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Die Punks von pogendroblem gehen in ihrem kürzlich veröffentlichten Interviewfilm auf die Suche nach Utopie und befragen dafür befreundete Bands und Labelmacher:innen aus der DIY-Szene. Nun stellt sich die Band selbst dem PiN-Interview.

Vergangenen Donnerstag veröffentlichten pogendroblem ihren selbstproduzierten Interviewfilm pogendroblem präsentiert: Auf der Suche nach der Utopie auf Youtube (der Film ist auch am Ende des Interviews zu finden).

Im Film befragt die Band verschiedene Bands, Labelmacher:innen und Aktivist:innen über ihre Vorstellungen zu Utopie, einer solidarischen Gesellschaft und einem besseren Leben. Für prettyinnoise.de stellen sich nun Georg und Lau selbst dem Interview sprechen über die Motivation hinter dem Film, die DIY-Punkszene und die kommende EP.

Hallo pogendroblem! Für alle, die zum ersten Mal von euch hören: Erzählt doch bitte kurz, wer ihr seid, was ihr macht und was euch antreibt.

pogendroblem sind eine Punk-Band aus Bergisch Gladbach/Köln, die langsam aber sicher die Transformation von einer Schüler:innenband zur urbanen Müdigkeit vollzogen hat.

Pandemie, eskalierende Polizeigewalt, erstarkender Rassismus, ein US-Präsident, der „die Antifa“ zum politischen Feind erklärt und dafür ein Symbol des NS-Regimes benutzt – das Timing für einen Film mit dem Thema Utopie könnte in diesen dystopischen Zeiten nicht besser sein. Was hat euch dazu motiviert, diesen Fragen nachzugehen und einen Interviewfilm zu machen?

Wir hatten vor ca. einem Jahr, als die Idee für den Film entstand, das Gefühl, dass wir persönlich, aber auch gesamtgesellschaftlich, genug von Abwehrkämpfen gegen die erstarkende Rechte oder Akteure wie RWE hatten und es an der Zeit sei, über Vorstellungen eines guten Lebens zu sprechen. Da wir ohnehin an der neuen Platte gearbeitet haben, kamen Lauritz und ich (hauptsächlich verantwortlich für die Doku) auf die Idee, beide Projekte zu verknüpfen. Die großen Fragen begleiten uns bandintern natürlich auch schon sehr lange, wie „Wir“ als Soundtrack des Films etwa widerspiegelt.

Ihr habt euch für den Film hauptsächlich auf die kleine, „heile“ DIY-Punk-Welt fokussiert. Habt ihr das Gefühl, dass dort einigermaßen Konsens darüber herrscht, was die Vorstellung einer utopischen, solidarischen Gesellschaft ausmacht?

Wie im Film ja auch deutlich wird, ist die DIY-Punk-Szene vergleichsweise homogen. DIY-Punk haben wir als politische Selbstorganisation und als das Kontextualisieren von subkultureller Aktivität in einen politischen Rahmen verstanden. Dementsprechend haben wir vor allem Punx interviewt, die diese Selbstbezeichnung auch mit einer politischen Dimension verknüpfen. Dennoch haben wir uns ebenfalls auf die Struggle innerhalb der Szene fokussiert. Im Zuge dessen werden interne Konflikte in Bezug auf „race“, „class“, „gender“, (Reproduktions-)Arbeit, Selbstausbeutung und Kommunikation deutlich. Diese wiederum und die unterschiedliche Betroffenheit von Ausgrenzungsideologien wie Rassismus, Klassismus, Sexismus, Ableism etc., die auch die Punkszene strukturiert, wirken sich auf die persönlichen utopischen Ideen aus. 

Die DIY-Punk-Subkultur lebt von Solidarität, Gleichheit und gemeinsamer Ideale – wie aber lässt sich im „gemeinen Bürgertum“ das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer freien und solidarischen Gesellschaft wecken?

pogendroblem sind das gemeine Bürgertum. Die Frage ist hier zudem, ob es wirklich nur um Bewusstsein geht und nicht bspw. auch um Interessen. Der Film kann ein Startpunkt sein, um sich auszutauschen, sich zu organisieren und Strategien zu entwickeln, um für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen. Aspekte, die die DIY Punk Szene beisteuern kann, sind neben Solikohle vor allem Kultur- und Wissensproduktion. Genau deshalb liegt unserer Platte (print und digital als Bandcamp-Gadget) ein Workshop-Konzept für eine Manifesto-Werkstatt bei, um das Thema Utopie weiter vertiefen zu können. Dieses Bildungsmaterial ist auch unter dem Video verlinkt: „Wie wollen wir zusammen kämpfen und für was überhaupt?“

Wie sieht für euch persönlich das Leben in einer Utopie aus – gesamtgesellschaftlich, also auch mit Menschen, die abweichende Meinungen und Vorstellungen haben? Ist das überhaupt möglich?

Wow, schwierige Frage. Vielleicht hätten wir uns selbst interviewt, wenn wir Ideen hätten.

pogendroblem | (c) Georg Gläser

Im Eröffnungstrack eurer kommenden EP Ich-Wir setzt ihr den französischen Philosophen Michel Foucault in ein Großraumbüro und kritisiert die auf den ersten Blick fortschrittliche und freie Kultur der neuen Arbeitswelt, die am Ende jedoch auch nur durch Überwachung und Bestrafung funktioniert. Habt ihr eure eigenen Erfahrungen in solchen Situationen gemacht?

Wenn auch keine:r von uns bis dato einen längerfristigen Großraumbürojob hatte, werden wir jeden Tag von unserem eigenen inneren Foucault überwacht und bestraft. „My brain is a panopticon.“ Die inkorporierte Marktlogik, die sich im Großraumbüro (wie ist eigentlich prettyinnoise.de organisiert?) noch recht klar zeigt, durchzieht ja ebenfalls unser Denken. Sei produktiv, sei aktiv, sei glücklich, sei gesund, streng dich an, sei erfolgreich, deine Verantwortung…

Gleichzeitig kritisiert ihr eure eigene Akademisierung und die Verwendung schwieriger Begriffe, anstatt direkt zu sagen, „dass Lohnarbeit einfach nicht geil ist“ – Scheitert Gesellschaftskritik manchmal an zu viel theoretischem Überbau?

Die Kunst ist es, viel theoretischen Überbau in treffende, verständliche Worte zu packen. Daran scheitern wir oft. Im Punk und generell sollte aber auch immer Raum sein für Dysfunktionalität, Dummheit, Leichtigkeit, Destruktion – solange sie nicht übergriffig ist. Saufen zum Beispiel.

Neben den vier neuen Songs findet sich auf der B-Seite von Ich-Wir eure Debüt-EP raus. Fanservice oder eiskalte, kapitalistische Kalkulation?

Kapitalistische Kalkulation over 9000!

Die letzten Worte gehören euch!

Wichtig ist uns nochmal zu betonen, dass der Film das Ergebnis kollektiver Prozesse ist und wir immer noch super charmed sind von den Interviewprozessen, dem auch für uns eröffneten Raum über transformative Perspektiven zu reden und der Möglichkeit im Rahmen der DIY-Punk-Szene mit so vielen lieben Menschen und angenehmen Orten verknüpft zu sein.

Titelbild: pogendroblem | (c) Georg Gläser

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