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Grelle Farben, schräge Typen und Ironie, so trocken wie der Asphalt auf sommerlichen Straßen. Die Geschichte um Modern Baseball wirkt, als wäre sie der Feder eines Indie-Film Autors entsprungen. „Holy Ghost“, das dritte Album des Quartetts aus Philadelphia, liefert nach wie vor den perfekten Soundtrack dazu.

Über Suizidversuche macht man keine Scherze. Außer, es war der eigene. Wenige Wochen vor den Aufnahmen zu „Holy Ghost, das die Band zum ersten mal nicht in Eigenregie aufnahm, ließ sich Brendan Lukens von seinen Bandkollegen und weiteren Freunden zu einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt überreden. Seit mehreren Jahren hat er mit seiner bipolaren Störung und Alkoholproblemen zu kämpfen und fand sich plötzlich auf dem Dach seines Hauses wieder. „I can’t say how I got here“, heißt es in „Just Another Face“, dem letzten Track des Albums nicht einmal halbstündigen Albums. Ein anderer Sprecher antwortet: „“If it’s all the same it’s time to confront this face to face / I’ll be with you the whole way […] We’re proud of; what is to come, and you“. Eine zufällige Nachricht von seines Bandkollegen Jake Ewald bewog Lukens dazu, den längeren und schwierigeren Weg zurück auf die Erde zu wählen.

Tripping in the Dark“ ist der Titel der sehenswerte Doku zum Entstehungsprozess von „Holy Ghost“, der diesen ziemlich treffend beschreibt. Lukens und Ewald, die Modern Baseball vor fünf Jahren in der Highschool gründeten und seit jeher für das Songwriting verantwortlich sind, teilten das Album in eine A und B Seite. In den ersten sechs Songs setzt sich Jake Ewald mit dem Tod seines Großvaters, einer neuen Beziehung und dem schwierigen Verhältnis zu seiner Familie auseinander, die weiteren sechs Songs zeichnen Brendan Lukens Ringen mit sich selbst und der Welt nach.

The glare from our stupid, spineless Words / just whining, every fucking day

Klingt ziemlich resigniert. Ist es aber nicht.

Die Texte auf „Holy Ghost“ sind ehrlicher und offener als die der beiden Vorangegangenen, die sich in erster Linie mit Fragen beschäftigen wie „Was ist zu tun, wenn ich gerade IHR versehentlich auf einer Party auf die Schuhe kotze?“ (wobei wir wieder beim Anti-Helden des Independent-Movies wären). Sein Sound allerdings bleibt unverkennbar Modern Baseball: „Wir sind in die Musik geraten über Bands, die über Blink 182 in die Musik geraten sind“, erklärt Lukens, und es ist offensichtlich, was er meint: Say Anything, Brand New, Pedro The Lion. Emo-gefärbter Indie-Punk mit rasendem Puls, zum Himmel jauchzenden Hooklines und inbrünstigen Backing Voices. Der ausgesprochen feine Sinn der Band für Melodien trägt eine derart lebensbejahende Attitüde vor sich her, das auch das leidenschaftlichste Selbstmitleid sich früher oder später in Gelächter auflöst.

Das Bemerkenswerte an Modern Baseball ist ihr Talent, ihre liebenswert-schrulligen Eigenarten erhobenen Hauptes und mit Humor derart detailliert zu zelebrieren, dass sich jeder darin früher oder später wiederfindet. Und wenn sich zu den Auszügen des Tagebuchs, für die man sich besonders schämt, auch noch Tanzen und hymnisch mitsingen lässt, kann das bestimmt nicht schaden.



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