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Runter vom Gas! – Eine Prog-Institution zeigt sich von ihrer sanften Seite.

LP kaufen Vö: 16.02.2018 Metal Blade

Mit seinen Bands Spock’s Beard und Transatlantic definiert Neal Morse seit 25 Jahren modernen Progressive Rock und ist bekannt für die hohe Qualität von Musik und Live-Shows. In der Mitte seiner 50er Jahre angekommen, mit erwachsenen Kindern und auf eine ereignisreiche Karriere zurückblickend, besinnt sich Morse eher auf die basalen Dinge des Lebens und beschert uns ein ungewöhnlich ruhiges und überaus emotionales Singer/Songwriter Album. „Life & Times“ wurde inspiriert von Szenen aus dem Familienleben und allen möglichen Orten, die Morse während der letztjährigen Tour besuchte. Man erkennt ihn ihm einem nachdenklichen und natürlich immer noch hochversierten Künstler, der mit diesem Album (Spoiler: erfolgreich) versucht, die Dinge auszudrücken, die ihn im Innersten beschäftigen.

Musikalisch bewegen wir uns hier auf etwas ungewohntem Terrain, da die Songs allesamt ruhig und mitunter sehr leicht zu verdauen sind. Beim Opener „Livin‘ Lightly“ kommen noch gelegentlich kleine Progsprenkel zum Vorschein, der Rest ist reine Singer/Songwriter Manier, die dem Künstler aber zugegeben recht gut zu Gesicht steht. Es kommen Streicher zum Einsatz, wie in dem sehr unaufdringlichen und melancholischen „Joanna“ oder sogar richtig coole Bläser wie beim fröhlich beschwingten „Selfie In The Square“. Eine Ballade, wie sie vermutlich nur ein US-Amerikaner schreiben kann, stellt das Anti-Kriegsstück „He Died At Home“ dar, dass sich mit den bittersten Seiten des Soldatenlebens beschäftigt. Es fällt immer mehr auf, dass die Stücke hauptsächlich von der oberangenehmen Stimme von Neal Morse leben, die immer das richtige Maß an Sanftheit und Kante zu finden scheinen. Bei einigen Songs, wie dem radioaffinen „She’s Changed Her Mind“ oder dem sommerlichen „Manchester“, regiert völlig schamlos der eingängige Pop. Aber, das ist alles überhaupt kein Grund zur Beschwerde, man ist nur mitunter verwundert über die ausgedrückte Leichtigkeit.

Es gibt dazu eine feine, dramatische Pianoballade („You + Me + Everything“), Folk-Pickings („Lay Low“) und schwer verdauliches im Duett mit einer Dame („Old Alabama“), bis sich Morse am Ende mit „If I Only Had One Day“ mehr oder minder ernst mit einem wichtigen Thema auseinandersetzt.

Das Album ist sehr ordentlich komponiert, wirkt erfrischend und unternimmt einige Ausflüge in andere Genres, wie Country oder ein wenig an die 90er erinnernden Alternative-Rock. Man darf es sehr gerne unter „easy listening“ verbuchen, was ja auch gerne mal sein darf.

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