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NEUROSIS schauen in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Der Film „The Light Between Oceans“ spielt auf einer abgelegenen australischen Insel namens Janus. Diese hat – so wie der gleichnamige Sonnengott – zwei Gesichter: sie ist von zwei verschiedenen Meeren umgeben. Während der Ausdruck „Januskopf“ für die meisten Menschen eher negativ besetzt sein dürfte (handelt es sich dabei um jemanden der zwei Gesichter zeigt und damit als unehrlich wahrgenommen wird) ist der ursprüngliche Sinn positiv.

Janus wird als Symbol von ewiger Dualität gesehen. Als Beispiele sind Licht und Dunkelheit zu nennen, sowie Zukunft und Vergangenheit, Zerstörung und (Neu-)Schöpfung.

Der Schreiber sah den erwähnten Film am Tag der Veröffentlichung von „Fire Within Fires“ und fand: Das ist ja mal ’ne Koinzidenz! Denn die Janus-Eigenschaften passen perfekt zum aktuellen Album von NEUROSIS.

Dreißig Jahre NEUROSIS sind ein für die Musikwelt nicht mehr ganz ungewöhnliches, aber doch bemerkenswertes Phänomen. Besonders wenn es sich um eine Band handelt, die in den vielen Jahren mehrere Transformationen durchlaufen und keine Angst vor Neuentwicklungen und vor der Erforschung neuer Genres hat.

Dazu kommt beim Album Nummer Elf „Fire Within Fires“ die interessante Tatsache, daß seit der Entstehung von NEUROSIS vor dreißig Jahren an dem Werk gearbeitet und gefeilt wird. Unter Mithilfe von Produzenten-Mastermind Steve Albini haben Scott Kelly, Steve Von Till, Jason Roeder, Noah Landis und Dave Edwardson fünf Songs (Spieldauer: vierzig Minuten – relativ kurz für einen Album der Band) aufgenommen, die sich zwischen düsterem Weltschmerz und brachialer Schönheit bewegen. Die Metal-Wurzeln sind nach wie vor da. Sie werden zugunsten von Sludge, Postrock-Anleihen und Doom zwar nicht verwischt, aber die Sounds aus den vielen Jahren der Karriere werden in den langen Tracks nebeneinander gestellt und miteinander verbunden. So ist im Opener „Bending Light“ nach einem Doom-Beginn etwas ambientartiger Psyhedelic-Rock zu hören, bevor elektronische Effekte einsetzen und nach einer Weile ein brachialer Hardcore-Part folgt. Uff…

„Fire is the End Lesson“ fällt auf mit sehr ruhigen und für NEUROSIS-Verhältnisse fast schon fluffigen Gitarren-Passagen, die (natürlich) irgendwann aufhören die Zuhörer zu umgarnen. Diese werden nicht ganz unerwartet und standesgemäß in ein dunkles und labyrinthisches Netz gehüllt. Hat man sich an den Mellow-Sound gewöhnt, fliegen einem postrock-mässige Gitarren um die Ohren, bevor Scott Kelly’s reißnagel-gegurgelte Stimme loslegt.

Das letzte Lied „Reach“ lässt dann sämtliche Post-Metal-Wurzeln hinter sich und setzt fast komplett auf eine düstere Ambient-Atmosphäre. Kelly singt am Ende: „We’ll Never Ever Get To Rest“. Ein Versprechen welches Hoffnung gibt.

Hat jemand gesagt, NEUROSIS seien nicht mehr „Heavy“? Irrtum. Sind sie doch – wenn auch auf eine andere Art als in frühen Tagen. Angenehm ist dabei, dass sie sich nicht in der Vergangenheit verfangen, sondern Elemente aus ihrem musikalischen Kosmos mit Neuem verbinden. Seit-fünfzehn-Jahren-Haus-und-Hof-Produzent Albini wird hier wohl seine guten Einflüsse geltend gemacht haben. Der Sound wirkt roh und erdig, die Instrumente stehen gleichberechtigt nebeneinander und sind auf’s Wesentliche reduziert, wobei sich beim aufmerksamen Zuhören einzelne musikalische Nuancen herausschälen. Dadurch wird jedem einzelnen Lied eine besondere Dramaturgie verliehen.

„Fire Within Fires“ funktioniert (neben hoffentlich bald stattfindenden Live-Präsentationen) am besten zu Hause, in aller Ruhe, unter einem guten Kopfhörer, der gerne ein bisschen lauter gedreht werden darf als es der so genannte gesunde Menschenverstand einflüstert.

Tracklist:
1. Bending Light
2. A Shadow Memory
3. Fire is the End Lesson
4. Broken Ground
5. Reach

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