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Lob der Lob der Realität

Manch einer wird sich jetzt denken: PeterLicht? Ach ja, das war ja der mit dem Sonnendeck, so’n Spaßelektrohit vor mehr als einem Jahrzehnt. Den gibt’s noch? Macht er jetzt ironischen Berlintechno? Wäre ja cool, Sonnendeck war doch lustig.

Es ist seltsam mit PeterLicht. Tatsächlich hätte er alles, was ihn aktuell zu einem Deutschpopsuperstar machen könnte: Irgendwie-Lo-Fi-Elektropop mit durchaus tiefgründigen Momenten, verquaste Texte, poetryslameske Auftritte. Trotzdem führt der Herr, der (zumindest vor ein Paar Jahren noch) sehr bedacht darauf war, dass man sein Gesicht nicht kennt, nach wie vor eine Art Nischendasein. Fast jeder hat den Namen schonmal gehört, kaum einer kennt mehr als Sonnendeck oder neuerdings Das Ende Der Beschwerde. Denn irgendwie gibt’s bei PeterLicht keine offensichtliche Jutebeutelironie, der – so viel kann man verraten – schütter-rothaarige Herr aus Köln macht sein Ding zwar mit mehr als nur einem Augenzwinkern, nimmt es auf irgendeine Art und Weise aber ernst, ohne die sonst bei deutschsprachiger Nicht-Xavier-Naidoo-Musik jedweder Couleur mitschwingende Hipsterarroganz und Undercutaggression zu versprühen.

Es ist schön, dass man wieder was von PeterLicht hört, obwohl er nie wirklich weg war: 2011 erschien Das Ende Der Beschwerde, drei Jahre nach dem etwas lauen Melancholie und Gesellschaft, das zwei Jahre nach Lieder Vom Ende Des Kapitalismus erschien, das drei Jahre nach Stratosphärenlieder erschien, das zwei Jahre nach Vierzehn Lieder erschien. Ein straffer Releaseplan und eine ansehnliche Menge Material also, die es auch immer wieder Live zu sehen gibt. Glänzen die Alben vor allem durch ihren lyrischen Gehalt (und ja, den Ohrwurmcharakter), sind Auftritte von PeterLicht vor allem von Abwechslungsreichtum und der Energie dieses kleingeratenen Ex-Popmusikphantoms geprägt. So folgt auf Es Bleibt Uns Der Wind in seiner melancholischen Schönheit auch schonmal eine gerappte oder Punk-Variante von Wettentspannen oder – oh graus, aber trotzdem cool! – zu Mitmachstücken umfunktionierte Albenkuriositäten wie Benimmunterricht oder Wir Sind Jung Und Machen Uns Eben Sorgen. Dazwischen trägt der Herr Licht, übrigens seit 2007 auch verdienter Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises (Publikumspreis), Texte vor, die wie auch die Songtexte durch ihre teils absurden Gedankensprünge und Alltagsbeobachtungen bestechen, erneut, ohne den weltverbesserischen, glutenfreien Duktus beispielsweise einer Julia Engelmann. Aber Herr Licht ist eben kein Poetryslammer – und das ist auch gut so.

Es war wirklich an der Zeit, das dynamische Potenzial dieser Liveauftitte auch für die Ewigkeit festzuhalten und das ganze gewinnbringend in die Plattenläden zu stellen. Und mit Lob Der Realität ist einerseits eine CD entstanden, die ganz in der Tradition pseudointellektueller PeterLicht-Albentitel steht, andererseits aber den Besuch eines PeterLicht-Konzertes ganz passabel abbildet. (Ob dem Album die zu Wir Sind Jung Und Machen Uns Eben Sorgen ausgeteilten Textzettel beiliegen, ist dem Autor dieser Zeilen allerdings nicht bekannt). (Weiterhin frage ich mich, wie viele Menschen PeterLicht-Titel von Buchtiteln Elias Canettis unterscheiden können).

Diese zwei CDs, die 23 Stücke, ersetzen den Besuch eines solchen Konzertes tatsächlich in allen Höhen und Tiefen. Die Höhen überwiegen dabei natürlich: Unterhaltungsfaktor, Qualität und Songauswahl sind, wie auch bei den Konzerten, großartig – allerdings bleibt da auch der Fakt, dass auf einem 2014 erschienen Live-Album fast ausschließlich die gleichen Texte vorgetragen werden, und die gleichen Songs ähnlich gespielt werden, wie bei zwei persönlich besuchten Auftritten 2011 und 2013. Neues sucht man auf einem Live-Album erwartungsgemäß größtenteils vergebens. Der angepriesene Abwechslungsreichtum ist sogesehen teils nur ein struktureller, nicht ein inhaltlicher. Allerdings kann man sich mit diesem Album die – meiner Meinung nach immer noch großartige – Geschichte vom Hosenkönig endlich ins Regal stellen und auf Abruf anhören. Ich jedenfalls werde das definitiv tun. Lob Der Realität ist ein Album, das einem PeterLicht würdig ist. Und wer das Livealbum gerne noch live erleben möchte kann das auch noch tun, schließlich geht der Herr Licht in Kürze erneut auf Tour – diesmal vielleicht mit mehr neuerem Material..?

Termine:
27.09. Volksbühne, Berlin
03.10. ARGEkultur, Salzburg
28.10. E-Werk, Erlangen
29.10. Schauspielhaus, Wien
07.11. Lagerhalle, Osnabrück
09.11. Kampnagel, Hamburg
13.11. Schürr, Luzern
21.11. Staatstheater, Nürnberg
09.12. Mousonturm, Frankfurt

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