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„Die Taten eines Helden in Mythen, Romanen und Filmen ereignen sich auf einer Heldenfahrt oder Heldenreise […], die durch typische Situationsabfolgen und Figuren gekennzeichnet ist. Diese archetypische Grundstruktur wird […] auch als Monomythos bezeichnet.“ (Quelle)

Zweifelsohne begeben sich die niederländischen Psychedelic/Space Rocker Monomyth mit ihrem selbstbetitelten Debut auf eine Reise. Im Gegensatz zu vielen anderen Protagonisten des Genres ist dies aber keine Zeitreise in die Vergangenheit, um Altbewährtes neu aufzuwärmen. Vielmehr handelt es sich hier um einen Trip getreu dem Motto: kein Plan, wohin es geht, aber wir werden schon ankommen.

Mit diesem Zutrauen in die eigenen musikalischen Fähigkeiten, die die einzelnen Musiker schon in diversen anderen Projekten bewiesen haben (Schlagzeuger ist Sander Evers von 35007, die auch Hauptbezugspunkt sind, wenn man Monomyths Sound beschreiben soll), macht man sich auf auf eine 57minütige Reise. Alles wird getragen von der Rhythmussektion. Bass und Schlagzeug sind hier dominant und weisen die Richtung. Nie verfällt man in Hektik, das sind keine Sprints zum nächsten Zwischenhalt, sondern man arbeitet sich gleichmäßigen, ruhigen aber sicheren und bestimmten Schrittes weiter vor, als ob man einen Auftrag hätte. Erfreulicherweise macht man das mit einer gewissen Spielfreude, die genau wie der Rest der Truppe aber nie in proggiges Gegniedel verfällt, sondern immer die Weite vor Augen hat und plakative Detailversessenheit vermeidet, ja manchmal sogar meditativ wirkt. Vergleichbar mit dem Sound von My Sleeping Karma in den ruhigeren Passagen zeigen sich Evers und seine Mitstreiter trotz hörbar größerem technischen Könnens deutlich straighter.

Wo Bass und Schlagzeug die Richtung vorgeben, liegen darüber Gitarre, Schweineorgel und allerhand Computersounds und geben dem Ganzen einen spacigen Charakter. Immer wieder schweift man ab, entdeckt die Umgebung, philosophiert so vor sich hin über die Geheimnisse der Welt und des ganzen Universums, um dann immer wieder vom rhythmischen Zweigestirn eingefangen zu werden. Dadurch schafft man immer wieder kleine Höhepunkte innerhalb der Songs, die wie die Episoden auf der Heldenreise scheinen.

Neben den bereits erwähnten 35007 fühlt man sich vor allem beim Einsetzen der Orgel immer wieder an Tarantula Hawk (Neurot Recordings) erinnert. Ebenso wie diese schaffen es Monomyth, den Klauen des 70er Retro Sound à la Pink Floyd und Deep Purple durch modernere Songstrukturen, zeitgemäße Produktion und Elementen des aktuellen Metals zu entkommen. Natürlich hinterlassen diese Monster Spuren, aber der Held schüttelt sich nur kurz und schreitet weiter voran auf seiner Reise.

Einzelne Songs zu beschreiben macht hier wenig Sinn. Das Album zeigt sich wie aus einem Guss. Der Großteil der Stücke ist auch miteinander verbunden. Das schafft einen schönen Fluss. Thematisch interessant sind auch die Titel. Anfang und Ende der 5 Songs werden markiert durch naturwissenschaftliche Themen. Vanderwaalskrachten (deutsch Van-der-Waals-Kräfte) sind die Kräfte, die auf molekularer Ebene wirken und die Farbe auf einer Wand, Flüssigkeit an den Händen oder Geckos auf glatten Oberflächen haften lassen. Huygens (ebenfalls wie van der Waals und Monomyth Niederländer) kennen wir alle aus dem Physikunterricht durch sein Huygenssches Prinzip, das die Brechung von Licht erklärt. Die beiden Tracks rahmen dann drei weitere Songs ein, die eher dem Bereich Mythen zuzuordnen sind: Vile Vortices (12 Regionen mit angeblich erhöhter Katastrophendichte wie z.B. dem Bermuda Dreieck), The Groom Lake Engine (Area 51) und Loch Ness.

Der Held startet in gesichertem Terrain, begibt sich seiner Stärken wissend auf seine Reise, begegnet allerhand metaphysischen Phänomenen, lässt sich aber auch von Außerirdischen, Monstern und allesverschlingenden Entitäten nicht vom Weg abbringen und läuft mit neuer Erkenntnis wieder in den heimatlichen Hafen ein. Eine wunderbare Umsetzung des Themas Monomythos.

01 Vanderwaalskrachten
02 Vile Vortices
03 The Groom Lake Engine
04 Loch Ness
05 Huygens

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