Weihnachten in der Anstalt – das Panzerballett rollt wieder!

LP kaufen Vö: 24.11.2017 Gentle Art Of Music

Vorweg: ich hasse Weihnachten. Mit allem, was dazu gehört. Nikoläuse, Glitzergebrimsel, Konfekt, Verwandtenbesuch und – vor allem – Weihnachtslieder. Was ich allerdings sehr gerne mag, ist bekloppte, schwer zu fassende Musik, weshalb ich die Weihnachtsplatte einer Fusionband unmöglich unbeachtet lassen konnte. Was das Münchner Panzerballett um Komponist Jan Zehrfeld hier abliefert, lässt sich allerdings schwer in Worte fassen, ich werde es dennoch versuchen. Auf ihren vorherigen fünf Alben fünf Alben hatte das Quintett bereits einige bekannte Stücke mit dem Jazzmetalpanzer überfahren, die Versionen festlicher Lieder dürfen allerdings der bisherige Höhepunkt aller Obskuritäten sein.

Meiner Rezension zugrunde liegen das neue Album „X-Mas Death Jazz“ und ein Konzertbesuch im Aschaffenburger Colos-Saal, bei dem die Band ihr neues Werk derart perfekt und detailgetreu dargeboten hat, dass es kaum einen Sinn gemacht hätte, je eine Rezension zu verfassen.

Am vergangenen Dienstag begab ich mich also in den beliebten Aschaffenburger Club, der zu meiner Überraschung mit Stehtischen und hohen Stühlen versehen war. Offenbar war man sich schon bewusst, dass dieses Musikerlebnis der besonderen Art nicht von den gleichen Massen besucht werden würde, die hier bei Trendmusik oder Coverbands aufschlagen. Zu Beginn des Spektakels war der Veranstaltungsraum dennoch zu wenigstens zwei Dritteln gefüllt und die Atmosphäre angenehm und gemütlich.

Die Show startet mit einer Ansage des überaus sympathischen Bandkopfs und ich erfahre, dass ich Zeuge des Tourauftakts werde. Der Evergreen „Little Drummer Boy“ wird verwurstet. Auf das erste Hinhören würde man die Nummer nicht hinter dem dargebotenen vermuten, sobald jedoch Herr Zehrfeld mit seinem völlig irrsinnigen „Parampampampam“-Rufen loslegt, ist die Katze aus dem Sack und kein Auge bleibt trocken. Es wird sofort klar, dass die Bühne ausschließlich mit Virtuosen bestellt ist. Schlagzeug, Bass, Saxophon und drei Gitarren (Gast: Rafael Trujillo von den Tech-Death-Profis Obscura) sind in jeder Hinsicht im völligen Einklang, es gibt keine Verspieler oder schräge Töne, wenn doch, dann sind sie Teil des Songs. „Kling Glöckchen“ erklingt in manischem Wahnsinn und zeigt die Fusionmusik von ihrer besten Seite. Tiefe Gitarren, drei- oder mehrstimmige Licks des Hauptthemas und eine Mischung aus Jazz und Raserei faszinieren mich. Das jedes Jahr ab Oktober maßlos überdosiert ins Land geworfene „Last Christmas“ versinkt anschließend angenehm im Chaos. Absolut unglaublich, was man aus dieser schnarchigen Nummer herausholen kann! Es gibt immer wieder Rhythmuswechsel und abgefahrene, hochtechnische Soli. „Es kommt bald“ ist „Leise rieselt der Schnee“ im Death-Jazz-Gewand. Das Thema ist zwar klar erkennbar, ist aber mit einigen fiesen Misstönen gespickt, die mich angenehm schaudern lassen, wozu auch die Abwechslung zwischen ruhigen und heftigen Parts beiträgt. Hier wird längst totgedudelten Blockflötenstandards massiver Anspruch eingehaucht, dass man sich fragen muss, warum hier niemand früher auf die Idee kam. Vor einer kurzen Pause (nachvollziehbar bei dem, was die Herren auf der Bühne leisten), gibt es „Smoochy Borg Funk“ vom letzten Album „Breaking Brain“ auf die Ohren, das zwar ebenso für offene Münder sorgt, sich allerdings nicht ganz so gut in die Festtagsstimmung einfügt.

Das zweite Set beginnt mit dem groovigen, fetten „For Whom The Jingle Bells Toll“ (allein der Titel ist grandios!), bei dem es sich natürlich um eine Version des Amerikanischen Smash Hits handelt. Zwar immer noch höchst filigran, wird hier zusätzlich noch ganz ordentlich gewalzt. Die beiden nachfolgenden Stücke „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ und „White Christmas“ existieren in je einer Vokal- und einer Instrumentalversion auf dem Studioalbum, die sich interessanterweise trotzdem von der Stimmung unterscheiden. Live wurden die Gastsänger nicht verpflichtet, was sich im Gesamtkonzept der Bühnenshow allerdings sogar etwas besser macht. Die Vocals verleihen den Songs einen trashigen Charakter, der Live sicherlich zu Einbußen der gefühlten Professionalität führen würde. Nach dem mit geile Growls versehenen „Let It Snow“, das musikalisch selbstverständlich in die gleiche Kerbe schlägt, wie die restlichen Weihnachtslieder. Es folgt noch eine Zugabe, „Zehrfunk“, das bekannteste Stück der Band, das allerdings auch den Weihnachtskontext verlässt.

Wie bereits erwähnt wurden alle Stücke des neuen Albums perfekt ins Liveprogramm übertragen, was allein schon zeigen dürfte, mit welchen grandiosen Musikern wir es hier zu tun haben. Wahnsinn!

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