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Hach, die Bergluft. Sauerstoff in die Lungen, Blut in die Beine, sich mal wieder Überblick verschaffen. Denn bekanntlich erscheint mit der nötigen Distanz jedes Problem gar nicht mehr so groß. Und der Punkt, der sich dort unten bewegt, was ist das noch gleich? Könnte das…? Ah, hab mich schon gefragt, wo mein Verstand steckt.

Auf der Flucht vor der brennenden Rastlosigkeit und nagenden Zweifeln treibt es den Protagonisten von Hallo Boden in die Berge. Nach sieben Jahren Bewegungsfasten, die er auf dem Boden liegend verbringt, um das letzte bisschen Ich in der Gravitation zu verankern, ist für ihn der Tag gekommen, es noch einmal mit dem Leben zu versuchen. Mal eben rauf auf den Watzmann, der Angst ins Gesicht lachen, einen Spezi schlürfen und dann ab zurück in die Supermarktkassenschlangen-Realität. Soweit der Plan, kommen tut natürlich alles ganz anders…

Johannes Molz, der mit Hallo Boden sein erstes Werk unter dem Namen „Null“ veröffentlicht, teilt einige Gemeinsamkeiten mit seinem Protagonisten: Eine musikalische Ausbildung, eine Vorliebe für ausladend-morbide Denkschleifen und: die Unruh, natürlich. Denn ohne seine ungestüme Fritz Cola-Mentalität wäre Molz sicherlich nie gelungen, was in und um Hallo Boden steckt: Ein in kompletter Eigenregie geschriebenes, eingespieltes und produziertes Konzeptalbum, das sich außer auf Polycarbonat auch zwischen die Buchdeckel einer beiliegenden Novelle presst.

Die Parallelen und Querverweise beider Medien ergänzen sich auf erstaunliche Weise: vor selbstironischen Fußnoten sind selbst Johannes Molz‘ Songtexte nicht gefeit und der „magische Realismus“ (Salvador Dalí lässt grüßen), auf den er sich im Rückentext augenzwinkernd beruft, schlägt sich selbstverständlich auch in seiner Musik nieder. Der Pathos hat hier eindeutig die Pantoffeln an und macht es sich selbst in choralen Interludien à la Hirscheffekt bequem. Die Stücke zwischen dem Zwischen pfeifen auf konventionelle Songstrukturen und bewährte Sprechrhythmik und werden mal von perlender Konzertgitarre, mal von zentnerschwerem Metal Riffing getragen. Das Schlagzeug kommt mit einer Vielzahl von Effekten im Schlepptau daher und weckt in Verbindung mit dem metaphorisch düsterem Gesang nicht selten Dark Wave und EBM Assoziationen.

Meine Unruh brennt mich / aber was wäre ich schon ohne sie / Dieses kleine Mantra frisst mir grad die Seele auf / und brennt

Vielleicht ist es gerade diese Unruh, die Null hier und da zu viele Ebenen übereinander schichten lässt. Im pathetischen Felsmassiv bleiben so schillernde Melodien und Wortspiele schnell einmal unentdeckt. Denn diese machen eindeutig die Stärke von Hallo Boden aus: Wenn der Schlaf „restfett“ über die Schwelle torkelt oder Ängste „in Trauben im Nachthemdchen in der vernebelten Morgenkälte herumzittern“ – dann löst sich selbst die trägste Vorstellungskraft vom Boden und macht sich auf die Reise.

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