schlafs zu erfahren.

„In der Welt der Kunst gibt es zurzeit ein erneutes Interesse an langen Werken. In der Musik ist das nichts Neues.“ So was hört der Post-Rock Fan natürlich gerne, ist ihm dies doch schon länger bekannt. In dem Zusammenhang kann durchaus ein Link zu Musik wie Drones, Ritual, Ambient und sogar Clubbing gesehen werden, wo es – unter Anderem – ebenfals darum geht, in einen trance-ähnlichen Zustand zu gelangen.

Neben der langen Original-Version gibt es eine einstündige Zusammenfassung von „From Sleep“ auf CD, als Stream und als Download.

Max Richter sieht diese als „Fenster“ zum gesamten „Sleep“. Zu erwähnen bleibt noch, dass dies keinesfalls eine Easy-Listening-Untermalung ist (aber durchaus als solche erlebt werden kann) sondern die Musik ist High Art und wischt eventuell vorhandene Grenzen zwischen E- und U-Musik weg.

Die Moderne schenkte uns so viele packende Werke, aber gleichzeitig haben wir unsere Wiegenlieder verloren…alle meine Werke aus den letzten Jahren haben sich diesen Fragen gewidmet, auch SLEEP. Es ist ein überlegtes politische Statement.

Beim Hören von „From Sleep“ bin ich übrigens noch nie eingeschlafen: die Musik ist hierfür zu interessant und zu spannend, obwohl sie eindeutig zum ENTspannen einlädt.

Nach der Veröffentlichung im September ist ein Happening in Berlin geplant, bei dem die komplette achtstündige Komposition aufgeführt werden soll. Anstatt Steh- oder Sitzplätzen soll es für die Zuhörerinnen und Zuhörer Betten geben…..

Vielleicht sehen wir uns…bei der Musik, bei der Atmosphäre oder beim Schlafen.

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